Blick auf Basel von oben

Die Roche-Türme auf der rechten Seite und der Novartis-Kuppelpavillon auf der linken Seite.

Stefan Bohrer / Keystone

Basel zählt zu den grossen Pharmastandorten. Doch künstliche Intelligenz, Geopolitik, neue Konkurrenten und veränderte Investitionsmuster setzen die Region unter Druck.

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24. August 2026 – 08:30

Nur wenige Städte der Welt sind in ihrer Identität so eng mit einer Branche verbunden wie Basel mit seiner Pharmaindustrie. Roche und Novartis, zwei der grössten Pharmakonzerne der Welt, prägen das Stadtbild. Wer über eine von Basels Brücken geht, sieht sie sofort: auf der einen Seite die weissen, stufenförmigen Roche-Türme und auf der anderen den Novartis-Campus.

Die Geschichte der beiden Unternehmen in der Region reicht fast zwei Jahrhunderte zurück. Was einst mit chemischen Farbstoffen für die Textilindustrie begann, entwickelte sich zur Herstellung von Pillen, Sirupen und Injektionen und ist heute bei Gen- und Zelltherapien angekommen.

«Basel hat eine lange Tradition darin, neue Ideen und Menschen willkommen zu heissen», sagt Maria Luisa Brooke, Stadtführerin bei Basel Tourismus. «Das hat die Stadt zu einem Ort gemacht, der Innovation fördert.»

Diese Geschichte ist Segen und Bürde zugleich. Die Branche hat die Region ausserordentlich wohlhabend gemacht. Der Kanton Basel-Stadt weistExterner Link ein Bruttoinlandprodukt pro Kopf von rund 204’070 Franken auf, deutlich mehr als die Schweiz insgesamtExterner Link mit 93’450 Franken. Auch die Löhne und die Unternehmenssteuereinnahmen im Kanton gehören zu den höchsten der Schweiz. Basel-Stadt erwirtschaftetExterner Link rund 36% der gesamten Schweizer Exporte, wobei Pharmaprodukte den weitaus grössten Anteil ausmachen.

Diese Abhängigkeit hat jedoch auch eine Schattenseite. Städte, deren Wirtschaft auf angestammten Industrien beruht, haben oft Mühe, technologische Umbrüche zu überstehen. Die Pharmaindustrie steht weltweit an einem Wendepunkt.

Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Forschung grundlegend, Behandlungen werden personalisiert, Fachkräfte sind international mobil, und neue Akteure wie China entwickeln Medikamente schneller und günstiger. Immer mehr Regierungen betrachten die Pharmaindustrie zudem als Frage der nationalen Sicherheit. Sie investieren grosse Summen in den Aufbau einer heimischen Industrie und schaffen damit Konkurrenz für etablierte Standorte.

«In den vergangenen Jahren hat es enorme Verwerfungen gegeben, ausgelöst durch tiefgreifende geopolitische Verschiebungen», sagt Joanne Henderson, die beim globalen Immobilienunternehmen CBRE den Bereich Life Sciences in Europa leitet. CBRE veröffentlicht einen BerichtExterner Link zu Life-Sciences-Standorten. «Das führt dazu, dass die Pharmaunternehmen ihre Produktions-, Liefer- und Vertriebsnetze sowie ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung grundlegend überdenken.»

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Big Pharma: Der Motor der Schweizer Wirtschaft steht unter Druck

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19. Juni 2026

Die Pharmaindustrie ist eine tragende Säule der Schweizer Wirtschaft und ein Schwergewicht auf globaler Ebene. Doch der Aufstieg neuer Akteure könnte die Karten neu mischen.

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Basel ist längst nicht mehr einer von wenigen Pharmastandorten auf der Welt. Boston, Cambridge im Vereinigten Königreich und Leiden in den Niederlanden sind etablierte Konkurrenten. Gleichzeitig buhlen aufstrebende Standorte wie Madrid, Suzhou in China und Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina mit Spitzenuniversitäten und staatlichen Anreizen um Investitionen der Pharmaindustrie.

Wo steht Basel also heute? Kann die Stadt ihren Vorsprung halten?

Basel auf einen Blick

Die drittgrösste Stadt der Schweiz hat 180’000 Einwohner:innen und liegt im Kanton Basel-Stadt (205’000 Einwohner:innen). Basel Area Business & Innovation handelt im Auftrag der drei Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Jura. Zur weiteren Metropolregion Basel gehören Teile der Kantone Aargau und Solothurn sowie Grenzregionen in Frankreich und Deutschland.

Eine Phase der Erneuerung und Modernisierung

Diese Fragen beschäftigen Christof Klöpper, Leiter von Basel Area Business & Innovation, der Wirtschaftsförderung der Region, seit über einem Jahrzehnt.

Um die Jahrtausendwende erlebte die Branche weltweit einen tiefgreifenden Wandel mit dem Aufstieg der Biotechnologie, die lebende Zellen zur Entwicklung neuer Medikamente nutzt. Innovationen aus dem eigenen Haus reichten nicht mehr aus, um die Umsätze der Grosskonzerne anzutreiben, sagt Klöpper.

1990 übernahm Roche die Mehrheit am Biotech-Pionier Genentech in San Francisco – eine wegweisende Übernahme, die der Konzern 2009 mit dem Kauf der restlichen Aktien abschloss. Novartis wiederum entschied sich 2003 dafür, den globalen Hauptsitz seiner frühen Wirkstoffforschung in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts statt in Basel anzusiedeln.

Die Botschaft dieser Schritte, sagt Klöpper, sei gewesen: «Die beiden grossen Unternehmen würden nicht mehr alles hier in Basel machen. Uns wurde klar: Wenn wir uns nicht aktiv darum bemühen, Innovation hier anzusiedeln, gehen die grossen Unternehmen anderswohin.»

Boston wurde zum Vorbild für Basel. Die Mischung aus universitärer Forschung, Start-up-Zentren und Risikokapital löste in Basel eine Welle von Investitionen aus, mit denen die Region ihre Position sichern wollte. In den vergangenen zehn Jahren haben Kantonsregierungen und private Investor:innen Milliarden in regionale Innovationsparks gesteckt, um ein Ökosystem nach dem Vorbild Bostons zu schaffen.

Der Ausbau geht weiter. 2022 eröffnete im Nachbarkanton Basel-Landschaft ein nationaler Innovationspark, der mindestens acht Fussballfelder gross ist. In den kommenden fünf Jahren soll sich seine Fläche durch neue Labore, Arbeitsräume und Forschungsinstitute verdoppeln.

Der Kanton baute zudem die Risikokapitalförderung über Start-up-Inkubatoren und Accelerator-Programme wie BaseLaunch und DayOne aus. Ersteres hat seit 2017 30 Unternehmen mit rund einer Milliarde Franken unterstützt. Ziel ist es, Unternehmen aufzubauen, die später zu Übernahmekandidaten für die Grosskonzerne werden.

Basel-Stadt gewährt wie viele Schweizer Kantone seit Jahren steuerliche Anreize für Forschung und Entwicklung. 2025 stimmte die Basler Stimmbevölkerung jedoch einem neuen AnreizExterner Link zu. Der neue OECD-Mindeststeuersatz für Unternehmen brachte dem Kanton hohe Mehreinnahmen. Basel-Stadt gibt nun jährlich 150 bis 500 Millionen Franken für ein InnovationsförderprogrammExterner Link aus. Es bietet Rückvergütungen von bis zu 25% auf Löhne in Forschung und Entwicklung sowie auf Abschreibungen von Ausrüstungsinvestitionen und Rückvergütungen von 10% auf die Kosten klinischer Studien in der Schweiz.

Die Strategie zeigt Wirkung

Die Strategie scheint sich auszuzahlen. In der Region sind heute 800 Life-Sciences-Unternehmen angesiedelt, vor zehn Jahren waren es rund 600, sagt Klöpper. Der Erfolg bemesse sich allerdings an der Qualität, nicht an der Quantität, fügt er hinzu. Als Beispiel nennt er das US-Biotechunternehmen Revolution Medicines, das 2025 eine Tochtergesellschaft in Basel gründete und kürzlich mit dem vielversprechenden Wirkstoffkandidaten Daraxonrasib gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs Schlagzeilen machte.

Auch mehrere chinesische Unternehmen wie BeOne Medicines haben sich in der Region niedergelassen. Selbst im Vergleich mit grösseren und kostengünstigeren Konkurrenten schneidet Basel in internationalen Ranglisten gut ab. Im Vergleich der Life-Sciences-Cluster 2026Externer Link des Gewerbeimmobilienunternehmens JLL stieg die Region von einem etablierten Tier-2-Standort zu einem weltweit führenden Tier-1-Standort auf.

«Das liegt tatsächlich an der jüngsten Entwicklung beim Risikokapital und der Dynamik des Ökosystems», sagt George Beaton, Forschungsleiter für Life Sciences bei JLL. «Wenn man sich hochwertige Produktionsstandorte ansieht, liegt Basel in absoluten Zahlen nicht an der Spitze, aber pro Kopf gerechnet ist es Spitzenreiter.»

Start-ups im Kanton Basel-Stadt sammeltenExterner Link 2025 die Rekordsumme von 572,3 Millionen Franken ein, 95% davon flossen in die Life Sciences. Anfang 2025 nahm das Basler Unternehmen BioVersys an der Schweizer Börse SIX 80 Millionen Franken auf – der grösste Biotech-BörsengangExterner Link in Europa seit fünf Jahren. Und das zu einer Zeit, in der einige andere europäische Standorte rückläufige Finanzierungen verzeichnen. 2025 sank die RisikokapitalfinanzierungExterner Link für britische Biotechfirmen um 13,2% auf 1,8 Milliarden Pfund (1,96 Milliarden Franken).

Auch der dichte Pool an Fachkräften bleibt ein zentrales Argument für Basel: Über 33’000 Personen arbeitenExterner Link in der Region in den Life Sciences, das entspricht rund 7,2% der Erwerbstätigen. Henderson weist darauf hin, dass die Basler Expertise die gesamte Wertschöpfungskette abdecke – von der Vermarktung über die Regulierung und Preisgestaltung bis hin zum Marktzugang. Dadurch entstehe ein Fachwissen, das sich nicht über Nacht aufbauen lasse.

Diese Fachkräftebasis wird zudem durch die aussergewöhnlich hohe Lebensqualität der Stadt gestützt, ein grosser Vorteil im Wettbewerb der Pharmaunternehmen mit Technologiefirmen um Arbeitskräfte.

Geopolitischer Druck auf Basel

Die entscheidende Frage ist, ob all die Vorzüge und Investitionen ausreichen, während die Schwergewichte Roche und Novartis unter wachsendem geopolitischem Druck stehen, anderswo zu investieren. Laut Fachleuten, die mit Swissinfo sprachen, sei Basel zwar weit mehr als nur Big Pharma, brauche die Konzerne aber weiterhin, um führender Pharmastandort zu bleiben.

Um den Zöllen von US-Präsident Donald Trump zu entgehen, haben die beiden Unternehmen zugesagt, in den nächsten fünf Jahren gemeinsam 73 Milliarden Dollar (58 Milliarden Franken) in den USA zu investieren. Ziel ist es, sämtliche Schlüsselmedikamente auf amerikanischem Boden zu produzieren. Die USA verfügen dabei über enorme Verhandlungsmacht: Auf sie entfällt rund die Hälfte des weltweiten Roche-Umsatzes, auf die Schweiz entfallen weniger als 2%.

Die Konzerne investieren auch stark in China, das sich zu einem wichtigen Innovationsstandort entwickelt. Der Anteil der in China in Entwicklung befindlichen Medikamente stieg von 18% im Jahr 2021 auf über 30% im Jahr 2026. Der Schweizer Anteil verharrt dagegen bei knapp sieben Prozent.

Hinzu kommt: Trumps Anordnungen, die US-Medikamentenpreise an jene von Peer-Ländern wie der Schweiz anzugleichen, haben die Spannungen zwischen der Branche und den Schweizer Gesundheitsbehörden verschärft, die versuchen, die Gesundheitskosten im Inland zu dämpfen. Im Juni warnteExterner Link René Buholzer, Geschäftsführer des Schweizer Pharmaverbands Interpharma, die Schweiz könnte Ziel einer US-Handelsuntersuchung zu Medikamentenpreisen und Vergütungen werden. Dies geschah nur wenige Tage, nachdem die USA eine formelle Untersuchung eingeleitet hatten, um zu prüfen, ob Deutschland für innovative Medikamente zu wenig bezahlt.

Gegen diesen makroökonomischen Gegenwind kann Basel nur begrenzt etwas ausrichten. Den grössten Teil der Arbeit muss die Schweizer Bundesregierung in Bern leisten.

Am Swiss Biotech Day im Mai in Basel nahm Roche-Chef Thomas Schinecker kein Blatt vor den Mund. «Viele der zentralen Eigenschaften, die die Schweiz in der Vergangenheit stark gemacht haben, gibt es nicht mehr», sagte er vor einem Publikum aus Führungskräften. «Die Gefahr besteht darin, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Vergangener Erfolg ist nicht unbedingt ein guter Indikator für künftigen Erfolg.»

Die Sorgen der Branche sind inzwischen auch auf nationaler Ebene ein Thema. Das eidgenössische Parlament hat kürzlich eine MotionExterner Link der Basler Parlamentarierin Eva Herzog für eine nationale Pharmastrategie angenommen. Zudem hat der Bundesrat eine ArbeitsgruppeExterner Link mit der Branche einberufen, um über bessere Rahmenbedingungen für den Sektor zu beraten.

«Basel hat immer gezeigt, dass sich die Stadt weiterentwickeln kann, wenn sich die Welt verändert», sagt Brooke. «Die Stadt weiss: Wenn man über eine gute Konzentration von Kompetenzen verfügt, können neue Ideen entstehen.»

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Editiert von Nerys Avery/ts. Übertragung aus dem Englischen von Michael Heger

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