
AUDIO: Jugend in Ostdeutschland präsentiert sich selbstbewusst «ostdeutsch» (4 Min)
Stand: 17.08.2026 12:12 Uhr
Immer mehr junge Menschen mit ostdeutscher Biografie positionieren sich in ihrer Musik, ihren Büchern, Podcasts und in sozialen Medien bewusst als ostdeutsch. Aber was ist «Ostdeutschsein»?
Wer darf sich eigentlich ostdeutsch nennen? Im Sammelband «Postwendekinder» finden sich vier Definitionen. Menschen sind entweder: «‚geo-ostdeutsch’ durch Wohnort, ‚bio-ostdeutsch’ durch Geburtsort, ‚emo-ostdeutsch’ durch Selbstbezeichnung oder ’sozio-ostdeutsch’ durch Sozialisierung.»
Wieso müssen wir eigentlich über 35 Jahre nach der Wende immer noch über Ost und West reden? Müssen wir überhaupt? Die Autorin und Journalistin Marieke Reimann findet: Ja, müssen wir. Sie ist 1987 in Rostock geboren und im Plattenbau aufgewachsen. Bis vor zwei Jahren war sie Chefredakteurin beim Südwestrundfunk. In Ihrem neuen Buch «Zweite Wende» legt sie offen, dass der Osten in den Medien immer noch zu viel als Klischee erzählt wird. Und: Es gebe zu wenig Ossis in den Medien. «Wir sind jetzt in einer Generation, die es sich zu eigen macht, ihre ostdeutsche Biographie weder als fremdbestimmt noch als negativen Punkt zu verstehen», so die Autorin, «sondern selbstbewusst zu sagen: Ich komm‘ hier aus Cottbus, Stralsund oder dem Erzgebirge und da bring ich auch Gutes mit in eine vielleicht diversere Runde.»
Rapperin Sookee: Gemeinschaft als Wert empfinden
Zu der «diverseren Runde» der Nachwende-Kreativen gehört auch die Rapperin Sookee. Sie ist Jahrgang 1983 in Pasewalk geboren und bevorzugt das Wort «Ossi». Und «Ossi» sein ist für die Musikerin verknüpft mit Werten, die Ihre Mutter ihr mitgegeben hat. «Ich mach es mal an einem sehr plumpen und sehr handwerklichen Beispiel fest, was aber eine wahnsinnige Poesie für mich hat: ‚Der hat einen Hammer, ich hab ’nen Nagel, du hast ein Brett. Komm, wir bauen uns eine Laube.’ Diese Gemeinschaft, die teilen kann, die das auch toll findet und die das als Wert empfindet. Das sind Dinge, die kenne ich aus meiner Ost-Familie.»
Lukas Rietzschel ist Autor, Jahrgang 1994 aus der Oberlausitz. Er sagt über sich: Ich bin ein Sachse. Sein Roman «Sanditz» über eine fiktive ostdeutsche Kleinstadt wird gerade von Kritikern gefeiert und steht auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Monchi von der Punkband «Feine Sahne Fischfilet», Jahrgang 1987, ist in Jarmen, in Mecklenburg-Vorpommern, aufgewachsen. «Ich liebe die Gegend hier», sagt er. «Ich liebe die Ostsee, Hansa Rostock. Ich lieb meine Freunde und meine Familie.» In seinem neuen Buch «Jenseits der Brandmauer» wird deutlich: Ostdeutsch sein heißt für ihn eben auch vor Ort sein, um sich dort zu engagieren. Da ist es wieder, das Gemeinschaftsgefühl. Und irgendwie auch eine Widerstandsfähigkeit. Ist das ostdeutsch?
Ostdeutsche junge Stimmen bringen Vielfalt und eigene Geschichten
Rachel Hanf, Jahrgang 2006 aus Wismar, hat unter anderem den ersten CSD in Ihrer Stadt ins Leben gerufen. Sie fühlt sich weder «ost» noch «deutsch». «Gerade ich als Nachwendekind sehe mich nicht als jemand, der sich über ein vermeintlich deutsches Wir definieren möchte», meint die Influencerin, «weil gerade rechte und rechtsextreme Akteure oft auf solche Klischees gerne zurückgreifen. Sie nutzen sie, um ein vermeintliches ‚Wir Ostdeutsche gegen Andere‘ abzugrenzen.»
Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987 aus Potsdam, bevorzugt das Wort «ost-sozialisiert» und erklärt es in Ihrem neuen Buch «Niewiedervereinigung» so: Der Osten sei nur in seiner Überwindung erzählbar. Egal ob junge Stimmen aus Musik, Kunst und Literatur sich selbst nun als «ostdeutsch» labeln, sie bringen Vielfalt und ihre eigenen Geschichten mit.

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