Ist von der Pest die Rede, schießen den meisten Leuten Bilder von schwarzen Beulen in den Kopf – das augenfälligste Symptom einer Beulenpest. Der Erreger, das Bakterium Yersinia pestis, wird sowohl von Nagetieren wie etwa Ratten als auch von Flöhen und Läusen auf den Menschen übertragen.
In lokalen historischen Überlieferungen werde von einem Hirtenbuben als „Patient Null“ erzählt, der wohl von einer Ratte gebissen worden sein soll, schreiben Pedro Puig und Joana Maria Pjadas-Mora in einer nun im Fachjournal „PNAS“ veröffentlichten Studie. Doch bei dem Pestausbruch im Jahr 1820 auf der spanischen Insel Mallorca dürften infizierte Ratten als Überträger keine Rolle gespielt haben, meinen die Fachleute. Die Epidemie raffte damals innerhalb weniger Monate mehr als 2.400 Personen hinweg – rund ein Drittel der etwa 7.500 Einwohnerinnen und Einwohner in den von der Seuche betroffenen Orten.
Pestbakterien in Schmuggelware
Untersuchungen von lokalen Aufzeichnungen aus dieser Zeit deuten darauf hin, dass der Erreger „vermutlich mit einem Schiff aus Tanger im Nordwesten Marokkos eingeschleppt“ wurde, schreibt das Studienteam. Dessen wahrscheinlich bereits infizierte Besatzung transportierte Schmuggelware, die in Ruderbooten nahe der Stadt Son Servera an Land gebracht wurde. Dort nahm der Pestausbruch am 7. Mai 1820 seinen Ausgang. Allein dieser Umstand mache „das Einschleppen von pestinfizierten Ratten vom Schiff äußerst unwahrscheinlich“, meinen Puig und Pjadas-Mora. Sie vermuten vielmehr Flöhe als Überträger, die mit der Schmuggelware an Land kamen, oder auch infizierte Mitglieder der Schiffsbesatzung.
Dank rasch eingeleiteter strenger Quarantänemaßnahmen waren letztlich nur vier von damals insgesamt mehr als vierzig Ortschaften auf Mallorca von der Pest betroffen. Dort aber verbreitete sich die Krankheit rasant in der ansässigen Bevölkerung, wobei viele der betroffenen Personen keine klassischen Symptome einer Beulenpest aufwiesen, wie aus den Aufzeichnungen eines Arztes von 1821 hervorgeht: „Manche starben ohne erkennbare Symptome mit einem fast normalen Puls und ohne andere Beschwerden als Schwäche und Erschöpfung.“ Oft seien Menschen innerhalb eines Tages nach dem Kontakt mit Erkrankten selbst an der Pest erkrankt, mehr als drei Viertel (78 Prozent) der Betroffenen überlebten nicht.
Wahrscheinlich Lungenpest
Die durchschnittliche Inkubationszeit während der Pestepidemie 1820 auf Mallorca schätzt das Forschungsteam aufgrund seiner Recherchen und Berechnungen auf 2,8 Tage für die Kleinstadt Son Servera, und auf zwei Tage für eine weitere Ortschaft an der Ostküste der Insel. Das stimmt in etwa mit der Definition der WHO für die Lungenpest überein, die über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird und für die eine Inkubationszeit von einem bis drei Tagen angegeben wird. Dunkle Beulen treten bei dieser Pestform nicht auf, aber Brustschmerzen, Husten, blutiger Auswurf, allgemeine Schwäche und auch Fieber.
Puig und Pjadas-Mora gehen nicht zuletzt deshalb davon aus, dass die „letzte große Pestepidemie im Europa des 19. Jahrhunderts“ 1820 auf Mallorca von der Lungenpest dominiert und getrieben wurde. Diese kann sich aus einer Beulenpest entwickeln, wenn Yersinia-pestis-Bakterien in die Lunge wandern und dort eine Lungenentzündung auslösen. Werden andere Menschen dann durch das Aushusten von infektiösem Schleim (Tröpfcheninfektion) angesteckt, spricht man in der Medizin von einer primären Lungenpest. Sie ist noch tödlicher als die von Ratten und Flöhen übertragene Beulenpest. – Auf Mallorca dauerte es bis 31. Dezember 1820, bis die Epidemie für beendet erklärt werden konnte.
In Wildtierpopulationen in vielen Ländern Afrikas, in Teilen Asiens und Amerikas kommt Lungenpest auch heute noch vor, Übertragungen auf den Menschen sind allerdings selten.