Acryl fließen lassen – Pouring, so heißt ein aktueller Trend unter den Kreativen in der „Do-it-Yourself-Szene“. Wirklich neu ist er allerdings nicht, weiß Rainer Schmidt, Künstler und langjähriger Pädagoge der Neusser Volkshochschule: „Diese Technik, also das Ausgießen von Acrylfarbe auf Leinwänden, habe ich schon vor acht bis zehn Jahren gemacht. Aber durch das Internet wird daraus gerade wieder ein neuer Hype“, erzählt er. Und dieser Hype zeige sich auch in den Anmeldezahlen der vhs. Denn sämtliche Pouring-Kurse sind schnell ausgebucht.

Dass diese Technik derzeit so beliebt ist, hat vermutlich aber auch noch andere Gründe: Es sind weder Vorkenntnisse erforderlich noch muss man malen können, um tolle Effekte zu erzielen. Und: „Das Pouring ist eine Riesensauerei“, bemerkt der Künstler, „das Zuhause zu machen ist sehr schwierig!“ Denn die Acrylfarben werden auf unterschiedliche Art und Weise auf die Leinwand gegossen und dort verteilt. Bei fast jedem Verfahren geht viel Farbe daneben, wogegen man sich schützen muss, erklärt Schmidt: „Manche haben sogar einen Ganzkörperanzug an. Ich empfehle, die Schuhe abzudecken und mindestens Handschuhe zu tragen. Die Teilnehmer müssen später auch den Boden reinigen, denn diese Flecken, die Sie hier sehen, die stammen alle vom Pouring.“

Neben ihm auf einem der Tische befinden sich unterschiedliche Alltagsgegenstände: Strohhalme, ein Fön, eine Salatschleuder, ein Wollknäuel, eine Zitruspresse und abgeschnittene Böden von Kunststoffflaschen. Das seien alles Materialien, mit denen das Pouring erst interessant würde, erklärt der Dozent. „Für den Workshop decke ich die Tische komplett mit Plastikfolie ab, denn Acrylfarbe klebt fürchterlich“, erklärt er. Dabei entstehe leider auch jede Menge Abfall und das sei klar der negative Teil der Kunsttechnik. Auch die Plastikbecher, in denen die Farbe angemischt wird, seien später Müll, da sie nur einmal verwendet werden können. Stattdessen auf andere Farben umzusteigen, die weniger kleben, sei aber nicht möglich: „Beim Pouring geht es darum, Farbe verlaufen zu lassen. Das geht nur mit Acrylfarbe, mit Öl geht es nicht.“

Die Teilnehmer des Workshops am Wochenende müssen nur eigene Leinwände mitbringen, die Farben stellt der Dozent. Und dann geht es los: Die Böden von zwei Plastikflaschen werden auf die Leinwand gelegt. Anschließend werden unterschiedliche Farben wie Blau, Gelb und Grün nacheinander auf die Gegenstände gegossen. Dann bildet sich ein Muster, das aussieht wie eine Blume. „Die kann man dann so lassen“, sagt Schmidt, „oder es gefällt noch nicht und man kippt noch einmal weiter, oder gießt mit der Zitruspresse Wasser auf.“

Hinter dem Dozenten sind zwei Bilder zu sehen, auf denen filigrane Blumen in Blau-Weiß auf rosa Grund abgebildet sind. Ist das auch Pouring? „Ja“, sagt Schmidt, „hier hat sich eine Teilnehmerin etwas Besonderes einfallen lassen. Sie hat den Hintergrund in Rosa gemacht. Und dann hat sie ein Stück von der Wolle abgeschnitten und einmal in weiße, einmal in hellblaue Farbe getaucht“, erklärt der Kunstpädagoge. Diese Fäden habe sie dann auf der feuchten Leinwand mit dem rosa Untergrund geschlängelt. „Dadurch entstehen solche blumenartigen Formen“, so Schmidt weiter. Der Haken an der Technik: Im Nachhinein etwas zu korrigieren, sei nicht möglich: „Das geht sehr schnell, zwei Sekunden, fünf Sekunden. Das sollte man dann nicht mehr korrigieren. Aber man kann sehr schöne Effekte erzielen. Ich sage den Teilnehmern immer: Nehmen Sie die Farben, die Sie nehmen wollen. Da kann man sehr kreativ sein.“ Neben den Farben könne sich jeder auch frei überlegen, welche weiteren Gegenstände eingesetzt werden sollen, um das Bild besonders individuell zu gestalten. So kann mit einem Fön die Farbe noch einmal verteilt werden. Aber auch eine Perlenkette sei schon zum Einsatz gekommen, ebenso wie ein Luftballon, der in die Farbe getupft wird. In fast allen Fällen entstehen wunderschöne, dekorative Bilder, die vielleicht weniger mit Kunst als mit viel Spaß an der Herstellung zu tun haben.