Die Trockenheit setzt Bauern im Kanton Bern massiv unter Druck. Bauer Niculin Töndury musste zusehen, wie seine Kartoffeln auf dem Feld vertrockneten.
Die Trockenheit macht den Kartoffelpflanzen zu schaffen: Der ausgetrocknete Boden reisst auf. – keystone
Das Wichtigste in Kürze
Die Trockenheit macht Bauern im Kanton Bern zu schaffen.
Bauer Niculin Töndury darf kein Leitungswasser mehr für seine Kartoffeln beziehen.
Für die Landwirtschaft müsste der Wasserverbund achtmal mehr Wasser liefern.
Die Erde ist trocken, die Pflanzen sind braun: Auf dem Gemeinschaftshof Radiesli in Worb BE hat die Trockenheit deutliche Spuren hinterlassen.
Besonders hart trifft es die Kartoffeln von Landwirt Niculin Töndury. Er sagt gegenüber SRF: «Es ist brutal zuzusehen, wie die Pflanzen gelb werden, die Köpfe hängen lassen und schlussendlich einfach einknicken.»
Wasser aus Hydrant plötzlich verboten
Zu Beginn des Sommers konnte Töndury seine Felder noch mit Leitungswasser bewässern. Dafür bezog der Hof Wasser aus einem nahegelegenen Hydranten.
Doch nach wenigen Tagen war damit Schluss. Die Gemeinde stoppte den Bezug auf Anweisung des Wasserverbunds Region Bern.
Ein Kartoffelfeld in der Schweiz: Trockenheit und ausgedörrte Böden setzen den Pflanzen stark zu. (Symbolbild) – keystone
Töndury musste nach einer Alternative suchen. Mit einer Sonderbewilligung durfte er vorübergehend Wasser aus einem nahegelegenen Bach entnehmen.
Doch auch dort wurde das Wasser knapp. Weil der Bach zu wenig führte, musste die Bewässerung eingeschränkt werden.
Für die Kartoffeln kam die Hilfe zu spät. Die Ernte sei praktisch verloren, berichtet SRF.
«Während Leute ihre Autos waschen»
Dass Trinkwasser geschützt werden muss, versteht Töndury. Auch für die Einschränkungen bei der Wasserentnahme aus Bächen zeigt er Verständnis.
Niculin Töndury vom Gemeinschaftshof Radiesli in Worb BE. Hier «taucht» der Landwirt in ein Roggenfeld ein. – radiesli.org
Mühe hat er aber mit den unterschiedlichen Prioritäten. Während ihm das Wasser für seine Felder verweigert wird, dürfen Privatpersonen weiterhin ihre Autos mit Leitungswasser waschen oder Gärten bewässern.
«Meine Kartoffeln vertrocknen, während Leute ihre Autos waschen», bringt der Landwirt seinen Frust auf den Punkt. Für ihn ist deshalb klar: Es brauche künftig ein besseres Wassermanagement.
Achtmal mehr Wasser wäre nötig
Beim Wasserverbund Region Bern kennt man den Unmut der Landwirtschaft. Geschäftsführer Martin Frey macht jedoch deutlich, wo das Problem liegt.
Das vorhandene Wasser und die Infrastruktur seien nicht darauf ausgelegt, grosse Landwirtschaftsflächen zu bewässern.
Sparst du aktuell bewusst Wasser?
1Ja, ich achte sehr darauf.
2Ein bisschen, aber nicht konsequent.
3Nein, bisher nicht.
Dafür müsste der Wasserverbund laut Frey ungefähr achtmal mehr Wasser bereitstellen. Würden Bauern im grossen Stil Wasser über Hydranten beziehen, könnten sich die Reservoirs rasch leeren.
Auch bei der Trinkwassergewinnung macht sich die Trockenheit bemerkbar. In der Grundwasserfassung Aeschau im Emmental, einer wichtigen Wasserquelle für die Region Bern, kann derzeit deutlich weniger Wasser gewonnen werden als üblich.
Der Verbund kann zwar auf weitere Quellen und Grundwasservorkommen zurückgreifen. Für eine flächendeckende Bewässerung der Landwirtschaft reicht das aber nicht.
Trockenheit trifft das Mittelland besonders hart
Die Probleme in Worb sind kein Einzelfall. Anfang August galt für die gesamte Schweiz die höchste Trockenheitswarnstufe.
Besonders angespannt war die Situation im Mittelland und im Jura. Dort registrierten die Behörden innerhalb von 30 Tagen teilweise 60 bis 80 Prozent weniger Niederschlag als normalerweise. Auch die Grundwasserstände und Quellschüttungen waren vielerorts niedrig und weiter rückläufig.
Die Schweiz ächzt unter der Trockenheit. Gläubige in Mendrisio TI haben deshalb eine Regen-Prozession durchgeführt. – RSI
Schon der Frühling 2026 war aussergewöhnlich trocken. Landesweit fielen von März bis Mai lediglich rund 56 Prozent der normalerweise erwarteten Niederschlagsmenge.
Kanton sucht nach Lösungen
Im Kanton Bern entscheiden bislang die einzelnen Gemeinden darüber, wie sie bei Wasserknappheit mit dem Leitungswasser umgehen. Ein einheitliches Krisenmanagement gibt es nicht. Das soll sich mit der «Wasserstrategie 2040» ändern.
Der Kanton will unterschiedliche Ansprüche an die Ressource Wasser besser aufeinander abstimmen. Dazu gehören die Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft, Industrie, Energieproduktion und der Schutz der Gewässer.
«Wir wollen weg vom reinen Reagieren und hin zu einer vorausschauenden Planung», sagt Rahel Fischer vom kantonalen Amt für Wasser und Abfall gegenüber SRF.
Machst du dir wegen der Wasserknappheit Sorgen?
1Ja, die Entwicklung macht mir Sorgen.
2Ein bisschen, aber noch nicht akut.
3Nein, ich sehe das gelassen.
Künftig könnte das beispielsweise bedeuten, dass Unternehmen besonders wasserintensive Arbeiten während einer Trockenperiode verschieben müssen.
Wasserstrategie verzögert sich
Eine schnelle Lösung bringt die geplante Wasserstrategie allerdings nicht. Der Grosse Rat hat die Vorlage zurückgewiesen. In einzelnen Punkten verlangt er Präzisierungen, zudem sollen die nötigen personellen und finanziellen Mittel überprüft werden.
Der Kanton plant, die Wasserstrategie dem Grossen Rat voraussichtlich in der Frühjahrssession 2027 erneut vorzulegen.
Für Töndurys Kartoffeln kommt das ohnehin zu spät.
Der Landwirt will deshalb selbst reagieren. Künftig möchte er stärker auf Tröpfchenbewässerung setzen und Kulturen ausprobieren, die besser mit Trockenheit umgehen können. Dazu gehören etwa Kichererbsen.