
Marcel Koller im Letzigrund.Bild: keystone
Ganz der Alte, nur auf der anderen Seite: Der FCZ-Trainer sieht dem Klassiker am Samstagabend nur schon deshalb mit Vorfreude entgegen, «weil ich ja schon länger nicht mehr dabei war».
21.08.2026, 20:0121.08.2026, 20:01

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Eines der schöneren Bonmots der jüngeren Vergangenheit beim FC Basel stammt von Timo Schultz. Der schaut mit seinem ganz eigenen, ostfriesischen Humor auf seine lediglich 89 Tage als Cheftrainer des FCB zurück und sagt in einem Podcast: «Als Fussballtrainer konnte man da gar nicht arbeiten. Meine Frau sagte irgendwann mal nach drei Wochen: Das ist eher versteckte Kamera als professionelle Fussballarbeit.»
Treffender und geistreicher kann man den struben Transfersommer 2023 in Basel mit einem täglichen Kommen und Gehen nicht beschreiben. Nach nur elf Spielen (Punkteschnitt: 1,27) war der bedauernswerte Schultz Geschichte, er ist – nebst diversen Interimstrainern – der Mann mit der kürzesten Halbwertszeit auf dem Basler Trainerstuhl seit Salvatore Andracchio im Jahr 1997. Unterdessen ist Schultz mit seiner Zeit am Rheinknie im Reinen und hat gerade den VfL Osnabrück zurück in die 2. Bundesliga geführt.
Alle FCB-Trainer seit Christian Gross
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Alle FCB-Trainer seit Christian Gross
Christian Gross (SUI): Juli 1999 bis Juni 2009.
quelle: keystone / peter klaunzer
Eine ganz andere Bilanz hat Marcel Koller vorzuweisen. Nebst all den Titeln, die er als Spieler und Trainer vorzeigen kann, sind da die 760 Tage an der Seitenlinie beim FC Basel. Die 101 Spiele und die 2,0 Punkte pro Partie, die ihn im Ranking der Basler Trainer der Neuzeit ganz weit oben erscheinen lassen. Nur Paulo Sousa (2,02), Thorsten Fink (2,08), Heiko Vogel (2,11 in der ersten Amtszeit) und Urs Fischer (2,19) haben einen noch besseren Punkteschnitt.
Kollers Zeit in Basel: Gelinde gesagt chaotisch
Kollers Zeit am Rheinknie von August 2018 bis August 2020 als Nachfolger von Raphael Wicky war einerseits geprägt von Corona, aber vor allem auch durch die zunehmend chaotischeren Verhältnisse beim FCB. Als Sportchef Marco Streller nach der ersten Saison, die immerhin mit dem Cupsieg endete, loswerden und Patrick Rahmen verpflichten wollte, grätschte im letzten Augenblick Präsident Bernhard Burgener dazwischen. Koller blieb und Streller musste gehen.

Koller 2020 als Trainer in Basel.Bild: keystone
Platz 3, das Erreichen des Viertelfinals der Europa League und der neuerliche Einzug in den Cupfinal war dann keine Ausbeute, die Fussball-Basel zufriedenstellte. Erst Ende August 2020 wurde um den Schweizer Cup gespielt und drei Tage vor dem Final stellte der FCB Ciriaco Sforza als neuen Trainer vor.
«Hätten eigentlich einen Orden verdient»
Sichtlich angefressen liess sich Koller für einmal aus der Reserve locken. «Ich habe für mich gedacht, wie kann man das vor so einem wichtigen Spiel machen? Da hätte man auch bis nächste Wochen warten können. Hat man nicht gemacht – okay, das war’s», sagte er vor dem Cupfinal, den der FCB gegen die Young Boys 1:2 verlor.
Nach zwei turbulenten Jahren, durch die Koller seine Mannschaft mit ruhiger Hand geführt hatte, hinterliess auch er zum Abschluss ein Aperçu: «Ich will nicht überheblich sein, aber eigentlich müsste man uns für alles, was wir hier geleistet haben, für alles, was wir ertragen und aushalten mussten, einen Orden verleihen.»
Das war für Koller-Verhältnisse schon weit aus dem Fenster gelehnt. Diese Auszeichnung gabs natürlich nie. Deshalb bleibt das goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Wien, das er 2016 nach der EM-Qualifikation als österreichischer Nationaltrainer erhielt, der einzige Orden in einer an sportlichen Titeln überreichen Laufbahn. Sieben Mal wurde er als Spieler mit den Grasshoppers Meister und fünf Mal Cupsieger. Dazu kommen Meistertitel als Trainer mit GC und dem FC St.Gallen, der Bundesligaaufstieg mit dem VfL Bochum, und zuletzt neun Titel mit dem ägyptischen Giganten Al-Ahly SC, mit dem er zwei Mal die afrikanische Champions League gewann.

St.Galler Spieler lassen Trainer Koller nach der Sensations-Meisterschaft 2000 hochleben.Bild: KEYSTONE
2024 kehrte Koller aus Kairo heim, vergangenen November hat er das Pensionsalter erreicht und rausgeholt aus dem Rentnerdasein in Graubünden hat ihn FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Dass Dino Lamberti, Kollers Agent seit bald 30 Jahren, beim FCZ als externer Berater des Eigentümer-Ehepaares fungiert, wird nicht hinderlich gewesen sein.
«Der Fussball ist mein Leben. Als ich ein Dreivierteljahr zu Hause im Garten gearbeitet und versucht habe, mich zu erholen, habe ich gemerkt, dass es immer noch brennt», hat Koller bei seiner Vorstellung gesagt. Mitgebracht hat er seine langjährigen Co-Trainer Harald Gämperle, der in Bern schon Meisterteams mitgeformt hat, sowie Carlos Bernegger, der beim FCB bestens bekannt ist.
«Sind nicht so weit, wie wir es gerne hätten»
Seit ein paar Tagen hat Koller nun auch sein eigenes Büro im Home of FCZ im Sportzentrum Heerenschürli. Auf dieser Ebene ist nun alles angerichtet, nur bei der sportlichen Zustandsbeschreibung ist Koller noch nicht zufrieden. Nach der Auftaktniederlage in St.Gallen meinte er: «Wir sind noch nicht so weit, über 90 Minuten volles Tempo gehen zu können.»

Beobachtet vom neuen Chef, Ancillo Canepa.Bild: keystone
Zwei Wochen später, nach der Abreibung in Lugano (0:5), klang er nicht viel freudiger: «Die Mannschaft ist noch nicht so weit, wie wir es gerne hätten.» Ansprüche stellt er keine: «Wir schaffen mit den Spielern, die wir zur Verfügung haben und versuchen, sie besser zu machen.»
Das soll schon am Samstag, wenn der FC Basel kommt, ins Gewicht fallen. 14’500 Tickets sind im Vorverkauf weggegangen und Koller freut sich: «Der Klassiker ist für mich immer noch speziell, schon weil ich ja länger nicht mehr dabei war. Es ist ein Spiel, bei dem von den Fans viel Schub kommt.»
Das Wiedersehen mit Lichtsteiner und Cantaluppi
Und auch wenn er kaum noch einen Basler Spieler persönlich kennt, so wird es doch ein Wiedersehen werden zum Beispiel mit Mario Cantaluppi. Gegen den Co-Trainer des FCB hat Koller selbst noch 1994 bis 1996 acht Mal im GC-Trikot gespielt (fünf Siege, drei Niederlagen). Und dann ist da natürlich Stephan Lichtsteiner, mit dem er als GC-Trainer 2003 die Meisterschaft gewann.

Die «Rookie des Jahres 2003» werden geehrt: Stephan Lichtsteiner (Dritter), Philippe Senderos, Johan Vonlanthen (Zweiter).Bild: PHOTOPRESS
«Ich freue mich, dass er den Schritt gewagt hat», sagt er über seinen ehemaligen Schützling, «er ist ehrgeizig, er will Spiele gewinnen und den Spielern alles mitgeben, was ihn so stark gemacht hat. Das ist, das weiss ich aus eigener Erfahrung, nicht immer ganz einfach, dass die Spieler das auf Anhieb verstehen.»
Wie er den FC Basel aus der Ferne wahrnimmt? «Ähnlich wie damals: Manchmal ein bisschen laut und ein bisschen anders. Aber fantastisch ist die Fangemeinschaft – die Basler stehen zum FCB. Das hat man beim Barcelona-Spiel wieder gesehen. Sind wir froh, dass wir solche Vereine in der Schweiz haben.» Da ist Marcel Koller ganz der Alte: sachlich, kontrolliert, polemikfrei.