LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus Taiwan deutet darauf hin, dass Tadalafil das Risiko für Glaukom innerhalb von fünf Jahren erhöhen kann. Die Auswertung von fast 37.000 Patienten im Datensatz verglich Nutzer mit ähnlich Betroffenen ohne Einnahme. Besonders relevant ist die Beobachtung in Bezug auf einen Zusammenhang mit erhöhtem Augeninnendruck. Ärzte sollen bei der Verschreibung von Tadalafil und ähnlichen PDE5-Hemmern künftig stärker auf Risikofaktoren achten.

Tadalafil und Glaukom: Studie warnt vor Risiko bei LangzeiteinnahmeTadalafil und Glaukom: Studie warnt vor Risiko bei Langzeiteinnahme (Foto: IT BOLTWISE)

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Die Diskussion um den Nutzen und die Nebenwirkungen von PDE5-Hemmern bekommt neue Reibung: Eine Auswertung aus Taiwan legt einen möglichen Zusammenhang zwischen Tadalafil und Glaukom nahe. Im Zentrum steht Tadalafil als Wirkstoff von Cialis, das vielen vor allem im Kontext erektiler Dysfunktion bekannt ist. Die Studie betrachtet jedoch einen deutlich breiteren Versorgungskontext, weil PDE5-Hemmer längst auch für andere Indikationen genutzt werden, etwa zur Behandlung von Beschwerden im unteren Harntrakt bei vergrößerter Prostata.

Technisch-medizinisch lässt sich die Beobachtung plausibel in die bestehende Pharmakologie einordnen. PDE5-Hemmer beeinflussen die Signalwege rund um cGMP und führen damit unter anderem zu einer Relaxation der glatten Muskulatur, was sich in bestimmten Körperregionen über mehr Durchblutung bemerkbar machen kann. Tadalafil und Co. waren historisch zwar für Herz-Kreislauf-Zwecke wie Bluthochdruck oder Brustschmerz gedacht, die klinische Praxis entwickelte daraus später den Einsatz bei erektiler Dysfunktion. Gleichzeitig ist der Mechanismus damit nicht automatisch „nur für den Penis“ relevant, sondern kann systemische Effekte begünstigen, die auch das Auge berühren.

Glaukom ist dabei nicht gleich Glaukom. Gemein ist der Erkrankung eine fortschreitende Schädigung des Sehnervs, die ohne konsequente Behandlung bis zum irreversiblen Sehverlust führen kann. Oft wird dies mit Flüssigkeitsstau und steigendem Augeninnendruck in Verbindung gebracht, es gibt aber auch Verläufe, bei denen der Augeninnendruck „normal“ bleibt. Gerade diese Heterogenität macht es für die klinische Entscheidungsfindung schwierig, allein aus allgemeinen Risikomodellen abzuleiten, wer besonders gefährdet ist. Die Studie adressiert diesen Punkt, indem sie für eine ophthalmologische Verlaufskontrolle argumentiert – vor allem bei Patienten mit bekannten Glaukom-Risikofaktoren.

Auf Datengrundlage wird die Größenordnung der Auffälligkeit greifbar. Die Forschenden analysierten Krankenakten aus einer anonymisierten „Real-World“-Datenbasis und fokussierten nahezu 37.000 Männer über 40 Jahren, die Tadalafil für Symptome des unteren Harntrakts erhielten. Als Vergleich dienten ähnlich zusammengesetzte Männer ohne Einnahme. Über einen Zeitraum von fünf Jahren zeigte sich: Tadalafil-Nutzer hatten im Schnitt ein um 22% erhöhtes Risiko, Glaukom zu entwickeln. Zusätzlich berichteten die Autoren über ein höheres Risiko für okuläre Hypertonie, also erhöhten Augeninnendruck, der zunächst selbst noch nicht den Sehnerv schädigt, aber als relevanter Risikofaktor gilt.

Wichtig ist außerdem, wie die Studie die absolute Häufigkeit in Relation setzt. In der Gruppe der über 50-Jährigen lag der Anteil derjenigen, die innerhalb von fünf Jahren Glaukom entwickelten, bei 3,93% unter Tadalafil-Nutzern. Bei Nichtnutzern waren es 3,16% – daraus ergibt sich eine absolute Differenz von 0,77 Prozentpunkten. Diese Zahlen sprechen dafür, dass das beobachtete Signal zwar realistisch klinisch beachtet werden sollte, insgesamt aber relativ selten bleibt. Dennoch verändert eine solche Verschiebung die Risikokommunikation, vor allem dann, wenn eine lebenslange Augengesundheit von Beginn an mitgedacht werden muss.

Ein weiterer Kontextaspekt betrifft die Dosierung und damit die Expositionsdauer. Die Autoren weisen darauf hin, dass Menschen mit Symptomen des unteren Harntrakts häufig eine tägliche niedrigere Dosis eines PDE5-Hemmers einnehmen, während bei erektiler Dysfunktion häufiger höhere Dosen „bei Bedarf“ genutzt werden. Daraus folgt: Selbst wenn die Studie klar Tadalafil bei einer bestimmten Patientengruppe untersucht, stellt sich für die Praxis die Frage, wie gut sich die Ergebnisse auf andere Indikationen übertragen lassen. Die Forschenden ordnen das Signal deshalb auch in die Lücke der bisherigen Evidenz ein, die insbesondere für Menschen mit diesen Harntrakt-Indikationen bislang begrenzt gewesen sei.

Für die klinische Praxis ergibt sich daraus vor allem eine Präventions- und Überwachungslogik. Glaukom ist irreversibel, aber moderne Therapien können das Fortschreiten häufig bremsen oder zumindest verlangsamen. Wenn ein Medikament ein Risiko mit sich bringt, das sich möglicherweise über Augeninnendruck-Mechanismen oder andere pathophysiologische Wege bemerkbar macht, dann wird die Überwachung umso wichtiger. In der Studie wird entsprechend empfohlen, bei Verschreibungen – besonders bei Patienten mit Risikofaktoren – eine augenärztliche Beurteilung und einen Verlaufskontrollplan in Erwägung zu ziehen. Damit wird aus der beobachteten Assoziation eine konkrete Handlungsoption: weniger Überraschung im Schadensfall, mehr strukturierte Früherkennung.

Gleichzeitig bleibt für Entscheidungsträger und behandelnde Teams Raum für wissenschaftliche Vorsicht. Eine solche Datenanalyse kann Zusammenhänge zeigen, erklärt aber nicht zwingend den genauen biologischen Mechanismus und kann durch Faktoren wie unterschiedliche Begleiterkrankungen oder Kontrollfrequenzen beeinflusst sein. Die Autoren betonen daher, dass weitere Forschung nötig ist, um besser zu verstehen, wie und warum PDE5-Hemmer Glaukom auslösen oder verschlimmern können. Für die Versorgung heißt das: Tadalafil bleibt ein wichtiger Wirkstoff für mehrere Indikationen, aber die Risikoabwägung sollte künftig auch die Augenheilkunde enger einbinden – insbesondere bei Patienten, bei denen Glaukom ohnehin wahrscheinlicher ist.

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