Hinzu kommt ein oft unterschätzter Nebeneffekt: Klimaanlagen blasen ihre Abwärme wieder in die Umgebung und verstärken damit bei dichter Bebauung jene Hitzeinseln, gegen die sie eingesetzt werden. In Singapur, wo ich seit 15 Jahren ebenfalls forsche, wird die Luft in engen Gassen teils stark aufgeheizt, so dass man sich dort fast nicht mehr aufhalten kann. Selbst wenn sämtliche Klimaanlagen mit erneuerbarem Strom liefen, wäre dieses Problem nicht gelöst.
In unseren Breitegraden lassen sich in vielen Fällen bereits mit einfacheren Massnahmen erträgliche Zustände erreichen. Der Wunsch nach Klimaanlagen basiert oft auf einem zu engen Verständnis des menschlichen Komforts, unseres Wohlbefindens in Räumen. Oft wird nur die Lufttemperatur betrachtet, dabei spielen eine Reihe von Faktoren eine Rolle. So sind etwa die direkte Sonneneinstrahlung, die Temperatur der Oberflächen oder die Luftbewegung im Raum ebenso wichtig für das Temperaturempfinden. Wie die Forschung zeigt, erlaubt es die bewegte Luft eines Ventilators, dass sich Menschen auch bei 28 Grad Celsius im Raum noch wohlfühlen.
Zusätzlich zu den Massnahmen am Gebäude wie konsequenter Verschattung und Nachtauskühlung können ein angepasster Tagesrhythmus und hitzegerechte Kleidung den Komfort weiter erhöhen. Ebenso helfen eine begrünte Umgebung und verschattete Aussenräume, die Aussenluft kühler zu halten. Deshalb sollten wir nicht primär über Klimaanlagen sprechen, sondern wie wir menschlichen Komfort erreichen können. Das erfordert ein Umdenken. Nach wie vor beobachte ich, wie gerade dann, wenn es draussen heiss ist, gelüftet wird, obschon man die Hitze dann kaum mehr aus der Wohnung bringt. Und Ventilatoren sind vielen noch immer suspekt, weil sie fürchten, sich wegen der Luftbewegung zu erkälten.
Bei Neubauten sollten passive Ansätze, wie die oben genannten, im Vordergrund stehen. Es hilft uns aber auch die richtige Gebäudetechnik: So lassen sich heute Räume bereits effizient mit Wärmepumpen und damit verbundenen Wärmesenken wie das Erdreich kühlen. Dabei wird überschüssige Wärme im Boden gespeichert und kann im Winter, in einem umgekehrten Prozess, wieder zum Heizen verwendet werden. Auch möglich ist das sogenannte Free Cooling: In Zürich wird dieses Prinzip verwendet, um grössere Bürogebäude am Seeufer mit Seewasser zu kühlen, ohne dass dadurch der See merklich erwärmt würde.
Schwieriger sind solche Massnahmen bei bestehenden Gebäuden, insbesondere in Mietwohnungen, wo umfassende Nachrüstungen oft nicht kurzfristig und vor allem nicht durch die Mieter realisierbar sind. Hier helfen oft die oben genannten Massnahmen – konsequentes Verschatten, nächtliches Lüften und Ventilatoren – um mit wenig Energie mehr Komfort herzustellen.
Hitzeschutz ist aber ein gesamtgesellschaftliches Problem, das ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen verlangt – für eine klimagerechte Stadtplanung, Infrastruktur, Grünräume. Langfristige Infrastrukturen wie Fernkälte und städtebauliche Anpassungen sind wichtig, benötigen aber viel Zeit. Die oben genannten Massnahmen können helfen, für viele kurzfristig eine Linderung der Hitze zu erreichen. Daneben braucht es breit kommunizierte Hitzepläne mit gut erreichbaren und kostenlosen ‘cool spots’, wo sich die Bevölkerung während Hitzeperioden abkühlen kann, zum Beispiel in öffentlichen Gebäuden oder Anlagen.
Trotz allem werden Klimaanlagen wichtiger werden. Sinnvoll sind sie dort, wo Menschen tatsächlich auf tiefere Lufttemperaturen angewiesen sind: in Spitälern, Altersheimen, Schulen, und um gefährdete Personen zu schützen. Die Vorstellung, jede Wohnung und jedes Büro müsse künftig klimatisiert werden, ist hingegen nicht zielführend. Für wirksamen Hitzeschutz braucht es abgestimmte Massnahmen, mit denen zunehmend heisse Sommer für alle erträglicher werden, ohne die von uns gesteckten Klimaziele zu gefährden.