Zwischen Anpassung und Widerstand

Stand: 24.08.2026 04:00 Uhr

Kunst der DDR – das klingt nach Heldenbildern, Parolen und Wandmalereien. Doch die Kunstszene war vielseitiger und widersprüchlicher: Manche versteckten tiefere Botschaften in den vermeintlich heroischen Bildern. Andere schufen heimlich Werke, die eine andere Seite des Staates zeigten. Wir stellen 17 Persönlichkeiten vor, die die Kunstlandschaft der DDR besonders geprägt haben und deren Leben meist genauso spannend ist wie ihre Werke.

Malerei und Grafik

Ein Herz für die Verlierer: Bernhard Heisig

Ein Künstler der DDR fertigt ein Gemälde des Bundeskanzlers der BRD an – das klingt wie eine wilde Idee für einen Film oder einen Roman. Doch es ist wirklich passiert: 1986 reiste der Maler Bernhard Heisig aus Leipzig nach Bonn, um den abgewählten Helmut Schmidt zu porträtieren. Es war ein Zeichen für die Zusammengehörigkeit der Teilstaaten. Schmidt betonte später, wie wichtig für ihn gewesen sei, dass der Maler aus dem Osten nicht ideologisch belastet gewesen sei. Auch Jahre später verteidigte der Altkanzler den Maler gegen ähnliche Vorwürfe.

Menschen stehen in einer Galerie vor einem Gemälde in Gespräche vertieft.

Nach langen Vorbereitungen durfte Bernhard Heisig den Bundeskanzler a.D. malen.

Denn neben allen künstlerischen Fähigkeiten galt Heisig als ein geschickter Taktiker in der schwierigen Kulturpolitik der DDR. Er übernahm Staatsaufträge und folgte den Vorgaben, doch immer wieder überlistete er die Zensur auch. Heisig war als Vizepräsident des Verbandes der Bildenden Künstler durchaus streitlustig. Auch als Rektor der Leipziger Kunsthochschule eckte er an. Gemeinsam mit Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer – alle drei studierten in Leipzig und lehrten dann dort – galt Heisig als Begründer der Leipziger Schule.

Bernhard Heisig: Ein Mann mit weißen Haaren neigt den Kopf vor.

2025 wäre Bernhard Heisig 100 Jahre alt geworden.

Thematisch arbeitete sich Heisig immer wieder an seinen Kriegserfahrungen ab: Er meldete sich als 16-Jähriger vermutlich freiwillig bei einer SS-Panzerdivision und erlebte den Zweiten Weltkrieg hautnah – und wurde später zum Kriegsgegner und Fortschrittsmoralisten. Im Zentrum seiner Bilder stehen die Besiegten und Abgehängten. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist immer wieder zu erkennen: Heisigs Stil ist geprägt von Größen der Klassischen Moderne wie Kokoschka, Beckmann und Dix. Doch er verbindet seinen figurativen Stil mit Mitteln der Moderne. Heisig gilt als einziger Künstler der DDR, der ernsthaft mit Pop-Art experimentierte. Er arbeitete immer wieder Collage-Techniken. In seinen großformatigen Bildern lösen sich Raum und Zeit fast schon auf: Die Figuren fließen ineinander und ermöglichen verschiedene Perspektiven auf die Gemälde.

«Erinnern und verantworten: Bernhard Heisig zum 100. Geburtstag»
Herausgegeben von Heiner Köster
Verlag E. A. Seemann
328 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-690-01009-2

Bernhard Heisig

Realismus voller Symbole: Wolfgang Mattheuer

Diese Figur zieht sich durch viele Werke und hat sich fest in Leipzig eingeschrieben: der «Jahrhundertschritt». Es ist eine gedrungene Gestalt mit überlangen Beinen, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Der eine Arm zum Hitlergruß ausgestreckt, der andere zur kommunistischen Faust erhoben. So schaffte es der Künstler Wolfgang Mattheuer, die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts in einer Figur zusammenzubringen. Das Motiv kann aber auch als Ausdruck einer inneren Zerrissenheit des Künstlers verstanden werden. Als Skulptur steht der «Jahrhundertschritt» heute unter anderem in Leipzig vor dem Zeitgeschichtlichen Forum, einem Museum über die deutsch-deutsche Geschichte.

Menschen stehen auf der Straße um eine Skulptur einer unförmigen Figur, die einen großen Schritt macht.

Das Motiv des «Jahrhundertschritts» taucht in mehreren Werken von Mattheuer auf.

Mattheuer wurde 1927 im vogtländischen Reichenbach als Sohn eines Buchbinders geboren und lernte in seiner Geburtsstadt das Handwerk der Lithografie. Bevor Mattheuer studieren konnte, wurde er in den Krieg eingezogen und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Später studierte er doch noch an der Leipziger Kunstgewerbeschule, die heute als Hochschule für Grafik und Buchkunst bekannt ist. Dort lehrte Mattheuer schließlich selbst und gilt neben Bernhard Heisig und Werner Tübke als Mitbegründer der Leipziger Schule. Von diesen drei galt Mattheuer als der größte Kritiker des Staates. Er soll sich in Briefen sehr deutlich gegen Vorgaben durch die Kulturpolitik geäußert haben und während der Friedlichen Revolution nahm er an Demonstrationen teil.

Ein Gemälde: Ein Mann läuft in gebückter Haltung an einem Felsbrocken vorbei.

Immer wieder verarbeitete Mattheuer antike Motive.

Vor allem die Gemälde von Mattheuer waren mit ihrem klaren Strich vom Realismus geprägt, so wie sich das die DDR-Kulturpolitik eigentlich wünschte. Doch seine Bilderwelten bildeten weniger die Realität ab – und wenn, dann mit einem kritischen Blick. Seine Werke gelten eher als Sinn- und Symbolbilder. Oft arbeitet er mit der griechischen Mythologie oder Allegorien. Figuren wie Sisyphos (der Sage nach ist er verflucht, immer wieder einen Stein einen Berg hinaufzurollen) oder eine Frau mit bunten Luftballons tauchen immer wieder in Mattheuers Bildern auf.

«Wolfgang Mattheuer. Bilder als Botschaft»
Herausgegeben von Stefanie Michels
Galerie Schwind
368 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-932-83071-6

Eine Frau hält ein Smartphone in der Hand, auf dem Display steht >>ostKUNSTwest<<

Altmeister in sozialistischer Zeit: Werner Tübke

Mit 1.722 Quadratmetern (14 mal 123 Meter) zählt das Rundbild «Frühbürgerliche Revolution in Deutschland», auch bekannt als «Bauernkriegspanorama«, zu den größten Rundbildern der Welt. Bis heute ist es in dem extra dafür gebauten Panoramamuseum in Bad Frankenhausen (wo der Bauernaufstand unter teilweiser Führung von Thomas Müntzer blutig niedergeschlagen wurde) zu sehen. Nach vielen Streitereien wurde das monumentale Werk 1975 durch die Staatsführung der DDR in Auftrag gegeben. Gemeinsam mit 15 anderen Malern arbeitete Werner Tübke über mehrere Jahre manchmal bis zu zehn Stunden am Tag, um das Bild zu vollenden. Im Oktober 1987 setzte Tübke schließlich die Signatur unter das Gemälde. 1989 wurde das Museum eröffnet.

Blick in den Bildsaal des Panorama Museums mit dem Monumentalgemälde von Werner Tübke

Das Panoramamuseum bei Bad Frankenhausen wurde extra für dieses Monumentalbild gebaut.

Das fertige Werk sorgte für viel Streit: Die Bevölkerung der DDR lehnte es zu großen Teilen ab, weil es angesichts der großen Probleme des kleinen Staates wie eine große Verschwendung wirkte. Aber auch der Auftraggeber wirkte nicht ganz zufrieden, denn Tübke zeigte weder eine historische Szene, noch konzentrierte er sich auf Aspekte der Geschichtsschreibung, die den Bauernaufstand als einen Vorläufer der DDR interpretierten. Der geistige Führer Thomas Müntzer ist im Gemälde kein mutiger Revolutionär, dessen Visionen in dem Arbeiter- und Bauernstaat endlich Gestalt angenommen hatten, sondern ein geschlagener Mann.

Tübke schuf mit seinem Bild vielmehr ein Epochenporträt in Form eines Welttheaters, das von zahlreichen allegorischen Figuren bevölkert wurde. So weist das Bild auch über den historischen Rahmen hinaus: Es kann als ein Abgesang auf die DDR selbst gesehen oder generell als Zivilisationskritik verstanden werden – alles wäre demnach dem Untergang geweiht.

Tübke wurde angesichts dieses riesigen Staatsauftrags eine ideologische Belastung vorgeworfen, doch er selbst sah sich als ein Künstler außerhalb der DDR-Kunst. In gewisser Weise unterstrich er das mit seinen Bildern auch immer wieder. Mehrfach porträtierte er sich selbst als Harlekin, eine beliebte Figur in Tübkes Werk. Seine Kunst war auch nicht vom Sozialistischen Realismus geprägt, sondern von den Alten Meistern wie Dürer, den Cranachs und vor allem der italienischen Renaissance. Immer wieder zitierte er auch bekannte Meisterwerke, die er aber teilweise auch überzeichnete. Tübkes Stil war einzigartig und so nahm der Leipziger Künstler eine herausragende, aber auch abseitige Stellung in der Kunstgeschichte ein.

Selbstporträit von Werner Tübke mit roter Malermütze.

In seinen Bildern zitierte Werner Tübke gerne die Alten Meister wie Raffael.

Tübke wurde 1929 in Schönebeck bei Magdeburg geboren. Schon früh begann er, sich selbst das Malen beizubringen. Einen prägenden Einfluss hatte am Anfang seiner Karriere sicherlich die Künstlerin Katharina Heise, die mit dem Schönebecker Kreis mehrere Kunstschaffende um sich versammelte. Kurz nach dem Krieg studierte er an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er später auch lehrte. Zusammen mit Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer gilt Tübke als einer der Hauptvertreter der Leipziger Schule. Obwohl er auch einige prominente Wandbilder in Leipzig schuf, war er vor allem im Ausland beliebt. Der erfolgreiche realistische Maler Giorgio de Chirico soll ein Liebhaber gewesen sein. Mit besonderer Erlaubnis durfte Tübke immer wieder auch nach Italien reisen. Nach eigener Darstellung hat der DDR-Staat dafür viel an den Werken mitverdient, die er ins Ausland verkaufte.

Adresse:
Panorama Museum
Am Schlachtberg 9
06567 Bad Frankenhausen / Thüringen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
Montags geschlossen

Eintritt:
9,50 Euro, ermäßigt 8,50 Euro, Kinder 4 Euro

Barrierefreiheit:
Es sind rollstuhlgerechte Parkplätze und WCs vorhanden. Ein schwellenarmer Zugang zum Museum ist ausgeschildert. Es gibt mehrere digitale Angebote: Audioguides in Leichter Sprache sowie für Menschen mit Sehbehinderung. Außerdem gibt es einen Videoguide in Deutscher Gebärdensprache.

Der Leipziger Maler Werner Tübke im Jahr 1991: Er steht mit weißem Kittel und Pfeife in einem Atelier

Der Malermacher von Leipzig: Arno Rink

Er war der Vater der Neuen Leipziger Schule: Kurz nach der Wiedervereinigung wurde Arno Rink als Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst bestätigt. Während es in eigentlich allen deutschen Kunsthochschulen um Konzepte ging, setzte er auf klassische Inhalte: Handwerk, Technik, Anatomie, Perspektive und so weiter. Menschen, die lernen wollten, wie die Alten malten, kamen also nach Leipzig. So entwickelte sich hier ein Stil, der ganz auf figürliche Darstellung setzte. Dabei galt Arno Rink als ein wunderbarer Lehrer, denn ihm war es immer wichtig, Persönlichkeiten zu entwickeln. So prägte er bedeutende Kunstschaffende wie Neo Rauch, Verena Landau, Michael Triegel, David Schnell oder Rosa Loy.

Porträt Arno Rink: Ein Mann mit Brille und Kinnbart.

Für Arno Rink war es immer wichtig, dass Künstler Persönlichkeit hatten.

Arno Rink wurde 1940 im thüringischen Schlotheim geboren. Die meisten Menschen in seiner Familie arbeiteten als Bauern oder Handwerker, doch er fiel schnell durch überdurchschnittliche Talente auf. Eigentlich sollte er Mathematik studieren, doch entgegen diesen Wünschen wollte Rink Maler werden. Erst im zweiten Versuch wurde er an der Leipziger Kunsthochschule aufgenommen, wo er bei Tübke und Heisig lernte.

Blick in ein Atelier, mehrere Gemälde lehnen an einer Wand, auf einem ist eine Frauenfigur mit roten langen Haaren abgebildet

Frauen waren ein Leben lang Hauptmotiv: ihre Kraft, ihre Sinnlichkeit, ihr Ausdruck

Obwohl Rink durchaus von den Ideen der DDR überzeugt war, passen seine Bilder nicht unbedingt in die Staatsdoktrin. Seine Gemälde wirken rätselhaft und scheinen eher Träume zu zeigen. Die Hintergründe sind verwischt oder ein farbiges Wabern. Im Vordergrund stechen dann scharf konturierte Figuren hervor. Arno Rink nutzte dafür keine Modelle, sondern schuf seine Bilder allein aus seiner Vorstellung. Wichtige Inspirationen waren die abendländische Mythologie und Geschichte. Immer wieder stehen (nackte) Frauen im Zentrum, denn Weiblichkeit, Verführung und Erotik sind wichtige Themen bei Arno Rink. Seine Bilder treten hinter seiner Bedeutung als Lehrer allerdings oft zurück.

Bernhard Heisig, Evely Richter, Max Uhlig, Cornelia Schleime

Der «Staatsmaler» der DDR: Willi Sitte

«Lieber vom Leben gezeichnet als von Willi Sitte gemalt» – sagte man manchmal in der DDR über den einflussreichen Künstler. Denn Sitte malte gerne Körper und nutzte dafür eine breite Farbpalette. Er galt als Rubens der DDR und das erklärt vielleicht auch, warum die Menschen so fleischig wirken. Nicht selten malte Sitte Akte und nutzte erotische Bildmotive. Seine wichtigsten Werke waren das Bekenntnisbild «Höllensturz von Vietnam» oder das Geschichtspanorama «Leuna 21».

Gemälde: Männer unter der Dusche, mehrere Männer drängen sich durch eine niedrige Tür, weitere schauen durch eine Lücke über der Tür.

Die Arbeiter in den Bildern von Willi Sitte wirken auch immer etwas verbraucht und abgenutzt.

Sitte war eine Art Malerfürst der DDR. Doch der Anfang seiner Karriere deutete nicht darauf hin: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kam der junge Sitte als Wehrmachtssoldat nach Italien, wo er sich schließlich dem Widerstand anschloss. Auch nach dem Krieg blieb er und zeigte mit viel Erfolg seine ersten Bilder. Doch er kehrte in seine Heimat zurück – nach Halle, das inzwischen vom Kommunismus regiert wurde. Dort waren seine Bilder nicht angesehen, denn sie waren zu abstrakt und galten als Ergebnis westlicher Unkultur. Der Formalismusstreit über die richtige Kunst im Kommunismus führte dazu, dass Sitte realistischer malte. Vielleicht zu realistisch: Seine Bilder zeigten keine heroischen Arbeiter, sondern abgehalfterte Personen, die nach Bier und Zigaretten gierten.

Der Maler Willi Sitte an der Staffelei in seinem Atelier in Halle/Saale, 2005.

Willi Sitte blieb auch nach der Wiedervereinigung von den Ideen der DDR überzeugt.

Im Westen waren diese Bilder begehrt und Sitte war angesehen. Der Künstler war jedoch so vom Sozialismus überzeugt, dass er lieber blieb und sich weiter anpasste. In den 70er-Jahren wurde er zum Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR und als solcher eine wichtige Figur für die Kulturpolitik in der DDR.

Nach der Wiedervereinigung warfen ihm viele vor, die Parteiendiktatur aktiv unterstützt und andere Kunstschaffende willentlich behindert zu haben. So habe er die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterstützt und soll die Gruppe um Bärbel Bohley denunziert haben. Andererseits öffnete er die Kulturpolitik für moderne und westliche Positionen.

Aron Boks: «Nackt in die DDR – Mein Urgroßonkel Willi Sitte und was die ganze Geschichte mit mir zu tun hat»
HarperCollins
400 Seiten
ISBN: 978-3-749-90558-4

Ein junger Mann mit dunklen Haaren und Schnauzbart blickt neutral in eine Kamera.

Feministische Vorkämpferin: Angela Hampel

Sie war die feministische Galionsfigur der DDR-Kunst: Angela Hampel. Ihr Werk ist über und über bevölkert von weiblichen Figuren. Oft sind es Außenseiterinnen mit Punkfrisuren, die auf den Bildern als mythologische Gestalten dargestellt werden, wie Medea, die lieber ihre Kinder tötete, als sie dem untreuen Jason zu überlassen. Ihre Bilder sind direkt: Die Hintergründe sind meist einfache Farbflächen. Die Figuren stehen aufrecht, die Haut schimmert in unmenschlichen Farben und wenige Striche reichen für einen klaren Gesichtsausdruck.

Die Dresdner Malerin Angela Hampel sitzt in ihrem Atelier, mehrere Bildern an den Wänden.

Angela Hampel lebte und malte in Dresden.

Angela Hampel wurde als Forstfacharbeiterin ausgebildet und arbeitete als Lkw-Fahrerin, während sie in Bautzen an einer Außenstelle der Dresdner Hochschule für Bildende Künste studierte. Mit der beliebten Autorin Christa Wolf verband Hampel eine Freundschaft, nachdem sie für ihr Buch «Kassandra» Illustrationen angefertigt hatte. Hampel arbeitete zudem in einer Keramikwerkstatt und entwickelte Ende der 80er-Jahre mehrere Performances.

Nicht nur in ihren Bildern wirkte Angela Hampel als Feministin, sie war auch eine einflussreiche Netzwerkerin. Nach Kritik an einer Ausstellung in Dresden-Mitte Ende der 80er-Jahre gründete Hampel mit Kolleginnen die Gruppe Sezession 89. Der Name bezog sich bewusst auf die Gruppe Dresdner Sezession, die 70 Jahre zuvor gegründet worden war – und in der nur Männer Mitglied waren. Die Gruppe wollte weibliche Positionen in der Kunst stärken, «denn die heutige Welt braucht die weibliche Wahrnehmungsweise aus weiblichem Identitätsgefühl heraus», wie es im Gründungsmanifest heißt. Die Bewegung ist noch aktiv. Hampel engagierte sich dort bis 2015.

«Angela Hampel. Das künstlerische Werk»
Herausgegeben von April A. Eisman und Gisbert Porstmann
Kerber Verlag
224 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-735-60854-3

Außenseiter mit wildem Strich: Max Uhlig

Das Werk von Max Uhlig wird von Schwarz und Rot bestimmt. Seine Bilder bestehen aus flirrenden, wilden Strichen, unter denen sich die eigentlichen Motive vermuten lassen. Uhlig malte vor allem Landschaften und Menschen. Dafür ging er tatsächlich in die Natur und ließ dort Menschen Modell sitzen. Diese Skizzen übermalte Uhlig in dem für ihn typischen Stil. Durch dieses Netz aus Strichen und Linien bekommt das Motiv eine neue Dynamik, scheint zu pulsieren. So wollte Uhlig das Innere einfangen und das Leben im Werden zeigen.

Max Uhlig: Ein Mann lehnt an einem großen Gemälde

Künstler wie Giacometti gelten als wichtige Vorbilder für Uhlig.

Obwohl Uhlig im weitesten Sinne figurativ arbeitet, passte er nicht in die Kunstdoktrin der Kulturpolitik und blieb in der DDR ein Außenseiter. Wirtschaftlich wichtiger war in dieser Zeit der andere Teil seines Werks: Uhlig ließ sich zunächst als grafischer Zeichner ausbilden, bevor er an der Kunsthochschule in Dresden, wo er auch geboren wurde, bei Theo Richter und Max Schwimmer studierte.

Bis 1979 verdiente er sein Geld mit Druckgrafik und fertigte beispielsweise Lithografien für einen Verlag an. In den 70er-Jahren wurde der Künstler bereits im Westen als Geheimtipp gehandelt. Nach der Wiedervereinigung gelang ihm der Durchbruch mit mehreren Ausstellungen und vielen verkauften Bildern. Für Uhlig irritierend, da ihm Erfolg auf dem Markt eigentlich nie wichtig war, auch weil er es ablehnte, sich für den Mainstream in irgendeiner Weise anzupassen.

Fenster in der Johanniskirche in Magdeburg

Die Johanniskirche in Magdeburg dient heute eher für Konzerte als für Gottesdienste – die Neugestaltung der Fenster war Uhligs größtes Werk.

Als sein größtes Werk darf sicherlich die Neugestaltung der Johanniskirche in Magdeburg gelten. Das Gotteshaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach der Wiedervereinigung als Konzert- und Kulturort wieder aufgebaut. 2014 enthüllte Uhlig 14 hohe Kirchenfenster in den für ihn typischen Farben. Zu erkennen sind wieder verfremdete Landschaften. Besonders wichtig war für den Künstler aber auch das Farbspiel, das durch das Zusammenwirken mit der Sonne im Kirchenraum entsteht.

Adresse:
Johanniskirche
Johannisbergstraße 1
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
Montags geschlossen

Der Eintritt ist frei.

Barrierefreiheit:
Der Zugang zur Kirche ist schwellenarm möglich. Es rollstuhlgerechte Parkplätze und WCs vorhanden.

Verwandlungen in Leipzig: Doris Ziegler

Veränderung und die Stadt Leipzig selbst sind die wichtigsten Themen in den Bildern von Doris Ziegler, die häufig von einem Grauton bestimmt sind. Eine zentrale Stellung im Gesamtwerk der Malerin nehmen vermutlich die Passage-Bilder ein: In den Durchgängen der Leipziger Innenstadt arrangiert die Künstlerin zahlreiche Gestalten, die auf etwas warten. Worauf, war in den frühen Achtzigern kaum klar. Erst später ließ sich erkennen, dass Ziegler hier eine Stimmung einfing, die sicherlich zu den Demonstrationen und der Friedlichen Revolution führte.

Die Leipziger Malerin Doris Ziegler in ihrem Atelier im Stadteil Plagwitz.

Seit mehreren Jahrzehnten beobachtet Doris Ziegler die Veränderungen in Leipzig.

Ziegler wird zur zweiten Generation der Leipziger Schule gerechnet. Dass sie bei Werner Tübke gelernt hat, kann man in ihren Bildern wiedererkennen. In ihren Passagen finden sich ähnlich symbolträchtige Figuren, die direkt aus der Renaissance und der Commedia dell’arte stammen könnten. Auch ein gewisses italienisches Flair ist wiederzuerkennen. Ziegler malt also figürlich, doch ihr Stil steigert sich sozusagen über die sogenannte Wende zu einem Hyperrealismus.

Gemälde von Menschen, die in einer Passage sitzen

Doris Ziegler schuf mehrere solcher Passagen-Bilder.

Doris Ziegler hatte ihr Atelier in dem Leipziger Stadtteil Plagwitz lange bevor das Viertel angesagt und zum Anziehungspunkt für junge Kunstschaffende wurde. So beobachtete sie die Veränderungen, die die Boomtown Leipzig nach sich zog, hautnah. Das verarbeitete sie auch in ihren Bildern: Das Grau wich pastelligen Tönen. Ins Zentrum rückte die Stadt selbst in Form urbaner Landschaftsbilder, die von geometrischen Formen bestimmt wurden. Teilweise lassen sich die Orte im Leipziger Westen wiedererkennen, doch dazwischen stehen immer wieder italienische Säulen. Es sind Kommentare auf die Gentrifizierung, die Leipzig nachhaltig geprägt hat.

Blicke in den Abgrund: Lea Grundig

Lea Grundig wurde 1906 in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Dresden geboren. Die orthodoxe Auslegung des jüdischen Glaubens lehnte sie bald ab und engagierte sich im zionistischen Verband «Blau-Weiß». Von 1922 bis 1926 studierte sie in Dresden. An der Akademie der Bildenden Künste Dresden lernte sie auch den Maler Otto Dix kennen, der nach eigenen Aussagen einen prägenden Einfluss auf die Künstlerin hatte. 1926 trat sie der Kommunistischen Partei bei. Unter den Nazis wurde sie zunächst mit einem Ausstellungsverbot belegt und später auch verhaftet. Mit Hilfe einer zionistischen Organisation konnte sie freigekauft werden und emigrierte über viele Stationen ins heutige Israel.

Schwarz-Weiß-Bild: Eine Frau steht vor einer Wand, die dicht mit Bildern verhangen ist.

Lea Grundig war Präsidentin des Künstlerverbandes der DDR.

Die Bilder von Lea Grundig sind meist farblos und von einer klaren, fast harten Linienführung geprägt. Dabei war sie stark vom Expressionismus beeinflusst – eine Kunstströmung, der Grundig hohe Wertschätzung entgegenbrachte. Viele Bilder sind düster, immerhin schuf Grundig mehrere Serien, die das Leben in Deutschland unter den Nazis zeigten. Immer wieder hat sich die Künstlerin mit Armut und Gewalt beschäftigt. Dabei versuchte sie, das Elend nicht einfach auszustellen, sondern in seinem Umfeld zu zeigen.

Eine Zeichnung in Schwarz-Weiß: Eine Frau steht vor einer Menge.

Tod und Gewalt spielten bei Grundig immer eine große Rolle – auch in der Reihe zum Bauernkrieg.

Bereits 1928 heiratete die Künstlerin ihren Kollegen Hans Grundig. Zu ihm kehrte sie 1949 zurück, nach Dresden, wo sie bald selbst an der Kunsthochschule unterrichtete. In Deutschland geriet sie immer wieder in Konflikte: Sie war überzeugte Kommunistin, aber ihre Wertschätzung für den Expressionismus und ihre düsteren Bilderwelten wurden abgelehnt – sie entsprachen nicht dem Ideal des nach einer glänzenden Zukunft strebenden, den Faschismus überwundenen Sozialismus. Grundig sagte auch gegen Bekannte aus, gleichzeitig wurde ihr zersetzendes Verhalten vorgeworfen. Nicht zuletzt wurde sie von westdeutschen Künstlerinnen abgelehnt, weil sie zu sehr auf Parteilinie war – immerhin schuf sie auch Bilder, die in der Schule zur Illustration der Vorteile der DDR dienten. Grundig wurde zur Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler der DDR ernannt und später schließlich sogar Teil des Zentralkomitees der Partei.

Maria Heiner: «Lea Grundig. Kunst für die Menschen»
Hentrich und Hentrich
128 Seiten mit 45 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-150-3

Farbenfroh und voller Humor: Sighard Gille

Sighard Gille hat sich fest ins Kulturleben und Stadtbild von Leipzig eingeprägt. Wer vor dem weltberühmten Gewandhaus steht (am besten bei Nacht), kann sein Deckengemälde durch die angeschrägte Glasfassade sehen. Beziehungsweise einen Teil davon, immerhin gilt es als eines der größten Deckengemälde in ganz Europa. Um es in ganzer Pracht betrachten zu können, müssen sich Interessierte durch das halbe Foyer bewegen und mehrere Treppen überwinden.

Blick auf das Leipziger Gewandhaus am Abend mit erleuchtetem Foyer.

Das Gewandhaus in Leipzig ist das einzige Konzertgebäude, das in der DDR gebaut wurde.

Unten wird ein Orchester mit zahlreichen Anspielungen an Bach und Masur gezeigt. Dann wird es düster mit gedeckten Farben, Motiven über Tod und Gewalt. Darüber gibt es eine Stadtansicht, ein regelrechtes Wimmelbild, in das sich das sozialistische Ideal lesen lässt, aber durchaus auch Kritik und eine Betonung des persönlichen vor dem kollektiven Glück. Und schließlich gibt es eine Szene aus Arkadien (die man auch von außen sehen kann): Antike Götter, die ganz menschlich wirken, blicken wohlwollend auf die Welt. Das alles ist der «Gesang vom Leben».

Sighard Gille wurde in Eilenburg geboren. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung als Fotograf und übernahm in dieser Tätigkeit verschiedene Auftragsarbeiten. Von 1965 bis 1970 studierte er schließlich Malerei an der Leipziger Kunsthochschule, unter anderem bei Heisig, Mattheuer und Tübke. Somit gehört Gille zur zweiten Generation der Leipziger Schule.

Der Künstler schuf lieber Kunst, als über Kunst zu reden. Zumindest ist wenig über seinen Zugang zu seinen Bildern bekannt. Vielleicht auch, weil er der Doktrin des Staates nur bedingt folgte. Er malte zwar realistisch, in späteren Jahren auch mal expressionistisch, doch seine Figuren wirkten selten heroisch, sondern vielmehr hedonistisch. Seine Bilder sprühten oft vor Farbe, die Motive hatten häufig etwas Bissiges wie das Doppelbild der ausgelassenen Brigadefeier und den gebückt arbeitenden Gerüstbauern.

Der Maler Sighard Gille: Ein Mann mit weißen Haaren und Brille steht vor großen Gemälden.

Gille spielte gerne mit Farben.

Auch eine Betonung des Privaten lässt sich immer wieder beobachten, wie bei dem Liebespaar im Gewandhaus-Deckengemälde. Im Zentrum seiner Bilder standen meistens Menschen in recht konkreten Situationen, die zum Sinnbild für die aktuelle Situation wurden. Vor wenigen Jahren erst malte Gille eine Bilderserie, in der Clowns auf der Welt herumtrampeln – die Interpretation bleibt dem Publikum überlassen.

Der Maler Sighard Gille steht im Gewandhaus in Leipzig an seinem Deckengemälde ""Gesang vom Leben", aufgenommen am 25.02.2012.

Der Eremit aus Thüringen: Gerhard Altenbourg

Aus der Provinz heraus schuf er Kunst, die in der ganzen Welt auf Interesse stieß: Gerhard Altenbourg wurde eigentlich als Gerhard Ströch in Rödichen-Schnepfenthal bei Gotha geboren. 1929 zog die Predigerfamilie nach Altenburg. Bis zum Ende seines Lebens blieb der Künstler der kleinen Stadt verbunden – wie sich nicht zuletzt an seinem Namen deutlich wird. Anfangs wollte Altenbourg Schriftsteller werden, wendete sich aber dann doch dem Malen zu. In seinem Gesamtwerk verbindet sich beides: Die Titel sind besonders wichtig für seine eher kryptischen Werke und eröffnen einen Gedankenraum. Zu einigen Werken sind auch Texte entstanden, und Altenbourg hat mehrere Künstlerbücher geschaffen.

Schwarz-Weiß-Bild: Zwei Männer stehen in einer Galerie.

Gerhard Altenbourg und der Chemnitzer Künstler Thomas Ranft waren Freunde.

1944 wurde Altenbourg eingezogen und schwer verwundet. Im Lazarett überlebte er den Zweiten Weltkrieg. Die Erfahrungen sollten sein Künstlerleben prägen. Wichtige Vorbilder waren für ihn die Kunstschaffenden der Zwischenkriegsjahre, beispielsweise Otto Dix. Nach dem Krieg begann er, an der Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar zu studieren. Er musste die Institution vorzeitig verlassen, weil er sich zu sehr um die Kunst bemühte und sich zu wenig in die Gesellschaft einbrachte.

Er zog sich in das Elternhaus zurück, wo er an seinem Werk arbeitete. Mäzene aus der BRD ermöglichten ihm sein eremitisches Künstlerleben, er wurde aber auch von Freunden vor Ort unterstützt, wie dem Chemnitzer Künstler Thomas Ranft. In der DDR selbst wurde Altenbourg lange Zeit nicht beachtet, immerhin passte sein Stil nicht in die Vorstellungen der Partei. Erst Ende der 80er-Jahre wurden seine Werke auch in der DDR gezeigt. 1989 starb der Künstler bei Meißen in Folge eines Autounfalls.

Ein Kunstwerk: Feine, grünliche Linien bilden eine Erhebung mit einem Baum davor.

Die Bilder von Gerhard Altenbourg werden von Linien bestimmt.

Zentral für das Schaffen von Gerhard Altenbourg ist die Linie. Der Künstler nutzte und kombinierte für seine Bilder verschiedene Techniken: Er arbeitete auf Papier mit Tusche, Kreide, Aquarellfarben und Bleistift, schuf Lithografien und Holzschnitte. In seinen Bildern überlagern sich Linien, aus denen konkretere Formen entstehen. Oft malte Altenbourg Landschaften, doch zahlreiche Bilder zeigen auch menschliche Gestalten, die aber immer etwas Mystisches an sich haben.

Konzeptkunst aus dem Untergrund

Kampf gegen die Enge: Cornelia Schleime

Von Anfang an fühlte Cornelia Schleime eine Enge – und eckte mit ihrer künstlerischen Antwort auf diese Enge immer wieder an: Schleime begann verschiedene Ausbildungen, bevor sie 1975 das Studium an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste aufnahm. Das damals vorherrschende Diktat der DDR-Kunstpolitik lehnte sie ab. Stattdessen malte sie Wolken und Himmel, was sie bereits verdächtig machte. Kurz vor Ende ihres Studiums Anfang der 80er-Jahre setzte sie bereits ein erstes starkes Zeichen: In einer Ausstellung baute sie mit alten Türen das Zimmer eines namenlosen Künstlers nach. Die Installation war eindeutig auch eine Anklage auf fehlende Freiheiten. Bald wurde Schleime mit einem Ausstellungsverbot belegt, und 1984 sollte sie aus der DDR ausreisen. Ihre damaligen Arbeiten ließ sie zurück.

Portrait der Künstlerin Cornelia Schleime: Eine Frau mit schulterlangen, blonden Haaren.

Von Anfang an rebellierte Cornelia Schleime gegen die Enge in der Hochschule und der ganzen DDR.

Auch formell ließ sich Schleime nicht einengen: Neben Gemälden und Installationen drehte sie Filme auf Super 8, die beispielsweise das Eingesperrtsein thematisierten. Zu Studienzeiten gründete sie die Punkband «Zwitschermaschine» mit, in der sie sang und für die sie Texte schrieb. 2008 erschien auch ihr literarisches Debüt «Weit fort» über eine Künstlerin, deren Freund sie ausspähte und an die Stasi berichtete. Das ist auch Schleime selbst widerfahren, wie sich 1990 herausstellte. Diese Entdeckung in den eigenen Stasi-Akten reflektierte Schleime bereits künstlerisch, indem sie auf kopierte Unterlagen Fotos druckte, auf denen sie sich in surrealen Situationen porträtierte.

Gemälde von Cornelia Schleime in einer Ausstellung: Ein schlafender Frauenkopf umgeben von zwei Schlangen

Oft stehen Frauen im Zentrum der Bilder von Cornelia Schleime.

Kunst und Leben waren für Schleime immer eng verbunden, wie sie selbst erklärte. Ihre künstlerischen Arbeiten können immer auch als Reaktion auf politische oder gesellschaftliche Entwicklungen gelesen werden, die die Künstlerin beschäftigten. Für ihre Bilder nutzt sie Mischtechniken, in denen sie Aquarell- und Acrylfarben mit Schellack kombiniert. So erhalten ihre Arbeiten einen besonderen Farbton. Schleime arbeitet viel mit Modellen und malte immer figurativ. Oft stehen Frauen im Zentrum ihrer Bilder, die sich mit Macht und Körperpolitik auseinandersetzen.

Cornelia Schleime: «Weit fort»
Hoffmann und Campe
126 Seiten, digital
ISBN: 978-3-455-81172-8

Spiel mit den Grenzen: Else Gabriel

Die Enge der DDR äußerte sich auch im Kunstbegriff der Staatsführung. Es gab Malerei und Skulptur – so kam es der jungen Künstlerin Else Gabriel vor. Neuere Kunstformen wie das Happening, die Installation oder die Performance hat es damals kaum gegeben. Für Gabriel und ihre Mitstudierenden war Letzteres die ideale Ausdrucksform. 1982 ist sie Mitgründerin der Gruppe Auto-Perforations-Artistik – Performance wäre verdächtig gewesen, aber sich selbst mit Kunststücken durchbohren (so könnte man den Gruppennamen ungefähr übertragen), war genau das Richtige. Die Performances drehten sich oft um Tiermotive und das Animalische sowie Sado-Maso-Ästhetik. Zum Einsatz kamen Masken, Knochen und echtes Tierblut. Um die eigene Rolle in einem Machtsystem zu hinterfragen, verletzten sich die Gruppenmitglieder oft auch selbst. Das sorgte nicht unbedingt für Skandale, aber doch für Irritationen.

Else Gabriel wurde in Halberstadt geboren. Da sie aus einer Pfarrersfamilie stammte, wurde sie zunächst zur Kantorin ausgebildet. 1982 ergreift sie die Möglichkeit, an der Dresdner Kunsthochschule zu studieren, im Fach Bühnenbild. In Dresden lernte sie schnell die beiden Seiten der DDR-Kunst kennen: die offizielle und den Untergrund. Cornelia Schleime und andere Studierende hatten gerade die legendäre Türen-Ausstellung im Leonhardi-Museum veranstaltet. Im Studium gab es die sehr strengen Professoren und die Dozenten, die mit dem Lehrauftrag eher von der Öffentlichkeit ferngehalten wurden – von beiden hat Gabriel gelernt.

Nach der Wiedervereinigung feiert die Dresdner Künstlerin gemeinsam mit ihrem Mann unter dem Namen (e.) twin gabriel internationale Erfolge. Sie unterrichtet auch selbst an unterschiedlichen Hochschulen. Unter anderem vertrat sie die berühmte Marina Abramović in der Performance-Klasse in Braunschweig.

Die Kunst von Else Gabriel wurzelt tief in ihren Erfahrungen im Dresden der 80er-Jahre: Grenzerfahrungen und -überschreitungen spielen immer wieder eine Rolle. Auch formal: Gabriel malt, fotografiert, arbeitet mit Objekten und Skulpturen, schafft Performances und Performance-Filme. Wichtig ist ihr dabei auch eine Form von Wahrhaftigkeit und Recherche: Sie geht an die Orte und spricht mit Leuten. Das verarbeitet sie, überzeichnet und verdichtet das für ihre Projekte.

Freiheit unter dem Himmel: Michael Morgner

Oft und gerne hat Michael Morgner unter freiem Himmel gearbeitet und an sogenannten Pleinairs teilgenommen. Vielleicht hat der Künstler so die Weite gesucht, an der es ihm im System der DDR-Kunst mangelte. Vielleicht hätte ihm im Atelier auch der Austausch mit der Umwelt gefehlt. Morgner lebt heute in einem Haus, umgeben von zahlreichen Bäumen, die ihn nach eigener Aussage immer wieder inspirieren. Ein bedeutender Teil seines Werks ist von der Ostsee geprägt: Morgner schuf mehrere abstrakte Bilder, indem er das Gemalte immer wieder mit Wasser und Bürsten bearbeitete. Er nennt diese Technik Lavages, also Waschungen – so wie die Wellen immer über den Strand waschen.

Der Künstler Michael Morgner steht in seinem Atelier neben einer Vorlage für die Figur «Reliquie Mensch» vor einem seiner überdimensionalen Bilder.

2023 wurde Michael Morgner für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Michael Morgner wuchs in der Nähe von Chemnitz auf, wo er auch heute noch sein Haus hat. Von 1961 bis 1966 studierte er in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Doch er störte sich bald an der Enge der Kunstdoktrin und suchte seitdem immer wieder nach Möglichkeiten, auszubrechen. 1973 war er Mitbegründer der Galerie Oben, die damals einen Freiraum darstellen sollte und immer noch ein wichtiger Teil der Chemnitzer Kunstlandschaft ist. Außerdem wendet er sich der Aktionskunst zu, in der aus einer spontanen Idee heraus satirische Fotos über Landarbeit entstehen. 1977 war Morgner Mitbegründer des Kollektivs Clara Mosch, das Performance-Kunst und eine Galerie betrieb, die zu einem wichtigen Gegengewicht zur reglementierenden Kulturpolitik der SED wurde.

Die Skulptur "Relique Mensch" von Michael Morgner steht auf einer Rasenfläche vor einem modernen Bürogebäude mit großen Fenstern. Die rostrote Figur wirkt wie ein abstrahierter, nach vorn gebeugter menschlicher Körper aus groben Metallstreifen.

Morgners «Reliquie Mensch» fordert das Publikum auf, verschiedene Perspektiven einzunehmen.

Im Zentrum des künstlerischen Werks von Michael Morgner steht immer der Mensch. Er beschäftigt sich mit Schmerz und Leid und greift dafür auch auf christliche Motive zurück, wie das Kreuz oder die Pietà. Er schuf auch verschiedene übergroße Skulpturen von gebeugten menschlichen Gestalten. Das zitiert das christliche Motiv des Ecce Homo – im Schmerz Jesu Christi am Kreuz wird deutlich, dass Gott wirklich zum Menschen geworden ist, um den Menschen näher zu sein.

So eine Figur ist nun auch Teil des Purple Path, des Skulpturenwegs rund um Chemnitz zum Kulturhauptstadtjahr 2025: Wie eine Silhouette erhebt sich die Gestalt. Die Konturen scheinen aus einer Metallplatte aus dem Boden geschnitten zu sein, die wie ein Schatten noch auf dem Boden liegt. Wer die übermenschlich große Figur genauer untersucht, findet zahlreiche weitere Figuren in ihr, die das pulsierende Leben verkörpern.

«Michael Morgner. Werkverzeichnis. Gemälde und Plastiken»
Herausgegeben von Thomas Weckerle, WRT Stiftung
Hatje Cantz
440 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-7757-4839-1

Kunstwerk von James Turrell

Fotografie

Stilprägend für Generationen: Arno Fischer

Eigentlich wollte Arno Fischer Bildhauer werden. Die Faszination für die Fotografie entdeckte er eher durch Zufall: In den 50er-Jahren streifte er mit einer Kamera durch Ost- und Westberlin und fing in Schnappschüssen den Alltag in den verschiedenen Besatzungszonen in einer Zeit des Wiederaufbaus ein. Aus den Bildern sollte das Buch «Situation Berlin» entstehen, doch dann wurde die Mauer gebaut und ein Blick in den Westteil der Stadt war nicht mehr erwünscht.

Doch dieser Art zu fotografieren blieb Fischer treu. Er wollte ehrliche Momente des Alltags einfangen. Er suchte nicht nur Motive, sondern wollte auch die Geschichten hinter den Bildern spürbar machen. Dieser Ansatz wurde stilprägend: Die Darstellung von Mode in alltäglichen Situationen machte den Kern der Zeitschrift «Sibylle» aus. Auch als Dozent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig vermittelte Fischer seinen Ansatz. Bis heute gilt der Fotograf als Vorbild. Übrigens schuf Fischer auch viele Porträtfotos, beispielsweise von der ikonischen Schauspielerin Marlene Dietrich.

Mit ungeschöntem und liebevollem Blick: Ute Mahler

Sie hatte ein besonderes Gespür für Menschen und für die leisen Töne: Ute Mahler wurde 1949 im kleinen Dorf Berka in der Nähe von Sondershausen in Thüringen geboren. Auch wenn es sie später in die großen Metropolen verschlug, blieb der kleine Ort immer ein wichtiger Anker. Nach einem Volontariat bei DEWAG in Berlin studierte Mahler Fotografie an der Leipziger Kunsthochschule. Später arbeitete sie vor allem für die Modezeitschrift «Sibylle», für Mahler ein Stück Freiheit in einem engen System. Das Magazin und Mahler zeigten die Frauen in ihrem Alltag, beispielsweise bei der Arbeit, und vermittelten so ein realistisches Bild. Mahler galt in dieser Zeit außerdem als eine wichtige Porträtistin des Ost-Rocks. Sie fotografierte unter anderem die beliebte Sängerin Tamara Danz.

Doch diese kleinen Inseln der Freiheit reichten Mahler nicht, die sich immer eingeengt fühlte in der DDR. Neben den offiziellen Aufträgen arbeitete die Fotografin immer an geheimen Projekten, an Fotoserien, die zunächst in der Schublade verschwanden. Nach 1989 veröffentlichte sie die Studie «Zusammenleben», die authentische Momente aus der DDR porträtierte. Wie viele ihrer Arbeiten zeichnete sich dieses Projekt dadurch aus, dass sich Mahler in die Situation einschmiegte, sich einfügte und auf den Auslöser drückte, als die Menschen die Kamera schon fast vergessen hatten.

Ute und Werner Mahler beugen sich über einen großen Arbeitstisch mit einigen Büchern.

Viele Projekte setzte Ute Mahler mit ihrem Mann Werner Mahler um.

Später verbrachte die Künstlerin oft mehrere Tage mit den zu Porträtierenden, bevor die Kamera endlich zum Einsatz kam. Mit ihrem Mann Werner Mahler arbeitete sie auch an einer Langzeitbegleitung ihres Geburtsortes Berka. Immer wieder kehrten sie hierhin zurück und dokumentierten so den Wandel des Ortes. Auch in anderen Arbeiten versuchte Mahler, oft gemeinsam mit ihrem Mann, das Leben jenseits der Metropolen einzufangen.

1990 gründete das Ehepaar Mahler gemeinsam mit fünf weiteren Kunstschaffenden die Agentur Ostkreuz. In diesem Umfeld entwickelte Mahler ihren Stil weiter, der geprägt war von Nähe und Zärtlichkeit für die einfachen Menschen. Die Gründung der Agentur war ein mutiger Schritt, denn was für eine solche Agentur nötig war, wusste niemand von ihnen. Außerdem lehnten sie populistische und kommerzielle Ansätze ab. Dennoch wurde die Agentur ein großer Erfolg und nimmt bis heute eine wichtige Stellung innerhalb Deutschlands ein.

Gespür für den Augenblick: Evelyn Richter

Was die Fotografin Evelyn Richter auszeichnete, war ein bemerkenswertes Gespür für den Moment und für Komposition. Wie Menschen aus ihrem Umfeld berichten, wartete die Foto-Künstlerin auf den richtigen Moment und drückte dann nur ein- oder zweimal den Auslöser. So entstanden erstaunlich tiefgründige Bilder, meist in Schwarz-Weiß. Der große Anspruch war Wahrhaftigkeit.

Evelyn Richter wuchs in Bautzen auf und ging schließlich für das Studium nach Leipzig. Das Meiste lernte sie hier jedoch nicht unbedingt im Atelier, sondern vielmehr auf der Straße. Dort fing sie immer wieder Momente ein, die ehrlich das Leben in der DDR zeigten. Dabei verfolgte sie keine Agenda, wollte keine Umstände anklagen, sondern die Wirklichkeit abbilden. Gezeigt werden konnten diese Bilder zu DDR-Zeiten jedoch nicht. Später zog sie nach Dresden.

Evelyn Richter mit grauen, zurückgebundenen Haaren hält berührt die Hände aneinander.

Der Nachlass der Fotografin Evelyn Richter ging an das Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK).

Auch wenn die grauen Fassaden der Städte oft präsent waren, standen immer Menschen im Fokus bei Evelyn Richter. Sie schuf Porträts von Menschen, die sie auf der Straße traf, Porträts von sich selbst, aber auch von anderen Kunstschaffenden wie der Künstlerin Lilja Brik, der «Muse der russischen Avantgarde», dem zeitgenössischen Komponisten Werner Henze, dem Dichter Günter Kunert, dem Komponisten Paul Dessau oder dem Maler Otto Dix. Doch sie fing auch immer wieder Momente ein: Berühmt ist etwa ihre Serie mit Menschen, die eine Ausstellung besuchen.

«Evelyn Richter»
Herausgegeben von Kunstpalast Düsseldorf und Museum der bildenden Künste Leipzig
Spector Books
212 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-959-05628-1

Quellen: MDR KULTUR, Monopol, Freie Presse, LVZ, FAZ, Die Zeit, Munzinger, wikipedia, Bundeszentrale für politische Bildung // Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer

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