Fall Amy Lopez
Aktualisiert am 18.08.2026, 18:20 Uhr

Amy Lopez wurde Opfer eines Mordes.
© Polizei Hessen
Mehr als 30 Jahre lang blieb ein Cold Case ungeklärt. Bis eine Hautschuppe den Ermittlungserfolg brachte: Die US-Studentin Amy Lopez wurde mutmasslich von einem heute 81-Jährigen ermordet. Nun ist der Prozess gestartet.
Amy Lopez hatte ihr Leben noch vor sich. Die 24-jährige Studentin aus den USA hatte gerade ihr Medizinstudium absolviert. Ihr Vater schenkte ihr zu diesem Erfolg eine Europareise, von der sie nicht mehr zurückkehren sollte. Denn Amy Lopez wurde ermordet – mutmasslich von einem Mann, der erst mehr als 30 Jahre nach der Tat gefasst werden konnte. Seit dem 18. August muss sich der mittlerweile 81-Jährige vor dem Landgericht Koblenz verantworten.
Amy Lopez möchte am Morgen des 26. September 1994 zur Festung Ehrenbreitstein und der dortigen Jugendherberge gelangen. Die 24-Jährige wandert den Felsenweg entlang. Um 08:50 Uhr wird sie zuletzt lebend gesehen. Eine gute Stunde später finden gegen 10:15 Uhr spielende Kinder ihre Leiche im etwas abgelegenen General-von-Aster-Zimmer. Laut Polizei wurde Amy Lopez vergewaltigt und brutal ermordet.

Im ehemaligen Arbeitszimmer des preussischen Generals Aster wurde vor mehr als 30 Jahren die US-amerikanische Touristin Amy Lopez tot aufgefunden.
© picture alliance/dpa/Thomas Frey
Täterprofil bei «Aktenzeichen XY… ungelöst» veröffentlicht
Die Polizei tappte danach trotz umfangreicher Ermittlungen 30 Jahre lang im Dunkeln. Zwar wurden mögliche Tatverdächtige ermittelt, jedoch erhärtete sich der Verdacht in keinem Fall. Wie Ex-Chefermittler Harald Süssenbach der «Rhein-Zeitung» erzählte, half sogar das FBI bei den Ermittlungen – vergeblich.
Doch 2024 startete die Polizei Koblenz noch einmal einen grossen Zeugenaufruf, setzte eine Belohnung aus und machte den Fall zum Thema in der Sendung «Aktenzeichen XY… ungelöst». Die Ermittler veröffentlichten ein Täterprofil, laut dem der Mann zum Zeitpunkt der Tat zwischen 18 und 35 Jahren alt war, keinen persönlichen Bezug zum Opfer, aber wohl schon Gewalt- und Sexualdelikte begangen hatte.
Polizei findet den mutmasslichen Täter – dank einer Hautschuppe
Und tatsächlich wurde die Polizei fündig: Im Februar 2026 wurde ein 81-jähriger Mann festgenommen, der die Tat begangen haben soll. Laut «Rhein-Zeitung» lebte er in einem Seniorenheim. Möglich wurde die Ermittlung des mutmasslichen Täters durch die Untersuchung einer Hautschuppe. Denn an Asservaten waren männliche DNA-Spuren gefunden worden.
Wie das Hessische Landeskriminalamt mitteilte, kam die DNA bereits 1999 in eine polizeiliche Datenbank. Damals sei der Mann wegen einer versuchten Vergewaltigung einer 16-Jährigen in Koblenz ins Visier der Polizei geraten und auch dafür verurteilt worden. Später hätten moderne Verfahren zwar geholfen, mehr aus den Tatspuren herauszulesen – die DNA-Probe war wegen gesetzlicher Fristen jedoch bereits zerstört worden. Erst eine freiwillige DNA-Abgabe des 81-Jährigen in diesem Jahr führte zum Ermittlungserfolg. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft.
Im Mai wurde Anklage erhoben. Die Staatsanwaltschaft Koblenz teilte in diesem Zusammenhang auch weitere Details zum mutmasslichen Tatablauf mit. Die Anklagebehörde sieht gleich drei Mordmerkmale erfüllt: Befriedigung des Geschlechtstriebs, Heimtücke und niedrige Beweggründe.
Wann ist eine Person ein Mörder oder eine Mörderin?Im deutschen Strafgesetzbuch §211 gibt es neun Mordmerkmale: Demnach ist eine Person ein Mörder, wenn sie «aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet». Mord wird mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe bestraft und ist die einzige Straftat in Deutschland, die nicht verjährt.
Demnach hegte der Verdächtige bereits in den Tagen vor der Tat Vergewaltigungsfantasien und war mit seinem Fahrrad in Koblenz unterwegs gewesen, um sich nach Opfern umzusehen. Er hatte ein Messer sowie Handschellen dabei.
Amy Lopez wurde vergewaltigt und getötet
Inhaltswarnung: In den folgenden beiden Absätzen werden Details der Tat geschildert.
Am Tattag sei der Mann vermutlich an einer Bushaltestelle gegen 09:00 Uhr auf Amy Lopez aufmerksam geworden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der damals 49-Jährige die 24-Jährige «auf dem Felsenweg unterhalb der Festung ansprach und unter falschen Angaben in das etwas abseits gelegene General-von-Aster-Zimmer lotste, wo er – seiner vorgefassten Absicht folgend – über das arg- und wehrlose Opfer herfiel».
Der Mann soll Lopez «mit Handschellen gefesselt, entkleidet sowie sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen und sie schliesslich mit mehreren Messerstichen getötet» haben. Im Tatverlauf soll er jedoch auch mit einem Stein auf sie eingeschlagen und sie gewürgt haben. Mit seinem Fahrrad soll er danach «vom Tatort geflohen und die Tatwaffe, die Handschellen und weitere dem Opfer gehörende Gegenstände im Rhein entsorgt haben».
Tat gestanden – und auch DNA-Spuren sprechen für 81-Jährigen als Täter
Der 81-Jährige habe die Tat «durch Erklärung seines Verteidigers pauschal eingestanden» und sie auch gegenüber einem Sachverständigen eingeräumt, heisst es weiter von Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler. An den genauen Tatablauf könne sich der Beschuldigte allerdings nicht erinnern. Die DNA-Spuren, die sowohl an dem Stein als auch am Hosenbund sowie einem Oberschenkel des Opfers gefunden wurden, stimmen mit der DNA des mutmasslichen Täters in vielen Merkmalen überein.
Der von der Staatsanwaltschaft beauftragte Sachverständige geht demnach davon aus, dass der Mann zum Zeitpunkt der Tat voll schuldfähig gewesen sei. Dem Mann droht eine lebenslange Haftstrafe.
Vater erzählt von seiner getöteten Tochter – er will endlich Frieden finden
Die Familie von Amy Lopez bekommt mit dem nun startenden Prozess die Chance, Frieden zu finden. Der Tod seiner Tochter hat Robert Rimbau «tief getroffen», wie er im Gespräch mit der «Rhein-Zeitung» im Oktober 2025 sagte. Die 24-Jährige habe Ärztin werden wollen und sei eine fröhliche und weltoffene Frau gewesen. Nach ihrem Trip in Deutschland habe sie zu ihrem Bruder nach Barcelona reisen wollen. Nur Stunden vor ihrem gewaltsamen Tod telefonierte sie noch mit ihrem Vater, die Reise hatte sie laut Rimbau sehr genossen.
Die gesamte Familie sei danach nach Koblenz gefahren und habe auch den Tatort besucht. Rimbau habe seine Tochter identifiziert. «Als ich meine tote Tochter gesehen habe, war ich unglaublich zornig», erzählte der Mann aus Texas. «Ich wünschte, ich könnte ihrem Mörder vergeben. Aber ich kann es nicht.»
In dem Interview, das noch vor dem Ermittlungserfolg geführt wurde, sagte er weiter: «Ich könnte Frieden finden, wenn sie den Kerl haben, der Amy ermordet hat.»
HilfsangeboteWenn du selbst von häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffen bist, wende dich bitte an das Hilfetelefon «Gewalt gegen Frauen» (116 016 oder online), das Hilfetelefon «Gewalt an Männern» (0800/1239900 oder online), das Hilfetelefon «Sexueller Missbrauch» (0800/225 5530), in Österreich an die Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder (Tamar, 01/3340 437) und in der Schweiz an die Opferhilfe bei sexueller Gewalt (Lantana, 031/3131 400)Wenn du einen Verdacht oder gar Kenntnis von sexualisierter Gewalt gegen Dritte hast, wende dich bitte direkt an jede Polizeidienststelle.Falls du bei dir oder anderen pädophile Neigungen festgestellt hast, wende dich bitte an das Präventionsnetzwerk «Kein Täter werden».Anlaufstellen für verschiedene Krisensituationen im Überblick findest du hier.Verwendete Quellen