Seit mehr als 100 Jahren wird Acetylsalicylsäure (ASS) aufgrund ihrer schmerzstillenden, fiebersenkenden und entzündungshemmenden Wirkung eingesetzt. Seit einiger Zeit wurde jedoch auch ein möglicher Schutz vor Darmkrebs in Betracht gezogen. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2026 zeigt nun: Ein präventiver Nutzen ist nicht gesichert, das erhöhte Risiko schwerwiegender Blutungen hingegen gut belegt.
ASS wird nicht nur als Schmerzmittel eingesetzt, sondern in niedriger Dosierung auch zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Studien mit Menschen, die den Wirkstoff über längere Zeit einnahmen, lieferten Hinweise darauf, dass ASS möglicherweise auch vor Darmkrebs schützen könnte.
Forschende von Cochrane, einem internationalen und unabhängigen Netzwerk, untersuchten daher, wie sich die Einnahme von ASS im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung auf Darmkrebs, dessen Vorstufen und die Darmkrebssterblichkeit auswirkt. „Eine breite Anwendung von ASS in der Allgemeinbevölkerung zur Darmkrebsprävention wird durch die aktuelle Evidenz nicht gestützt“, erklärt Seniorautor Dan Cao von der Sichuan-Universität im chinesischen Chengdu.
Zehn Studien mit unterschiedlichen Dosierungen
Für den Review wertete das Forschungsteam zehn randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 124.837 Menschen im mittleren oder höheren Alter aus. Die Teilnehmenden wiesen kein besonderes Darmkrebsrisiko auf. Geeignete Studien zu anderen nicht steroidalen Antirheumatika wurden nicht gefunden, weshalb sich die Ergebnisse ausschließlich auf ASS beziehen.
Sieben Studien untersuchten niedrige Dosierungen von täglich 75 bis 100 mg ASS. In den übrigen Untersuchungen kamen andere Dosierungen und Einnahmeschemata zum Einsatz: Eine Studie prüfte 325 mg jeden zweiten Tag, eine weitere 500 mg täglich. In einer dritten Studie wurden entweder 300 mg täglich oder 600 mg zweimal täglich verabreicht.
Die Behandlungsdauer reichte im Median von 2,7 bis 10,1 Jahren. Für einige Auswertungen wurden die Teilnehmenden jedoch wesentlich länger nachbeobachtet. Die ursprünglichen Studien waren außerdem vorwiegend darauf ausgelegt, die Wirkung von ASS bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu untersuchen. Darmkrebs wurde daher nicht in allen Studien einheitlich erfasst.
Kein Vorteil innerhalb der ersten 15 Jahre
Neun der zehn Studien lieferten Daten zum Auftreten von Darmkrebs. Innerhalb von fünf bis weniger als zehn Jahren zeigte sich wahrscheinlich kein Unterschied zwischen ASS und der Kontrollgruppe. In die entsprechende zeitabhängige Analyse flossen drei Studien mit 26.702 Teilnehmenden ein. Die Evidenz wurde als moderat eingestuft.
Auch nach zehn bis weniger als 15 Jahren verringerte ASS das Darmkrebsrisiko wahrscheinlich nicht. Dieses Ergebnis beruht auf zwei Studien mit 42.412 Teilnehmenden und besitzt ebenfalls eine moderate Vertrauenswürdigkeit.
Ein möglicher kleiner Vorteil zeigte sich erst nach mindestens 15 Jahren. Ohne ASS erkrankten 15 von 1000 Personen an Darmkrebs, mit ASS waren es zwölf von 1000. Grundlage waren drei Studien mit insgesamt 47.464 Teilnehmenden. Die Forschenden bewerteten die Vertrauenswürdigkeit dieses Ergebnisses allerdings als sehr niedrig. Weitere Untersuchungen könnten die Einschätzung daher deutlich verändern.
Auch bei Vorstufen von Darmkrebs, sogenannten kolorektalen Adenomen, zeigte sich zwischen fünf und zehn Jahren kein gesicherter Vorteil. Hierfür lagen lediglich Daten aus einer Studie mit 12.546 Teilnehmenden vor.
„Die Vorstellung, ASS könne langfristig vor Darmkrebs schützen, ist zwar interessant. Unsere Analyse zeigt jedoch, dass ein solcher Nutzen nicht gesichert ist – und mit nachgewiesenen Risiken einhergeht“, betont Erstautor Zhaolun Cai von der Sichuan-Universität.
Darmkrebssterblichkeit bleibt unklar
Sechs Studien untersuchten die Auswirkungen auf die Darmkrebssterblichkeit. Innerhalb von fünf bis weniger als zehn Jahren starben möglicherweise sogar mehr Menschen aus der ASS-Gruppe an Darmkrebs: Betroffen waren vier von 1000 Personen mit ASS und zwei von 1000 Personen ohne ASS. Dieses Ergebnis stammt aus einer Studie mit 19.114 Teilnehmenden und wurde mit einer niedrigen Vertrauenswürdigkeit bewertet.
Zwischen zehn und weniger als 15 Jahren zeigte sich möglicherweise kein relevanter Unterschied. Dafür standen lediglich Daten aus einer Studie mit 39.876 Teilnehmenden zur Verfügung.
Nach mindestens 15 Jahren könnte ASS die Darmkrebssterblichkeit geringfügig senken. Ohne ASS starben acht von 1.000 Personen an Darmkrebs, mit ASS waren es sechs von 1.000. Die Auswertung umfasste fünf Studien mit insgesamt 53.909 Teilnehmenden. Auch diese Evidenz wurde jedoch als sehr niedrig eingestuft.
Die langfristigen Ergebnisse stammen aus Nachbeobachtungen früherer Studien. Zu diesem Zeitpunkt könnten Teilnehmende die Einnahme von ASS bereits beendet, eigenständig begonnen oder andere Behandlungen erhalten haben. Andere Einflussfaktoren lassen sich daher nicht sicher ausschließen.
Vier zusätzliche schwere Blutungen
Deutlich klarer ist die Studienlage beim Blutungsrisiko. Acht Studien mit insgesamt 97.567 Teilnehmenden untersuchten schwerwiegende Blutungen außerhalb des Gehirns. Unter ASS war das Risiko um etwa 59 Prozent erhöht. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Evidenz wurde als hoch eingestuft.
Von 1.000 Personen ohne ASS erlitten acht eine schwere Blutung. Unter der Einnahme waren es zwölf von 1.000. Damit traten pro 1.000 behandelten Personen vier zusätzliche schwerwiegende Blutungen auf. Dazu gehörten insbesondere Magen-Darm-Blutungen, die eine Behandlung im Krankenhaus oder eine Bluttransfusion erforderlich machten.
Auch das Risiko eines hämorrhagischen Schlaganfalls, also einer Hirnblutung, stieg wahrscheinlich an. Diese Auswertung umfasste acht Studien mit 105.037 Teilnehmenden. Ohne ASS waren zwei von 1000 Personen betroffen, mit ASS drei von 1000. Die Evidenz dafür bewerteten die Forschenden als moderat.
Bei der Gesamtzahl schwerwiegender unerwünschter Ereignisse zeigte sich hingegen wahrscheinlich kein wesentlicher Unterschied. Dieses Ergebnis beruht allerdings nur auf drei Studien mit 16.442 Teilnehmenden.
Keine Einnahme ohne ärztliche Rücksprache
Ein möglicher langfristiger Nutzen muss daher sorgfältig gegen das gut belegte Blutungsrisiko abgewogen werden. Die Autorinnen und Autoren raten ausdrücklich davon ab, ASS ohne ärztliche Beratung ausschließlich zur Vorbeugung von Darmkrebs einzunehmen.
Der Review ist unter dem Titel „Aspirin and other nonsteroidal anti-inflammatory drugs (NSAIDs) for preventing colorectal cancer and colorectal adenoma in the general population“ in der Cochrane Database of Systematic Reviews erschienen.