„Mir fehlte ja nichts außer der übrigen Welt“, sagt Paul (Charly Hübner) über sein Leben in der DDR der 1980er-Jahre. Aber Fernweh kann sich zu einer schwelenden, drängenden Kraft entwickeln, die sich irgendwann nicht länger unterdrücken lässt. Schon als Kind, wenn der Vater ihm Stubenarrest verordnet hat, ist Paul immer wieder aus dem Fenster gesprungen, weil der Wille, hinaus in die Welt zu gehen, größer war als die Autorität seines Erziehungsberechtigten. Nun hat er Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ in die Hand bekommen. Und bei der Lektüre setzt sich in seinem Kopf der Plan fest, selbst einmal über die Alpen durch Italien nach Sizilien zu wandern – als DDR-Bürger ein nahezu unmögliches Unterfangen.
Mit „Spaziergang nach Syrakus“ verfilmt Regisseur Lars Jessen Motive der Erzählung von F.C. Delius aus dem Jahre 1995, welche sich wiederum auf die reale, abenteuerliche Reise des Klaus Müller von Rostock nach Sizilien bezieht. Die Republikflucht wurde im Kino und Fernsehen schon oft in Szene gesetzt. Das Spektrum reicht von „Der Tunnel“ (2001) über „Wir wollten aufs Meer“ (2012) bis zu Michael „Bully“ Herbigs „Der Ballon“ (2018). Jessen und sein Hauptdarsteller und Koproduzent Charly Hübner schlagen in ihrem Film einen grundsätzlich anderen Weg ein. Denn dieser Paul wird hier nicht als Heldenfigur aufgebaut, die sich tapfer den Weg in die Freiheit bahnt.
Der Grenzübertritt, der Paul schließlich mit einer Segeljolle bei stürmischem Nordostwind gelingt, ist nicht der Höhepunkt der Handlung, sondern eher eine Zwischenetappe. Paul erkämpft sich zwar die ersehnte Reisefreiheit und wandert mit Rucksack und Reisetasche über die Alpen ins Traumland Italien, wo er zum ersten Mal Pasta mit echtem Parmesan isst. Aber er muss bald feststellen, dass das Reisen zwar ein Grundbedürfnis, aber kein Selbstzweck ist. Die Freude über das Erleben einer anderen Kultur bleibt ein halbherziger Genuss, den er mit niemandem – und vor allem nicht mit der Frau, die er liebt – teilen kann.
Wer ist nun dieser Paul? Eigentlich hatte er Abitur machen und studieren wollen. Aber nun schippert er als Kellner auf einem Ausflugsdampfer auf dem Greifswalder Bodden hin und her. Am Wochenende geht es mit Freundin Anne (Lina Beckmann), die in Rostock als Ärztin arbeitet, raus auf die Datscha unweit des schönen Ostseestrandes.
Das Leben des Paares ist von einer tiefen Vertrautheit geprägt, die dem Alltag eine verlässliche Grundwärme verleiht. Aber genau diese Liebe droht Paul mit seinen Plänen aufs Spiel zu setzen. Um Anne nicht als Mitwisserin in Gefahr zu bringen, verschweigt er ihr sein Vorhaben, das er mit erstaunlicher Beharrlichkeit hinter verschlossenen Türen verfolgt. Zuerst naiv auf offiziellem Wege, doch der Antrag auf Besuch zum 50. Geburtstag der Tante in Bochum wird abgelehnt. Mit dem Ansinnen über die „Liga für Völkerfreundschaft“ die italienische Kultur näher kennenzulernen, macht er sich verdächtig. Und so bleibt nur der illegale Grenzübertritt ins nichtsozialistische Ausland.
Von Hiddensee aus sind es etwa 60 Kilometer übers Meer nach Dänemark – eine Route, auf der schon viele Republikflüchtige ihr Leben gelassen haben. Aber davon weiß Paul nichts. Mit Geduld und Akribie arbeitet er sieben Jahre lang an seinem Plan, den er nicht als Flucht-, sondern als Reisevorbereitung versteht. Denn danach will er wieder zurück in das „kleine Deutschland“ und zurück zu Anne, der Liebe seines Lebens.
Jessens Film wird getragen von der wunderbar differenzierten Performance Charly Hübners, der die widersprüchlichen Gefühle seiner Figur mit feinem Gespür herausarbeitet. Das Interessante an „Spaziergang nach Syrakus“ ist, dass der Film sein Sujet von zwei Seiten hinterfragt. Zum einen zeichnet er im Zuge der ausführlich beschriebenen Reisevorbereitungen ein deutliches Bild davon, wie sehr das DDR-System seinen Bürgern misstraute. Lektüre über Nautik und Radar-Technik sind nur unter der Vorlage des Personalausweises in der Buchhandlung erhältlich. Ein unverheirateter Mittvierziger, der einem Segelverein beitreten will, macht sich schon per se verdächtig.
In Paul verstärkt das staatliche Misstrauen den Wunsch, aus dem engen Regelwerk auszubrechen. Aber die Beharrlichkeit, mit der er diesen Ausbruch vorbereitet, ist Ausdruck einer Sturheit, die den eigenen Egotrip über die Liebesbeziehung stellt. Auch wenn am Ende die Mauer fällt, führt das nicht zwangsläufig zum Happy End, sondern zu der Erkenntnis, dass das repressive politische System auch über sein Bestehen hinaus Pauls persönliches Glück entscheidend beschädigt hat.
„Spaziergang nach Syrakus“, Deutschland 2026 – Regie: Lars Jessen; mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten; 97 Minuten