Yara (29) war über vier Jahre lang in einer kontrollierten Beziehung mit einem Mann aus Tunesien.Ihr Ex überwachte ihre Kleidung, Passwörter und Kontakte – und schrieb sogar ihrer Chefin.Nach der Trennung verschickte er private Bilder von ihr. Heute verarbeitet Yara das Erlebte mit Therapie.
Wenn Yara* im Bus keinen freien Platz neben einer Frau findet, bleibt sie stehen. Neben einen Mann darf sie sich nicht setzen – egal, ob dieser 20, 70 oder noch ein Kind ist. Bevor die heute 29-Jährige aus dem Aargau das Haus verlässt, muss sie ihrem Freund zudem Fotos von ihrem Outfit schicken. Zu viel Ausschnitt? Zu kurze Hose? Dann soll sie sich umziehen. Und wenn sie bei der Arbeit nicht ans Handy geht, schreibt er kurzerhand ihrer Chefin.
Was für Yara irgendwann zum Alltag wurde, begann Jahre zuvor völlig harmlos. Über Facebook lernt sie den ein Jahr jüngeren Mann aus Tunesien kennen. Es ist ihre erste Beziehung. «Ich hatte keine Erfahrung und wusste lange nicht, was normal ist und was nicht.»
Die beiden führen eine Fernbeziehung. Anfangs geniesst Yara die viele Aufmerksamkeit. Sie telefonieren viel, er möchte wissen, was sie macht und wo sie ist. «Ich fand es schön und habe mich dadurch gut gefühlt.» Doch aus Aufmerksamkeit wird schleichend Kontrolle – und aus einer Beziehung, in der Yara sich anfangs besonders geliebt fühlt, wird eine, in der sie am Ende kaum noch ein eigenes Leben hat.
Immer wieder kontrollierte ihr damaliger Freund ihr Handy.Unsplash
«Ich dachte, er sorgt sich um mich»
Als Yara ihre Lehre in einer Kita beginnt, soll sie ständig erreichbar sein. In jeder Pause muss sie telefonieren, auch während der Arbeit erwartet ihr Freund, dass sie sich meldet. Irgendwann kontrolliert er auch ihre Kleidung.
«Ich dachte, er sorgt sich um mich und ich bin ihm wichtig.» Sie versucht ihm zu erklären, dass ihre Kleidung in der Schweiz völlig normal sei. Doch das interessiert ihn nicht. Also beginnt Yara, heimlich andere Sachen mitzunehmen und sich umzuziehen, sobald sie nicht mehr telefonieren.
Dann verlangt ihr Freund sämtliche Passwörter. Mehrmals täglich loggt er sich ein und kontrolliert sie. «Ich hatte ja nichts zu verstecken. Deshalb war es mir anfangs egal.» Erst mit der Zeit merkt Yara, wie stark er in ihre Privatsphäre eingreift.
Woran erkennst du für dich, dass eine Beziehung toxisch wird?
«Man versteht das nicht»
Dass ihr Partner Hunderte Kilometer entfernt lebt, macht es für sie nicht leichter, sich zu lösen. «Andere sagen: Du hättest doch einfach gehen können, er war ja im Ausland. Aber das habe ich so nicht erkannt. Ich habe nicht gemerkt, wie viel Kontrolle er über mich hat.»
Yara reist regelmässig nach Tunesien. Auch dort geht es weiter mit der Kontrolle: Sobald sie landet, nimmt er ihr als Erstes das Handy ab und durchsucht es. Dennoch erlebt sie ihren Partner dort oft wie ausgewechselt, insbesondere wenn Freunde oder Familie dabei sind. «Diese Zeit habe ich geschätzt, weil er dann anders war.»
Er schreibt sogar ihrer Chefin
Mit der Zeit sucht ihr Freund im Internet nach Yaras Familie, Arbeitskollegen und Vorgesetzten. Wenn sie nicht antwortet, schreibt er ihnen. Selbst ihre Chefin fragt er, ob Yara wirklich arbeite, wann sie Pause habe und warum sie nicht ans Handy gehe.
Als ihre Chefin sie darauf anspricht, verteidigt Yara ihren Partner. «Ich sagte immer: Er meint es nur gut.» Einerseits aus Scham, andererseits, weil sie selbst noch daran glaubt. «Er war ja das Einzige, was ich noch hatte.»
Mehrmals versucht Yara, die Beziehung zu beenden. Danach überschüttet ihr Freund sie mit Liebe, setzt sie emotional unter Druck und schafft es immer wieder, dass sie bleibt. «Ein Teil von mir wusste, dass das alles falsch war. Aber der grössere Teil hat ihn geliebt und ihm geglaubt.»
Schliesslich heiraten die beiden. Zu diesem Zeitpunkt sei sie bereits «emotional abgestumpft» gewesen. Nach der Hochzeit wird die Situation noch schlimmer. «Es war jeden Tag mehr Krieg als alles andere.» Zuneigung bekommt sie kaum noch – und sehnt sich gerade deshalb immer stärker danach. Yara wird depressiv und fühlt sich zunehmend leer, wie sie erzählt.
Für Yara war jeder Schritt in die Unabhängigkeit ein Schritt zurück zu sich selbst, wie sie erzählt. (Symbolbild)Unsplash
Nach der Trennung verschickt er private Bilder
Nach insgesamt mehr als vier Jahren Beziehung zieht Yara schliesslich einen Schlussstrich. Einen einzelnen Moment, der zur Trennung führt, gibt es nicht. «Es war ein schleichender Prozess. Irgendwann hat sich einfach ein Schalter umgelegt.» Sie blockiert ihn überall.
Doch ihr Ex akzeptiert das Ende nicht. Er kontaktiert ihre Familie, droht Yara weiter und verschickt private Bilder von ihr an Angehörige und sogar an ihre Chefin. Zu diesem Zeitpunkt sei sie bereits «so leer» gewesen, dass sie kaum noch etwas gefühlt habe. «Keine Wut, keine Scham, keinen Hass. Es war mir einfach egal.»
Noch lange versucht ihr Ex, sie zu erreichen. Bis vor rund zwei Jahren bekommt Yara immer wieder Nachrichten von ihm.
Ihr Umfeld habe während der Beziehung nie gewusst, wie gross das Ausmass der Kontrolle tatsächlich war. Nach der Trennung seien viele schockiert gewesen. Wirklich gesprochen werde darüber bis heute kaum. «Einerseits bin ich froh, dass ich nicht darüber reden muss. Andererseits fühlt man sich dadurch auch nicht ernst genommen.»
«Ich trauere einer Version von mir nach»
Heute ist Yara wieder verheiratet. Rückblickend empfindet sie vor allem Trauer. «Ich trauere einer Version von mir in meiner Jugend nach, die es nie gegeben hat.» Wut auf ihren Ex empfinde sie dagegen keine mehr.
Nach der belastenden Beziehung arbeitet Yara an ihrer Heilung – und lernt, sich selbst wieder Raum zu geben. (Symbolbild)Unsplash
Ganz verschwunden sind die Spuren trotzdem nicht. Nimmt ihr heutiger Mann beispielsweise ihr Handy, um kurz etwas nachzuschauen, ist für wenige Sekunden das alte Gefühl wieder da. «Er hat überhaupt keine Hintergedanken. Aber meine erste Reaktion ist natürlich manchmal noch die von damals.»
Doch jetzt kann Yara diese Momente einordnen. Therapien hätten ihr dabei geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und zu verstehen, was damals passiert ist. «Ich weiss heute, dass es nicht meine Schuld war.» Die mehr als vier Jahre sollen nicht länger bestimmen, wie sie ihr Leben führt. «Alles hat dazu beigetragen, wer ich heute bin. Und ich mag die Person, die ich heute bin.»
*Name ist der Redaktion bekannt.
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Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.