Das Schweizer Start-up Aegis Rider baut den ersten Töffhelm mit Augmented Reality. Im Test offenbarte der Aegis Rider AR-Helm Stärken, aber auch Verbesserungspotenzial.

Die Idee hinter dem Augmented-Reality-Helm von Aegis Rider haben wir im Vorstellungsartikel bereits ausführlich betrachtet. Vereinfacht gesagt, platziert der Helm verschiedene Informationen wie Navigation, Geschwindigkeit oder eingehende Anrufe über eine Optik virtuell in der Umgebung. Ziel ist es dabei, dass der Fahrer seinen Blick auf der Strasse belassen kann, auch wenn er gerade wissen muss, welche Spur bei der nächsten Verzweigung zu wählen ist, oder wie schnell er fährt.

 

Mittlerweile konnten wir das System ausgiebig testen, und können bestätigen, dass es seine Versprechen hält. Ist das System einmal aufs Motorrad konfiguriert, platziert es das HUD (Head-up-Display) konstant in Relation zum Töff in der Umgebung. Ich habe es für mich gerne rund 20 Meter vor dem Motorrad über der Strasse platziert, damit ich sowohl die Informationen als auch den Verkehr stets im Blick hatte. Der grosse Vorteil dieses Systems im Vergleich mit anderen HUD-Systemen lag in der Praxis dabei darin, dass meine Augen nicht ständig den Fokus zwischen HUD und Strasse wechseln mussten, sondern diesen dank der Verankerung in der Umgebung konstant halten konnten.

 

Aegis Rider AR-Helm TestAegis Rider AR-Helm Test

Ich habe den AR-Helm unter anderem auf einer dreitägigen Tour durch die Alpen getestet.

 

Auch die Abbiegehinweise in der Umgebung – dabei taucht ein Pfeil über der Fahrbahn auf, wenn etwa eine Abzweigung näher kommt, oder der Kreisverkehr verlassen werden sollte – haben in den allermeisten Fällen perfekt funktioniert und tauchten an den richtigen Stellen auf. Nur selten lag der Pfeil am Rande des Blickfelds und war drum schwierig auszumachen.

Frage des Einsatzgebiets

In städtischem Gebiet oder auf Autobahnetappen sehe ich im System nach diesem Test über etwas mehr als 1000 Kilometer einen klaren Sicherheits­gewinn. Schon nur, dass zur Kontrolle der Geschwindigkeit der Blick nicht mehr von der Strasse genommen werden muss, kann in gewissen Situationen ein klares Sicherheitsplus bedeuten.

 

Auf kurvigen Strassen und Pässen ist die Sache für mein Empfinden aber nicht mehr so eindeutig. Da das HUD in Relation zur Lenkerbewegung vor dem ­Motorrad platziert wird, verschwindet es in Kurven aus dem Sichtfeld. Das ist im Grunde nicht negativ, da ­dadurch der Blick auf die Strasse komplett frei bleibt. Bei Wechselkurven, bei denen schnell von einer in die andere Schräglage gewechselt wird, führt dies aber dazu, dass das HUD beim Umlegen kurz durchs Sichtfeld huscht, was mich abgelenkt hat. Ich persönlich würde das System also für die sportliche Pässefahrt ausschalten und erst wieder aktivieren, wenn’s zurück in die Zivilisation geht.

Optik entnehmbar

Praktischerweise kann die magnetisch befestigte Optik in wenigen Sekunden entfernt und wieder eingesetzt werden. Denn auch sie verlangt neben ihren Vorteilen natürlich auch einige Kompromisse: Damit das HUD eingeblendet werden kann, verlaufen durch sie durchsichtige, aber sichtbare Projektionslinien. Gerade bei Situationen mit hohem Kontrast, also bei starker Sonneneinstrahlung auf hellem Asphalt, sind diese Linien sichtbar und können – je nach Sensibilität des Piloten – darum stören. Ähnlich sieht’s mit den Rändern der Optik aus: Brillenträgern werden diese kaum auffallen, während sie Menschen ohne Brillenerfahrung klar wahrnehmen.

 

Aegis Rider AR-Helm TestAegis Rider AR-Helm Test

Die Projektionslinien sind vor allem bei hohem Kontrast gut sichtbar.

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Die Optik kann dank Magnethalterung in wenigen Sekunden entfernt und eingesetzt werden.

 

Den Entwicklern sind diese Limitierungen der Optik durchaus bekannt. Man gewöhne sich aber mit der Zeit gut daran, wobei auch nicht alle gleich «heikel» auf diese Themen reagieren würden. Ein Punkt, der bei mir sicher problematisch ist, da ich sowieso sehr empfindliche Augen habe. Es gibt aber auch Möglichkeiten für Optiken, die weniger Einfluss auf die Durchsicht haben. Für die Anwendung im Automobilbereich gibt es heute schon Optiken, bei denen die Projektionslinien faktisch unsichtbar sind und die auch komplett ohne Ränder auskommen. Aktuell kosten die aber noch mehrere Tausend Franken pro Stück und sind darum für diesen Einsatzzweck noch ungeeignet. Doch die Entwicklung geht schnell vorwärts.

Konstante Updates

Gleiches gilt für die Entwicklung bei Aegis Rider. Während ich für meinen Test noch mein Handy am Töff befestigen musste, werden nun die ersten Sensorboxen an die Kunden ausgeliefert, die eine Befestigung des Handys überflüssig machen, und durch ihre genaueren Daten auch die Darstellung des HUDs nochmal stabilisieren. Und auch die Software wird ständig weiterentwickelt. So wurde während des Testzeitraums das Routing verbessert und in naher Zukunft soll auch das Einblenden einer Minikarte im HUD möglich sein. Auch meine Inputs zur Positionierung des HUDs beim Kurvenfahren wurden aufgenommen und werden möglicherweise in die Weiterentwicklung einbezogen, so dass in Zukunft auch gewählt werden kann, wo das HUD in Kurven positioniert wird.

 

Aegis Rider AR-Helm TestAegis Rider AR-Helm Test

Wer die neue Sensorbox hat, muss das Handy nicht mehr am Motorrad befestigen.

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In Regensdorf entwickelt das Team den Helm konstant weiter.

 

Preislich liegt der AR-Helm aktuell bei 1499 Franken. Das ist nicht billig, aber angesichts der verbauten Technologie auch nicht besonders teuer. Würde man die Kameras und das Intercom einzeln zu einem vergleichbaren Helm dazukaufen, käme man auf einen ähnlichen Preis, ohne das AR-System zu haben. Bestellen kann man den AR-Helm unter aegisrider.com.

 

Im Video sieht man, wie die Abbiegehinweise über der Strasse eingeblendet werden. Zudem ist das in Relation zum Motorrad verankerte HUD sichtbar, das beim Drehen des Kopfes verschwindet.