Chantal Perriard zum «Paradiesli»-Eklat | 24. August 2026
Sie ist die Berner Politikerin, die nach dem Vorfall im «Paradiesli» einen politischen Vorstoss einreichte, der eine Überprüfung der Zutrittsregeln verlangt. Im Interview erklärt Chantal Perriard, warum sie die Intimsphäre der Nutzerinnen stärker berücksichtigt sehen will, warum die Schutzbedürfnisse von Transfrauen ernst genommen werden müssen und welche Lösungen sie sich vorstellen könnte. Des Weiteren spricht die 59-Jährige über ihren Ausschluss aus der FDP-Fraktion.

Chantal Perriard vor dem Zähringerbrunnen in der Berner Kramgasse: «Mir geht es nicht um Ausgrenzung – das würde mir überhaupt nicht entsprechen».Foto: Peter Wäch
Eigentlich hätte der Talk eine Debatte zwischen zwei Interessenvertretern werden sollen. Der Vorfall im FKK-Frauenbereich «Paradiesli» im Berner Marzili – eine Transfrau wurde dort abgewiesen und später von der Polizei abgeführt (die Stadt entschuldigte sich später dafür) – hatte längst die Landesgrenzen gesprengt. Ein Dialog zwischen zwei Positionen wäre höchst spannend gewesen, doch die eingeladenen Vertreterinnen und Vertreter von Transrechten und Gleichstellung sagten ab oder stellten Bedingungen wie zum Beispiel den Abbruch der Sendung bei Unwohlsein.
Einsatz zum Schutz der Intimsphäre
So sitzt am Ende nur eine Politikerin im Studio an der Marktgasse in Bern. Chantal Perriard, Berner Stadträtin (FDP) und Urheberin des Postulats «Schutz der Intimsphäre und klare Zutrittsregeln im freiwilligen Frauen-FKK-Bereich Paradiesli». Die Juristin ist auch Präsidentin der FDP-Sektion Obstberg und Untere Altstadt sowie Vorstandsmitglied der Quartierkommission Bern Stadtteil 4 (QUAV4) und des Leists der Untern Stadt Bern.
Die zweifache Mutter wirkt aufgeräumt und gelassen – auch wenn es längst nicht nur ums Marzili geht, sondern um ihren Ausschluss aus der eigenen Fraktion wenige Wochen zuvor. Dass Perriard im nächsten Jahr 60 wird, sieht man ihr nicht an, die Bernerin wirkt voller Elan.
Du hast den Vorstoss zum «Paradiesli» am 2. Juli, kurz nach den Geschehnissen im «Paradiesli», eingereicht. Was ist genau dein Anliegen?
Chantal Perriard: Ich habe Ende Juni, wie wohl die meisten von uns, aus den Medien vom Zwischenfall im «Paradiesli» erfahren. Das hat mich erschüttert. Ich kenne das «Paradiesli» seit Jahrzehnten – einen solchen Vorfall gab es dort noch nie. Mir ist aufgefallen, dass die Nutzerinnen selbst kaum zu Wort kamen. Also habe ich eine Befragung durchgeführt. Sie ist mit 50 Personen nicht repräsentativ, aber die Rückmeldung war klar. 82 Prozent gaben an, sich in ihrer Intimsphäre und Sicherheit stark oder teilweise eingeschränkt zu fühlen, wenn sich eine Person mit männlichen Geschlechtsmerkmalen dort aufhält. Das «Paradiesli» ist ein Schutzraum. Diese Funktion erfüllt es im Moment nicht.
Heute gilt die Selbstidentifikation als Kriterium für den Zutritt. Ist diese Regelung aus deiner Sicht für einen Schutzraum wie das «Paradiesli» ausreichend?
Man muss sich überlegen, ob das für einen Schutzraum die richtige Zutrittsregelung ist. Wir Menschen können nicht in eine andere Person hineinschauen, wir stützen uns auf das, was wir wahrnehmen. Wenn Frauen sagen, sie fühlten sich nicht mehr sicher, ist das ein Signal, das man ernst nehmen muss. Ich habe mit Betroffenen gesprochen, die seit dem Vorfall den Mut nicht mehr aufbringen, das «Paradiesli» zu besuchen – darunter Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellen Übergriffen durch Männer.

Das Berner Marzili im Sommer, wozu auch der Schutzraum für Frauen, das «Paradiesli», gehört.Foto: Keystone
Umso schlimmer, wenn eine Person mit männlichen Merkmalen in einem Schutzraum für Frauen auftritt. Wie könnte eine Lösung aussehen?
Das ist der Auftrag an den Gemeinderat, das will ich nicht vorwegnehmen. Denkbar wäre kurzfristig ein klar kommuniziertes Zeitfenster, mittelfristig braucht es etwas Besseres – ich denke an einen eigenen FINTA-Bereich (Frauen, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen – Anm. der Red.). Auch Transfrauen haben ein Recht auf Schutz. Ihre Ängste darf man nicht wegdefinieren.
Mir geht es ja nicht um Ausgrenzung – das würde mir überhaupt nicht entsprechen. Mir geht es darum, Lösungen zu finden, damit der Schutzraum seine Funktion wieder erfüllen kann
Chantal Perriard Stadträtin
Wer Kritik äussert, wie Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling, wird schnell als TERF bezeichnet – das Akronym steht für «Trans-Exclusionary Radical Feminist», zu Deutsch: Trans-exkludierende radikale Feministin. Wurdest du schon so angegangen?
Mir geht es ja nicht um Ausgrenzung – das würde mir überhaupt nicht entsprechen. Mir geht es darum, Lösungen zu finden, damit der Schutzraum seine Funktion wieder erfüllen kann. Und zwar für alle betroffenen Personen.
Ähnlich wie bei deiner Umfrage sind es weit über 70 Prozent der Bevölkerung, die das Thema rund um trans und Geschlechtervielfalt ablehnen. Wie nimmst du diese Debatte wahr?
Wir haben unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Bedürfnisse. Wir müssen das einfach sachlich angehen. Das fehlt, glaube ich, in dieser Debatte. Man darf sich nicht von Emotionen leiten lassen. Das hilft einer nüchternen Diskussion nicht.

Chantal Perriard mit ihrer Mutter Ruth (rechts), die an der Gerechtigkeitsgasse eine kleine Boutique führt.Foto: Peter Wäch
Ist eine Transfrau für dich eine Frau?
Für mich ganz klar. Ich bin überzeugt, dass man Transfrauen mit Respekt begegnen und ihre Bedürfnisse ernst nehmen muss.
Ich bin überzeugt, dass man Transfrauen mit Respekt begegnen und ihre Bedürfnisse ernst nehmen muss
Chantal Perriard Stadträtin
Sabine Meier zum Beispiel, sie war Direktor im Hotel Schwefelberg, sagte nach der Transition von sich, sie sei eine Transfrau.
Ich respektiere das natürlich. Genauso respektiere ich, wenn jemand sagt, sie sei als Transfrau eine ganz normale Frau.
Kommen wir zu einer Art Ausgrenzung, die dich persönlich betrifft: dein Fraktionsausschluss vom 5. August der «FDP.Die Liberalen Stadt Bern». Der ist noch nicht definitiv, oder?
Richtig, die Parteileitung entscheidet Anfang September über die Genehmigung des Ausschlusses.
Du sagtest, der Ausschluss habe dich überrascht.
Im Vorfeld hatte niemand aus der Fraktion das Gespräch mit mir gesucht. Das hätte ich geschätzt.

Politikerin Chantal Perriard zu ihrem Ausschluss aus der FDP-Fraktion: «Jetzt weiss ich, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden».Foto: Jan Christen
Fraktionspräsident Nik Eugster meinte gegenüber den Medien, er habe mit dir fast zwei Stunden gesprochen.
Ja, ich wurde am Tag selbst zu einem Gespräch mit dem Fraktions- und dem Parteipräsidenten eingeladen. Dort wurde mir eröffnet, dass ein Ausschlussantrag vorliegt. Genannt wurden drei konkrete Gründe: mein Vorstoss zur Kornhausbrücke vom Februar 2025, meine Unterschrift unter den Böllerverbot-Vorstoss von «Tier im Fokus» – ebenfalls Februar 2025 – und der Umgang mit den Medien rund ums «Paradiesli». Am Tag danach fand das Gespräch mit der Fraktion statt. Als ich dort nach konkreten Gründen fragte, wurde mir gesagt, ich hätte Journalistenanfragen zum «Paradiesli» an eine Fraktionskollegin weiterleiten sollen.
Wir sind drei Stadträtinnen und fünf Stadträte, alle unterschiedlich – das macht die Fraktion spannend. Genau deshalb bin ich 2020 in die FDP eingetreten
Chantal Perriard Stadträtin
Gab es innerhalb der Partei unterschiedliche Auffassungen zum Thema «Transfrauen»?
Nein, das kann ich nicht sagen. Es ging um den Umgang mit Journalisten. Wir sind drei Stadträtinnen und fünf Stadträte, alle unterschiedlich – das macht die Fraktion spannend. Genau deshalb bin ich 2020 in die FDP eingetreten. Es ging danach schnell: Präsidentin der FDP-Sektion Altstadt, Co-Präsidentin der FDP Stadt Bern, 2024 Wahl in den Stadtrat, und Anfang 2024 wurde ich sogar neben Florence Pärli als Gemeinderatskandidatin gehandelt – und jetzt der Ausschluss, formal muss ihn die Parteileitung noch bestätigen.
Beim Thema Paradiesli ist Ausgrenzung ein Stichwort. Hast du schon einmal eine Ausgrenzung erlebt?
An der vergangenen Mitgliederversammlung sagte ein kürzlich nachgerutschter Fraktionskollege sinngemäss, wer heute von der Fraktion anwesend sei, und nannte dabei sich und zwei weitere. Ich hatte in diesem Moment das Gefühl, dass er den von der Fraktion beschlossenen Ausschluss bereits zelebrierte, obwohl die Genehmigung durch die Parteileitung bis heute aussteht. Das sollte es in unserer Gesellschaft nicht geben. Jetzt weiss ich, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden. Gleichzeitig war für mich klar: Ich werde an meinen politischen Zielen festhalten und nach vorne schauen. Ich bin sehr gerne Stadträtin. Die politische Arbeit macht mir nach wie vor Freude.
Machst du nun einen Rekurs?
Formal ist das kein Rekurs. Der von der Fraktion beschlossene Ausschluss muss von der Parteileitung noch genehmigt werden. Da sich bisher niemand vermittelnd eingeschaltet hat, habe ich wenig Hoffnung, dass sich daran noch etwas ändert.

Stadträtin Chantal Perriard mit Redaktor Peter Wäch im Talk «Zäme im Zäntrum» der Plattform J.Foto: Jan Christen
Bleibst du Mitglied der FDP Stadt Bern?
Im Moment ja. Ich halte meine Wahlversprechen ein und weiss, wofür ich mich im zweiten Teil der Legislatur einsetzen will.
Es gab ja noch den Vorfall bei «TeleBärn» mit René Lenzin, deinem damaligen Co-Präsidenten und heutigen Präsidenten der FDP Stadt Bern. Brütet da etwas nach, und hat diese Auseinandersetzung auch mit dem Fraktionsausschluss zu tun?
Nein, ich glaube nicht. Wir lassen das jetzt ruhen. Ich will es nicht mehr aufgreifen.
Ein Fraktionswechsel wäre für mich im Moment verfrüht. Jetzt steht zunächst die erste Stadtratssitzung nach der Sommerpause an
Chantal Perriard Stadträtin
Kommt für dich ein Fraktionswechsel infrage?
Ein Fraktionswechsel wäre für mich im Moment verfrüht. Jetzt steht zunächst die erste Stadtratssitzung nach der Sommerpause an. Alles Weitere wird sich zeigen.
Wie ist der Umgang mit jenen, die dich aus der Fraktion haben wollten?
Ich werde ihnen mit Respekt begegnen. Respekt ist für mich nicht verhandelbar und keine Einbahnstrasse, sondern beruht im besten Fall auf Gegenseitigkeit.