In den Kulturen Ostasiens sind die Sphären der Geister und des Menschen durchlässig. Manchmal bewegen sie sich auch in denselben Räumen, werfen ominöse Schatten oder machen mit Klopfzeichen auf sich aufmerksam. Inzwischen erfreut sich der Geister-Topos auch im westlichen Kino größter Beliebtheit, doch lange gehörte diese spirituelle Verfasstheit der Welt zu den Topoi, die man gemeinhin mit dem asiatischen Kino verband: von dem Wuxia-Klassiker „A Chinese Ghost Story“ bis zu den Filmen des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul.

In der Anwesenheit der verstorbenen Seelen liegt immer auch etwas Tröstliches: Sie erzählt den Menschen etwas vom Weiterleben und -lieben über die Beschränkung der physischen Existenz hinaus.

Der in Köln geborene Filmemacher Roderick Warich hat aus seiner Affinität für das ostasiatische Kino und die thailändische Kultur im Speziellen schon in seinem Regiedebüt „2557“ keinen Hehl gemacht. Während der deutsche Film sich immer noch zu selten aus der Komfortzone der eigenen Sprache und Weltsicht hervorwagt, begibt sich Warich mit seiner zweiten Regiearbeit erneut in die nächtlichen Häuserschluchten von Bangkok.

„Casino Funeral Blues“ vereint schon in seinem Titel all die Stimmungen, die die Bilder seines Kameramanns Roland Stuprich evozieren: das vergebliche Glücksversprechen des Kapitalismus, den Tod und die Melancholie der einsamen Großstadtmenschen, deren Gesichter im fahlen Schein ihrer Handy-Displays erleuchtet sind. In den allgegenwärtigen Überwachungsaufnahmen wirken sie fast schemenhaft.

Unsichtbarer Schutzengel mit Pistole im Hosenbund

Ähnlich assoziativ – und nicht weniger klischeebeladen – erzählt Warich seine Außenseiterballade um die junge Jen (Jutarat Burinok), die als Eskortdame für „Farangs“, wohlhabende Expats, ihren Lebensunterhalt verdient, und den Barkeeper Wason (Chaiwat Bualuang), der Spielschulden angehäuft hat. Seine Waffe im Hosenbund deutet früh im Film an, dass diese Geschichte eigentlich nicht gut enden kann.

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Zunächst setzt er sie aber nur als Drohgebärde ein, um einen etwas übereifrigen Freier von Jen fernzuhalten. Die beiden leben im selben anonymen Apartmentkomplex. Und weil ihre Erwerbstätigkeit noch mal deutlich riskanter ist als seine Spieleinsätze, bietet er sich als Schatten bei ihren Treffen an. So wird er zum ersten Mal ein Geist: ein stets präsenter, aber unsichtbarer Schutzengel. Bei ihren nächtlichen Fahrten auf dem Motorrad klammert sie sich von hinten an ihm fest: Halt in einer ungewissen Welt, in einer unaufhörlichen Fluchtbewegung.

Der Film

Funeral Casino Blues Deutschland, Thailand 2025 Regie und Buch: Roderick Warich. Mit: Chaiwat Bualuang, Jutarat Burinok, Chayanee Choomnoommanee, Wason Dokkathum. 153 Minuten. Jetzt im Kino.

Zwei Menschen auf einem Motorrad im nächtlichen Bangkok, das sei auch die Urszene für „Casino Funeral Blues“ gewesen, hat der Regisseur in einem Interview erzählt. Von diesem Motiv aus entspinnt sich eine Geschichte, die sich weniger für die Überlebensstrategien ihrer Figuren interessiert als für Stimmungsbilder und die mythische Überhöhung von im Neonlicht schillernden Straßenzügen. Diese Bilder gehören längst ins Repertoire des Weltkinos, dank der stilisierten Hongkong-Inszenierungen Wong Kar-Wais und im Slow Cinema der taiwanesischen New Wave Anfang der neunziger Jahre.

So wird die Metropole zur faszinierenden Benutzeroberfläche für einen deutschen Kinoträumer. Kulturelle Aneignung kann man Warich dabei nicht vorwerfen: Seine Hauptdarsteller und seine Crew hat er in Thailand gefunden, nur manchmal fällt in „Casino Funeral Blues“ ein englischer Satz. Das Drehbuch ist so weit von konventionell dramatischen Handlungselementen bereinigt, dass es sich mit zunehmender Dauer – 150 Minuten dauert seine Großstadtmeditation, aber auch Zeit ist flüchtig – einer kohärenten Geschichte entzieht.

Der Regisseur möchte sein Publikum eher mit einem Vibe abholen: Dass er diesen nicht in Berlin-Kreuzberg oder in der Hafencity Hamburg vorfindet, ist nachvollziehbar. Aber einen gewissen Exotismus kann man seinen traumhaft unscharfen Bildern, den Neon-Noir-Impressionen, auch nicht ganz absprechen. Zumal der persönliche Einsatz, den seine Figuren für die Teilhabe am Leben riskieren, immer nur ein Kinozitat bleibt – und nur selten auf eine soziale Realität verweist.

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Roderick Warich, der zusammen mit Timm Kröger („Die Theorie von Allem“) und Sandra Wollner (aktuell im Kino mit dem preisgekrönten „Everytime“) zu einem der künstlerisch interessantesten Kollektive im aktuellen deutschsprachigen Kino gehört, eröffnet aber auch eine neue Perspektive für das überkommene Konzept einer nationalen Kinematografie.

Deutsches Kino definiert sich hierzulande immer noch überwiegend über Sprache, Produktionsbedingungen und Fördergelder. Aus dieser gedanklichen Enge bricht „Casino Funeral Blues“ fulminant aus. So hypnotisch-berauschend sah der deutsche Film schon lange nicht mehr aus.