
AUDIO: Marthalers «Erste letzte Sekunde»: Nach zehn Minuten auserzählt (4 Min)
Stand: 21.08.2026 09:15 Uhr
Zum Ende des Internationalen Sommerfestivals in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel kommt eine Gala von Christoph Marthaler und den Hamburger Symphonikern auf die Bühne. Marthalers legendärer Theaterzauber blitzt dabei leider nur selten auf.
Am Ende verebbt die Musik ganz leise, der silberne Vorhang an der Hinterwand scheint müde zu glitzern, vorne auf dem Bühnenboden liegt ein Tänzer, fast wie leblos. Andere kreuzen die Bühne, nehmen kaum Notiz. Das Licht wirkt fahl. Gala? Glamour? Preisverleihung im Scheinwerferglitzer? Von wegen.
«Könnte langsam Schluss sein»: Viele gehen schon vor dem Ende
Regisseur Christoph Marthaler, Meister der Verlangsamung, der langsamen Zersetzung jeder Dramatik, zieht die Bremse. Und er zieht sie so langsam und quietschend, dass man es kaum aushält. Das Finale einer Anti-Gala, die viele Zuschauerinnen und Zuschauer vor dem Ende und über die quietschenden Bühnenpodeste der Halle K6 verlassen.
«Die Darsteller sind stimmlich und gesanglich schon großartig, aber es zieht sich eben ein bisschen, so dass man sagt: Jetzt könnte auch so langsam Schluss sein», meint ein Zuschauer, der bis zum Ende geblieben ist. Auch einer anderen Zuschauerin hat die Darbietung der Schauspielerinnen und Schauspieler in den Bann gezogen, doch über das Stück an sich urteilt sie: «Ich fand es einfach nicht so spannend und denke, dass die Idee hier das Ganze nicht so trägt.»
Wundervoll sinnenstellter und schräger Beginn

Elegant, seidig, wandlungsfähig: Unter der Leitung von Sylvain Cambreling steuern die Symphoniker Hamburg die Musik zu Marthalers Anti-Gala bei.
Dabei hat alles so wundervoll sinnentstellt und schräg begonnen. Eine Gala braucht ja einen Anlass. Sie ist der künstliche Höhepunkt von irgendwas, etwa der Wahl des Gemüses des Jahres mit Testkauen der verbliebenen «Gemüse-Shortlist», auf der sich etwa die «Melonen-Gurke» findet.
Oder wie wäre es mit einer Gala des deutschen Schiedsrichterwesens? Mit Tusch! Und Tränen und Dank an die eigene Mutter. All das verquirlt der Abend zu einer Endlosschleife von Gesten der Huldigung und der eitlen Demut. Dazu spielen die Symphoniker Hamburg unter Leitung ihres Chefdirigenten Sylvain Cambreling elegant, seidig, wandlungsfähig, von Klassik bis Schlager, als bombastisch gutes Tanzorchester.
Gesanglich brillantes Ensemble verleiht Quatsch-Preise
Hier wird der große Show-Apparat angeworfen, um ihn kläglich an die Wand zu klatschen. Das ist das Prinzip des Abends: Das gesanglich brillante Ensemble in Abendkleidern und Smoking verleiht sich gegenseitig Preise, die eh nichts bedeuten.
Ein Zuschauer sagt hinterher: «Es war eine grandiose Show, eine Meta-Show, eine Maximal-Show.» Für eine andere Besucherin war es hingegen irgendwann zu viel geworden: «Es spielte natürlich auch mit der Geduld – vor allen Dingen, wenn man in der 26. Reihe sitzt und die klimatischen Bedingungen einen langsam dahindämmern lassen.»
Rosemary Hardy glänzt zögernd auf der Show-Treppe
Preistänzer brechen sich die Sprunggelenke, Dankesreden finden in Sprachen statt, die man nicht versteht – ist auch egal. Ein Humorspezialist kommt nie zur Pointe seiner Gags. So gesehen ist es ein Abend über die vergebliche Eitelkeit des Menschen. Das Problem dieses beinahe zwei Stunden langen Stücks: Er ist nach zehn Minuten auserzählt.

Das Sommerfestival auf Kampnagel überraschte mit zwei intensiven Stücken: ein Vampir-Theater aus Norwegen und Weltklasse-Tanz aus Frankreich.
Leider ist er ganz selten, der legendäre Theaterzauber von Christoph Marthaler: weil alles auf der Sketchebene bleibt. Da entsteht kein untergründiger Fluss, kein poetischer Strom. Nur einmal, als die famose Rosemary Hardy, eine Ikone aus dem Marthaler-Kosmos, auf einer weißen Show-Treppe stehenbleibt, als untersuche sie jede Stufe, ob sie hält. Sich ratlos umschaut. Eine Frau auf dem Weg nach oben – hängen geblieben im Jetzt.
Nach dem Sommerfestival beginnt die Kampnagel-Sanierung
Diese Gala soll ja nicht nur das Ende des diesjährigen Sommerfestivals feiern, sondern auch eine Marke setzen: Denn ab Montag beginnt die Sanierung des Kampnagel-Geländes für einige Jahre. Der Spielbetrieb auf Kampnagel geht aber weiter, eben nur auf einem Teil des Geländes. Es ist Ende und Anfang gleichzeitig. Diese Anti-Gala ist am stärksten, wenn sie sich in die Melancholie stürzt, im Angesicht der Vergänglichkeit des Menschen. Die Komik zündet leider nicht.

Marthalers «Erste letzte Sekunde»: Leider nach zehn Minuten auserzählt
Das Finale des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel enttäuscht: Der legendäre Marthaler-Zauber bleibt in Hamburg aus.
Datum:
21.08.2026, 20:30 Uhr
22.08.2026, 20:30 Uhr
23.08.2026, 18:00 Uhr
Ort:
Kampnagel
Jarrestraße 20
22303
Hamburg