E-Autos setzen sich in vielen Ländern schneller durch als bei uns.

E-Autos setzen sich in vielen Ländern schneller durch als bei uns.Bild: Shutterstock

Was muss passieren, um bei den Neuwagenverkäufen einen Elektroauto-Anteil von 80 Prozent und mehr wie in Norwegen und Dänemark zu erreichen? Verbände, Verwaltung und Forschung nehmen Stellung.

24.08.2026, 04:5524.08.2026, 10:15

Oliver Wietlisbach

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Jeder vierte Personenwagen in der Schweiz, der neu auf die Strassen kommt, fährt zu 100 Prozent elektrisch. Der Stromer-Anteil steigt, aber so richtig freuen mag sich niemand. Denn im internationalen Vergleich werden wir bei der Antriebswende weg von fossilen Fahrzeugen von immer mehr Ländern stehen gelassen.

Zur Verdeutlichung: In Uruguay waren im Juli fast 53 Prozent der Neuzulassungen vollelektrische Autos, in Singapur 64,6 Prozent und in Hongkong 77,4 Prozent. In China kamen allein im Juli 647’000 neue vollelektrische E-Autos (BEV) auf die Strassen. Das waren 44,3 Prozent der Neuzulassungen – ein neuer Rekord. Weitere 20,8 Prozent waren teilelektrische Plug-in-Hybride. Elektrifizierte Autos machen somit im weltweit grössten Automarkt zwei von drei Neuzulassungen aus.

E-Autos werden in vielen Ländern beliebter. Die Schweiz fällt beim Wandel zur Elektromobilität zurück.

Einst zählten wir zu den Top 5 E-Auto-Ländern in Europa. Tempi passati! Inzwischen elektrifizieren die Skandinavier und die Benelux-Staaten ihren Verkehr weit schneller. Aber auch die Deutschen, Franzosen und Briten ziehen links und rechts an uns vorbei.

Bemerkenswert: In Dänemark ist der E-Auto-Anteil von 2022 bis 2026 von unter 20 auf 80 Prozent hochgeschnellt, bei uns von knapp 20 auf lediglich 25 Prozent. Woran liegt’s?

Eine Frage, vier Antworten

Was müsste in der Schweiz passieren, um einen E-Auto-Anteil wie in Dänemark zu erreichen? Dort entschieden sich im Juli 97 Prozent der Privatkunden sowie 80 Prozent aller Kunden für ein E-Auto.

Das sagt der Elektromobilitätsverband Swiss eMobility

«Von 80 Prozent E-Autos (BEV) bei den Neuverkäufen sind wir noch wahnsinnig weit weg. Damit wir schon nur zurück in die Top 10 kommen, braucht es folgende Punkte:

Klares Bekenntnis zur Elektromobilität: Der Bund muss sich eindeutig zur Elektrifizierung des Strassenverkehrs bekennen. Dazu gehören verbindliche BEV-Ziele, ein klares Ausstiegsziel für fossile Antriebe und die Bereitschaft, bei Zielverfehlung nachzuschärfen. Technologieneutralität darf nicht zum Vorwand für politische Untätigkeit werden.Ein Beschleunigungspaket: Freiwillige Massnahmen reichen nicht. Es braucht einen verbindlichen regulatorischen und fiskalischen Rahmen: ein rasches Recht auf Laden, die Sistierung der Automobilsteuer für Elektrofahrzeuge und die Einführung einer Ersatzabgabe für die Mineralölsteuer erst ab einem BEV-Anteil von mindestens 30 Prozent.Ausbauprogramm für die Ladeinfrastrukturen: Finanzielle Unterstützung für Grundinstallationen intelligenter Ladesysteme dort, wo Fahrzeuge lange stehen: zuhause, am Arbeitsplatz und an weiteren Langzeitparkplätzen. Beim Schnellladen braucht es einfachere Bewilligungen, klare und einheitliche Netzanschlusskosten sowie geeignete Standorte.Integration der Elektromobilität ins Energiesystem: Elektromobilität ist verbindlich als integraler Bestandteil des Schweizer Energiesystems zu betrachten. Elektroautos sind künftig nicht nur Verbraucher, sondern auch flexible Stromspeicher. Die regulatorischen Voraussetzungen für intelligentes und bidirektionales Laden müssen jetzt geschaffen werden, damit dieses enorme Potenzial für Netzstabilität und Versorgungssicherheit genutzt werden kann.»Das sagt der Verband der Automobilimporteure Auto-Schweiz

«Ein schneller Anstieg auf ein Niveau wie in Dänemark ist bei den bestehenden Schweizer Rahmenbedingungen illusorisch, weil die natürliche Nachfrage zu gering ist und ein stimulierendes Umfeld in der Schweiz fehlt», sagt Thomas Rücker, Direktor Auto-Schweiz.

Der Verband der Schweizer Automobilimporteure gegenüber watson: «Es gibt mittlerweile ein riesiges Angebot an E-Autos in allen Preisklassen und es sind genau die gleichen Modelle wie im Rest Europas im Angebot, trotzdem wächst der BEV-Anteil in der Schweiz, anders als in vielen europäischen Ländern, nur langsam.

Die Spitzenreiter in der Tabelle haben dies nur durch massive Subventionen und Zwangsmassnahmen erreicht. Beides lehnen wir ab. Die Käufer investieren in ein E-Auto, wenn der Nutzen grösser ist als die Kosten. Dafür braucht es ein funktionierendes Ökosystem. Während die EU Gas gibt, passiert in der Schweiz das Gegenteil:

Hohe und wenig transparente Energiepreise, ungenügende Ladeinfrastruktur, regulatorische Unsicherheit sowie neue Steuer- und Abgabepläne verunsichern Private und Firmenkunden. Wir fordern den Verzicht auf neue Steuern wie der Ersatzabgabe auf E-Autos. Zudem soll die Autosteuer von 4 Prozent, der letzte verbliebene Industriezoll, abgeschafft werden.

Thomas Rücker, Direktor Auto-Schweiz

Um den Verkauf von E-Autos anzukurbeln, braucht es auch günstigen Strom. Auto-Schweiz verlangt deshalb Preiswettbewerb am Strommarkt.

Die Automobilbranche kann die E-Mobilität nicht im Alleingang voranbringen. Auch andere Akteure sind gefordert: Die Finanzpolitik mit steuerlichen Anreizen, die Energieunternehmen mit kostengünstigem Strom sowie die Hauseigentümer und Arbeitgeber, indem sie Mietern bzw. Mitarbeitenden Zugang zu Ladestationen ermöglichen.»

Das sagt das Bundesamt für EnergieZu Anreizen in Europa

«In Europa haben Norwegen und Dänemark die mit Abstand höchsten Anteile an batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) bei den Neuzulassungen von Personenwagen. Zentrales Element in diesen Ländern: Verbrenner sind in der Anschaffung deutlich teurer als vergleichbare elektrische Modelle. Dies bedingt in Norwegen durch einen Teilerlass der hohen Mehrwertsteuer (25 %) sowie einer Registrierungssteuer, die für BEV ebenfalls deutlich tiefer ist. Die hohe Registrierungssteuer macht auch in Dänemark Verbrenner fast doppelt so teuer als vergleichbare elektrische Modelle. Dieser BEV-Rabatt wird jedoch von Jahr zu Jahr zurückgefahren.

In Finnland, Schweden und den Niederlanden mit ebenfalls hohen Anteilen an BEV-Neuzulassungen bestehen Anreize bei der Anschaffung durch reduzierte Registrierungssteuern (soweit vorhanden) sowie Rabatten bei jährlichen Verkehrssteuern. Ebenfalls sind in diesen Ländern steuerliche Vorteile für die Privatnutzung von Firmenwagen verbreitet, Kaufprämien werden hingegen in diesen Ländern nicht (mehr) gewährt. Generell werden in den meisten Ländern aktuell Rabatte und Befreiungen für BEV zurückgefahren, insbesondere auch in Norwegen, die Neuzulassungen von BEV bleiben gleichwohl unverändert hoch.»

Zu Anreizen in der Schweiz

«Für vergleichbare, starke Anreize bräuchte es in der Schweiz primär entsprechende politische Mehrheiten, insbesondere für Massnahmen, die Verbrennermodelle in der Anschaffung entsprechend verteuern. Denkbar wäre beispielsweise ein Bonus-Malus-System ähnlich jenem in Frankreich. Dabei würde der Kauf von Elektroautos finanziell stark begünstigt und Verbrenner entsprechend verteuert.»

Bundesamt für Energie

Zum Ausbau der Ladeinfrastruktur

«Der Bundesrat hat am 19. Juni 2026 einen Gesetzesvorschlag in die Vernehmlassung geschickt, um die vom Parlament überwiesene Motion 23.3936 Laden von Elektroautos im Mietverhältnis und Stockwerkeigentum von Nationalrat Jürg Grossen umzusetzen. Damit soll der Zugang zu einer Ladestation zuhause für Mieter und Stockwerkeigentümerinnen erleichtert werden. Viele geben fehlende Lademöglichkeiten zuhause als Hauptgrund an, sich kein Elektrofahrzeug zuzulegen.»

Zur Vorreiterrolle beim Schwerverkehr

«Im Bereich des Schwerverkehrs hat die Schweiz in Europa den höchsten Anteil an schweren E-LKW. Der Haupttreiber hierfür ist die aktuelle Befreiung von der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA). Diese Massnahme trägt dazu bei, dass Elektrolastwagen dank tieferen Betriebskosten den aktuell noch höheren Anschaffungspreis kompensieren können und im Vergleich zu Dieselmodellen tiefere Gesamtbetriebskosten aufweisen.»

Das sagt die Wissenschaft

Die ETH-Forschenden Inga Nienkerke und Tim Tröndle erklären gegenüber watson:

«Der Erfolg von Ländern wie Norwegen und Dänemark lässt sich nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragen. Trotzdem zeigt er, wie die Schweiz zu einem höheren Anteil an E-Autos kommen könnte.»

Tim Tröndle, Inga Nienkerke, Climate Policy Lab, ETH Zürich

«Insbesondere drei Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle.

Der Anschaffungspreis: In der Schweiz ist Strom im Vergleich zu Treibstoff günstig, wodurch E-Autos über ihre gesamte Lebenszeit gerechnet heute schon gleich teuer oder sogar günstiger als Verbrenner sind. Allerdings muss man beim Kauf eben doch oft noch mehr zahlen und die Ersparnis stellt sich erst über die Jahre ein. Das hält viele Menschen ab, auf ein E-Auto umzusteigen. Der Erfolg von Norwegen und Dänemark basiert auch darauf, dass Steuervergünstigungen den Anschaffungspreis von E-Autos unter den von Verbrennern gedrückt haben.Die Ladeinfrastruktur: In der Schweiz kann man heute schon unterwegs sehr gut laden: Entlang der Autobahnen gibt es zahlreiche Ladesäulen von denen viele Autos in weniger als einer halben Stunde auf 80 Prozent laden. Zuhause sieht die Situation allerdings oft anders aus: Hier fehlen Ladestellen oft, und ihre Installation ist insbesondere für Mietende regulatorisch und finanziell schwierig. Unsere Forschung zeigt: Das hält viele Menschen von einem E-Auto-Kauf ab. Eine 2025 vom Parlament angenommene Motion soll hier nachbessern und Mietenden künftig einen Anspruch auf eine Ladestation geben. Für Norwegen und Dänemark ist das Laden zuhause ein kleineres Problem, da beide Länder einen höheren Anteil an Einfamilienhäusern und Wohneigentum aufweisen.Eine verbindliche Zielvorgabe: Norwegen hat ein klares Ziel für die Einführung von E-Autos und dieses auch erfüllt; Dänemark hat ein klares Ziel für die Abschaffung von Verbrennern und ist auf gutem Weg, dieses Ziel zu erreichen. Die Schweiz hat ihr selbstgestecktes Ziel letztes Jahr verpasst, auch weil es unverbindlich blieb: Die Roadmap Elektromobilität ist eine freiwillige Branchenvereinbarung ohne rechtliche Verbindlichkeit. Eine verbindlichere Zielvorgabe, kombiniert mit wirkungsvollen finanziellen Anreizen und besserer Ladeinfrastruktur, könnte zu deutlich höheren Neuzulassungen von E-Autos in der Schweiz führen.»Das Fazit

Neue Benzinautos werden in Norwegen und Dänemark kaum noch gekauft, weil es sich finanziell schlicht nicht lohnt. Hierzulande dürften Massnahmen, welche den Kauf von E-Autos finanziell stark begünstigen und Verbrenner verteuern, politisch chancenlos sein.

Die Schweiz verzichtet auf verbindliche Zielvorgaben für E-Autos und nimmt eine langsame Transformation in Kauf. In seiner langfristigen Klimastrategie legte der Bundesrat für den Teilbereich Verkehr fest, dass 90 Prozent der Neuwagen bei Personenwagen und leichten Nutzfahrzeugen bis 2050 vollelektrisch fahren sollen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Schweiz für eine schnelle Antriebswende teils schwierigere Voraussetzungen mit sich bringt (europaweit eine der höchsten Mieterquoten). Zudem wird das Recht auf Laden für Mieter und Stockwerkeigentümer weiterhin politisch bekämpft.

Auch der Ausbau öffentlicher Ladeplätze hinkt anderen Ländern hinterher: «Jeder Parkplatz, der zu einem Ladeplatz umfunktioniert werden soll, ist ein Politikum», beklagt der Verband Swiss eMobility. «Die Schweiz ist bei marktfreundlichen Rahmenbedingungen für die Elektromobilität europäisches Schlusslicht, bei neuen Steuern und Abgaben hingegen schnell zur Stelle. Dieses Verhältnis müssen wir umkehren», sagt Krispin Romang, Direktor Swiss eMobility.

«Der politische Wille fehlt», bilanziert Auto-Schweiz und verweist darauf, dass Städte wie Oslo und London pro Einwohner eine weit höhere Dichte an öffentlichen Ladestationen als Zürich hätten.