40 Jahre Lake-Nyos-Katastrophe
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Aktualisiert am 21.08.2026, 18:09 Uhr

Hier ist der Lake Nyos im Jahr 2013 zu sehen. 27 Jahre zuvor ereignete sich hier eine Naturkatastrophe, die viele Menschen und Tiere tötete. (Archivbild)
© picture alliance / Visually/jbdodane
Am 21. August 1986 stieg eine unsichtbare Gaswolke aus einem Kratersee in Kamerun auf. Innerhalb weniger Stunden erstickten mehr als 1.700 Menschen und Tausende Tiere. Die Katastrophe am Lake Nyos gilt als eine der rätselhaftesten Naturkatastrophen der Geschichte.
Es war ein Donnerstagabend, Markttag im Dorf Nyos im Westen von Kamerun. Die Maisernte war gut ausgefallen, Tausende Menschen hatten sich zum Handeln versammelt. Nur drei Kilometer entfernt liegt der Lake Nyos, ein malerischer Kratersee inmitten sattgrüner Hügel. Rinderbauern hatten schon Tage zuvor seltsame Blasen auf der Wasseroberfläche bemerkt – doch sie verliessen die Gegend, ohne jemanden zu informieren, schreibt der «Spiegel».
Am späten Abend begann der See zu grollen. Das dumpfe Brummen dauerte nur 10 bis 20 Sekunden. Menschen rannten aus ihren Hütten und blickten zum Wasser – dort schoss eine gewaltige Fontäne in den Himmel, gefolgt von einer riesigen weissen Wolke. Was wie ein faszinierendes Naturschauspiel wirkte, war in Wahrheit eine Todesfalle: Die Wolke bestand aus hochkonzentriertem Kohlendioxid (CO2), das sich über Jahrhunderte im Tiefenwasser des Sees angesammelt hatte.
Das Gas – schwerer als Luft, unsichtbar und geruchlos – strömte mit enormer Geschwindigkeit die Täler hinab. Wer davon eingehüllt wurde, verlor das Bewusstsein. Mehr als 1.700 Menschen erstickten in dieser Nacht, dazu kamen Tausende Rinder und unzählige Wildtiere. Selbst in 25 Kilometern Entfernung fielen Menschen dem Gas zum Opfer, wie das US-Magazin «Slate» berichtet. Von den rund 800 Einwohnern des Dorfes Nyos überlebten demnach gerade einmal sechs.
Wie ein friedlicher See zur tödlichen Falle wurde
Die Erklärung für das Grauen liegt tief unter der Wasseroberfläche und in der Geologie der Region. Der Lake Nyos ist ein sogenannter Maarsee, entstanden durch eine vulkanische Explosion vor rund 400 Jahren. Er gehört zur Kamerun-Vulkanlinie, einer Kette vulkanischer Erscheinungen, die sich vom Festland bis zu den Atlantikinseln São Tomé und Príncipe erstreckt, wie der Geologe Gunnar Ries im Wissenschaftsmagazin «Spektrum» erläutert. Obwohl das Vulkangebiet als erloschen gilt, befindet sich in etwa 80 Kilometern Tiefe nach wie vor eine Magmakammer. Aus ihr steigt beständig CO2 auf und gelangt durch geologische Störungen in den See.
Der entscheidende Faktor: Der Lake Nyos ist mit 208 Metern ungewöhnlich tief für seine Grösse. Warmes Oberflächenwasser liegt wie ein Deckel über dem kalten Tiefenwasser – die Schichten vermischen sich nicht. In der Tiefe herrscht ein Druck von rund 20 bar, unter dem das Wasser etwa 200-mal mehr CO2 speichern kann als an der Oberfläche.
Man kann es mit einer verschlossenen Sprudelflasche vergleichen: Solange der Verschluss hält, bleibt alles ruhig. Doch sobald etwas die Schichtung stört, wie ein Erdrutsch oder ein leichtes Beben, beginnt CO2-gesättigtes Tiefenwasser aufzusteigen. Dabei sinkt der Druck, das Gas perlt aus, reisst weiteres Wasser mit nach oben – und eine Kettenreaktion setzt ein.
Was löste die Katastrophe aus?
Genau das soll in jener Augustnacht 1986 geschehen sein. Rund 1,6 bis 1,7 Millionen Tonnen CO2 entwichen dem See binnen kürzester Zeit. Die Gaswolke erreichte offenbar eine Höhe von etwa 50 Metern und floss mit mindestens 50 Kilometern pro Stunde die Täler entlang. Bereits eine CO2-Konzentration von fünf Prozent in der Atemluft führt zur Bewusstlosigkeit – die Menschen hatten keine Chance, weil sie die Gefahr weder sehen noch riechen konnten.
Was genau die Kettenreaktion im See auslöste, beschäftigte Forschende noch Jahre nach der Katastrophe. Eine Gruppe von Expertinnen und Experten vertrat die These, eine unterirdische vulkanische Eruption habe das Gas nach oben gedrückt. Einige Geologen gingen jedoch davon aus, dass ein Erdrutsch oder ein anderes vergleichsweise geringfügiges Ereignis die Wasserschichten durcheinanderwirbelte und so die sogenannte limnische Eruption in Gang setzte.
Eine limnische Eruption war ein bis dahin unbekannter Typ von Naturkatastrophe, bei dem gelöstes CO2 schlagartig aus einem See entweicht. Wie das Wissenschaftsportal «Eos» berichtet, setzte sich diese Hypothese durch, als Messungen zeigten, dass sich das Tiefenwasser des Sees in den Folgejahren auf natürliche Weise erneut mit CO2 auflud.
Wie die Gefahr im See gebannt wurde
Wie aber konnte verhindert werden, dass der See erneut zur Todesfalle wird? Die Antwort lieferte ein Team um den französischen Wissenschaftler Michel Halbwachs. Sein Konzept war verblüffend einfach: Ein Rohr wurde in die Tiefe des Sees geführt, eine Pumpe beförderte CO2-gesättigtes Wasser nach oben. Beim Aufstieg perlte das Gas aus, das Wasser-Gas-Gemisch wurde leichter und stieg von selbst weiter. An der Oberfläche schoss das Gemisch als Fontäne empor, wie eine Studie im Fachjournal «Journal of African Earth Sciences» beschreibt.
Die Umsetzung zog sich über Jahrzehnte. Erste Experimente fanden 1990 statt, ein erfolgreicher Testlauf am Lake Nyos gelang 1995. Im Januar 2001 ging das erste permanente Entgasungsrohr in Betrieb – es erzeugte eine 46 Meter hohe Fontäne. Zwei weitere, grössere Rohre folgten 2011. Parallel dazu wurde auch der benachbarte Lake Monoun entgast, an dem 1984 bei einer ähnlichen Katastrophe 37 Menschen ums Leben gekommen waren. Laut der Studie war der Lake Monoun 2009 entgast, am Lake Nyos dauerte es bis 2019, bis die CO2-Vorräte auf ungefährliche Werte gesunken waren.
Die Wasserfontäne diente dabei zugleich als Signal – solange sie sprudelte, funktionierte das System. Laut «Slate» sollte zusätzlich ein solarbetriebenes Alarmsystem den Kohlendioxidgehalt überwachen und sicherstellen, dass es eine Warnung gibt, sollte der See erneut explodieren.
Die zweite Gefahr: Ein brüchiger Damm
Das CO2 war jedoch nicht die einzige Gefahr. Wissenschaftliche Untersuchungen nach der Katastrophe offenbarten ein weiteres Risiko: Der natürliche Damm am Abfluss des Sees besteht aus lockerem vulkanischen Gestein und drohte einzustürzen.
Ein Bruch hätte geschätzte 50 Millionen Kubikmeter Wasser freigesetzt – mit verheerenden Überschwemmungen bis zur nigerianischen Grenze, wie eine Studie im «Journal of African Earth Sciences» darlegt. Die Vereinten Nationen hatten 2005 in einem Bericht eindringlich vor diesem Szenario gewarnt, heisst es auf «Water Journalists Africa».
Inzwischen wurde auch diese Gefahr gebannt. Mithilfe der sogenannten Jet-Grouting-Technik – dabei wird verstärkter Beton tief in das Gestein injiziert – konnte der Damm stabilisiert werden.
Das Leid der Überlebenden
Das Schicksal der Überlebenden blieb lange unbeachtet. Die kamerunische Regierung hatte nach der Katastrophe die umliegenden Dörfer evakuiert und die Häuser abreissen lassen. Tausende Menschen wurden in Camps umgesiedelt, die teils 25 Kilometer vom See entfernt liegen. Dort fühlten sich viele im Stich gelassen. Versprochene Entschädigungen, neue Häuser und finanzielle Hilfe blieben weitgehend aus. Es fehlte an Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Strom und sanitärer Versorgung.
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Heute, 40 Jahre nach der Tragödie, gilt der Lake Nyos dank der jahrzehntelangen Entgasungsarbeit und der Dammverstärkung als weitgehend sicher. (red)
Verwendete Quellen