Russen heben massenhaft Bargeld ab

Die allgemeine Unsicherheit durch die ukrainischen Drohnenangriffe wächst also merklich, wie auch Entwicklungen im russischen Bankensektor nahelegen. Mit Blick auf die Zentralbank in Moskau berichtete die «Washington Post» kürzlich, dass die Russen allein seit Anfang Juni umgerechnet rund 13 Milliarden Euro in bar abgehoben hätten.

Die Zeitung zitierte einen leitenden Manager der Sberbank, Russlands größter Privatbank. Demnach seien die Abhebungen in diesem Jahr doppelt so hoch gewesen wie 2022, als Russland seine Vollinvasion in die Ukraine startete. Damals hatten die Russen über das ganze Jahr hinweg umgerechnet gut 21,1 Milliarden Euro von ihren Konten genommen.

Manche Beobachter sehen in den hohen Abhebungen ein Signal der Angst in der russischen Bevölkerung. Alexandra Prokopenko, ehemalige Beraterin der Zentralbank, erklärte der US-Zeitung: «Das bedeutet, dass die Menschen kein Vertrauen in das russische Bankensystem oder das russische Finanzsystem haben.» All dies sei «Folge der Befürchtung, dass die Regierung Maßnahmen im Bankensystem ergreifen und Einlagen verstaatlichen könnte». Bevor ihnen der Kreml das Geld nimmt, sichern die Russen es sich also offenbar in bar.

imago images 0860121882Vergrößern des BildesMenschen laufen an einer Anzeigetafel in Moskau vorbei, die den Wechselkurs für Rubel anzeigt (Archivbild): Zuletzt hoben Russen vermehrt Bargeld ab. (Quelle: IMAGO/Yuri Kochetkov/imago)

Wenn Bürger massenhaft Geld von ihren Konten abheben, kann das die Probleme im Bankensektor verschärfen. Auch eigentlich gesunde Geldinstitute kommen dann in Schwierigkeiten mit ihrer Liquidität. Greift das Phänomen um sich, kann der ganze Staat in die Krise gerissen werden. Noch im Juni erklärte der Ökonom und Russland-Experte Janis Kluge im t-online-Interview jedoch, dass die russischen Banken noch immer profitabel seien. Zudem berichtet der «Spiegel», dass sich die Geldeinlagen noch immer auf mehr als 800 Milliarden Dollar beliefen.

Die finnische Wirtschaftswissenschaftlerin Heli Simola sagte dem Magazin, dass Berichte über einen Ansturm auf russische Banken «eine ziemliche Übertreibung» seien. Insgesamt sei zwar die Nachfrage nach Bargeld in Russland in den vergangenen Kriegsjahren gestiegen, doch das hat ihren Aussagen zufolge eher praktische Gründe – und hängt wieder mit den ukrainischen Drohnenangriffen zusammen.

Denn eigentlich bezahlen die Russen gern und häufig bargeldlos mit ihren Geldkarten oder per Mobiltelefon. Doch einerseits beeinträchtigen ukrainische Drohnenangriffe häufig das Internet und andererseits hat die russische Führung das mobile Internet phasenweise und in bestimmten Regionen bereits mehrfach eingeschränkt. Besonders im Frühjahr, rund um den «Tag des Sieges», beschäftigte dieses Thema die Russen: Der Kreml schaltete das mobile Internet damals wohl aus Furcht vor ukrainischen Angriffen auf die Militärparade in Moskau vorsorglich über Wochen hinweg ab.