UK / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt einen starken weltweiten Anstieg von ADHS-Diagnosen und entsprechenden Medikationsverordnungen über alle Altersgruppen hinweg. Besonders in England zeigen Daten für ZNS-Stimulanzien deutliche Zuwächse bei Erwachsenen: +32% bei Patienten über 18 im Zeitraum 2021-22. Parallel berichten die Auswertungen von einem Verhältniswandel in der Diagnostik, der auch mit besserer Erkennung bei Mädchen und Erwachsenen zusammenhängt. Gleichzeitig wächst die Debatte, ob die Versorgung nur besser wird – oder teils auch zu weit geht, während die Wartezeiten in England teils bei zwei bis 15 Jahren liegen.

ADHS-Diagnosen und -Medikation steigen weltweit: Fokus auf ErwachseneADHS-Diagnosen und -Medikation steigen weltweit: Fokus auf Erwachsene (Foto: IT BOLTWISE)

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Eine globale Auswertung liefert ein klares Bild: ADHS wird in vielen Ländern deutlich häufiger diagnostiziert und behandelt. Die Review bündelt weltweit verfügbare Forschung zu Diagnoseraten und Verschreibungen und kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl die Zahl der ADHS-Diagnosen als auch die Verordnung von ADHS-Therapien in mehreren Regionen über Altersgruppen hinweg gestiegen sind. Entscheidender Punkt für die Praxis: Die Dynamik betrifft nicht nur Kinder, sondern zeigt auch eine spürbare Verschiebung hin zu Erwachsenen. Damit rückt eine Erkrankung, die lange als vor allem kindliches Störungsbild wahrgenommen wurde, stärker in den Mittelpunkt langfristiger Versorgungs- und Steuerungsfragen.

In der UK-Datenlage wird die Entwicklung besonders gut sichtbar. Zwischen 2000 und 2018 berichten die im Rahmen der Übersichtsarbeit zusammengeführten Ergebnisse von Zuwächsen bei dokumentierten ADHS-Diagnosen und Behandlungsvorschriften in allen Altersgruppen. Zwar war der stärkste Anstieg bei Kindern zu beobachten; trotzdem fällt der Anstieg bei Erwachsenen ins Auge. Für Männer im Alter von 18 bis 29 nennt die Auswertung ein etwa 20-faches Wachstum bei Diagnosen und nahezu ein 50-faches Wachstum bei Verordnungen. Parallel verändert sich die Geschlechterverteilung: Im Kindes- und Jugendalter lag das Verhältnis der Diagnosen laut der Review ungefähr bei 4:1 zugunsten von Jungen, während es im Erwachsenenalter nahezu ausgeglichen ist. Als mögliche Erklärung wird genannt, dass ADHS bei Mädchen und in erwachsenen Lebenssituationen häufiger erkannt wird, obwohl diese Gruppen historisch unterdiagnostiziert waren.

Auch die Verordnungsseite folgt dieser Richtung. In England zeigen Register- und Verordnungsdaten einen Anstieg bei central nervous system stimulants, die in der Versorgung als zentrale medikamentöse ADHS-Behandlung dienen. Für Erwachsene über 18 stiegen die Verschreibungen um 32% im Zeitraum 2021-22; bei Kindern unter 17 lag der Zuwachs bei 12% von 2022-23. Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Erstmals wurden in England mehr Erwachsene mit diesen Medikamenten behandelt als Kinder – seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2015. Eine retrospektive Studie mit über 154 Millionen Menschen aus 13 Ländern, darunter Nordamerika, Europa und Asien, stützt das Gesamtbild, indem auch dort ein Anstieg des Einsatzes von ADHS-Medikamenten beobachtet wurde.

Warum passiert das? Die Review verweist auf mehrere Faktoren, die zusammen die gestiegene Erkennung erklären können. Dazu zählen ein höheres öffentliches Bewusstsein für ADHS, eine bessere klinische Kenntnis darüber, wie sich Symptome zeigen, sowie die Verfügbarkeit neuer oder verbesserten medikamentöser Optionen. Ebenfalls relevant ist, dass heute genauer darauf geachtet wird, wie ADHS bei Personengruppen auffallen kann, die früher eher übersehen wurden, weil ihr Erscheinungsbild nicht dem klassischen Muster entsprach. Genannt werden dabei unter anderem Frauen und Mädchen sowie Betroffene mit überwiegend inattentive symptoms. Gleichzeitig reicht diese Erklärungsschicht nicht aus, denn die Übersichtsarbeit adressiert auch die wachsende Kontroverse um das Verhältnis von verbesserter Diagnostik zu möglichen Überinterpretationen.

In der Debatte spielt das Spannungsfeld zwischen angemessener medizinischer Versorgung und möglicher Überdiagnose oder Überverordnung eine zentrale Rolle. Die Review nennt explizit, dass es Diskussionen über eine potenzielle Überdiagnostik und Überverschreibung gibt, einschließlich der Frage, ob manche Aufmerksamkeitsschwierigkeiten zu stark medizinisch eingeordnet werden (Überdiagnose und Over-prescribing). Gleichzeitig findet sich auch die Gegenposition: In der UK-Diskussion wird laut der Review außerdem vertreten, dass es keine Evidenz dafür gebe, dass Überdiagnosen in der UK auftreten. Entscheidend ist für den weiteren Erkenntnisgewinn daher der Blick auf kulturelle, ökonomische, soziale und technologische Einflüsse in einem global wettbewerbsorientierten Umfeld, die sowohl Diagnoseraten als auch Behandlungsauswahlen beeinflussen können.

Für die Versorgung ergibt sich aus den Daten eine komplexe Lage. Einerseits deuten die Befunde auf echte Fortschritte hin: ADHS wird heute als lebenslange neuroentwicklungsbezogene Erkrankung verstanden, die Millionen Menschen betrifft – nicht nur als Problem im Kindesalter. Andererseits entstehen durch den Anstieg bei Diagnosen und Verordnungen neue Belastungen für Gesundheitssysteme. In England nennt der Kontext der Review konkrete Wartezeiten: Für eine ADHS-Diagnose reicht die Spanne derzeit von zwei bis 15 Jahren. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass die Nachfrage die Kapazitäten des NHS mittelfristig übersteigen könnte, da sich Verordnung und Diagnostik schneller entwickeln als die verfügbaren Strukturen. Als potenzielle Lösung wird die Idee von ADHS-Biomarkern beschrieben: Ein objektiv messbarer Hinweis auf einen biologischen Zustand, der sich in Signaturen im Gehirn erfassen ließe. Der Grundgedanke ist pragmatisch: Wenn Diagnose bisher häufig auf berichteten Symptomen basiert, könnte eine biomarker-gestützte Diagnostik die Genauigkeit erhöhen und Betroffenen früher die passende Unterstützung ermöglichen.

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