Älterer Mann Hörgeräte

Hörgeräte zeigen möglichen Nutzen bei Epilepsie und Hörverlust

Hörverlust gilt als der wichtigste modifizierbare Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz. Ob Hörgeräte dieses Risiko tatsächlich senken können, wird jedoch weiterhin kontrovers diskutiert. Neue Daten, die auf dem EAN Kongress 2026 vorgestellt wurden, deuten darauf hin, dass bestimmte Patientengruppen besonders profitieren könnten.

Ein Forschungsteam des Universitätsspitals Zürich und der University of Liverpool untersuchte den Zusammenhang zwischen Hörgerätenutzung und Demenzrisiko bei Patienten mit Hörverlust und verschiedenen Begleiterkrankungen. Im Fokus standen neurologische, metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen, die selbst mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden sind.

Analyse von Gesundheitsdaten aus mehr als 250 Millionen Patientenakten

Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler elektronische Gesundheitsdaten aus dem TriNetX-Netzwerk mit Informationen von mehr als 250 Millionen Patienten aus. Verglichen wurden Erwachsene mit Hörverlust, die Hörgeräte nutzten, mit sorgfältig gematchten Patienten ohne Hörgeräteversorgung.
Neben der Gesamtpopulation mit Hörverlust analysierten die Forscher mehrere Hochrisikogruppen, darunter Patienten mit Epilepsie, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, chronischer Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz, Migräne oder Arthrose.

Signifikante Assoziation ausschließlich bei Epilepsie

In der Gesamtgruppe der Patienten mit Hörverlust zeigte sich keine signifikante Assoziation zwischen der Nutzung von Hörgeräten und dem Auftreten einer Demenz. Auch in den Subgruppen mit Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, chronischer Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz, Migräne oder Arthrose fanden die Forscher keinen statistisch signifikanten Zusammenhang.

Anders bei Epilepsie: Patienten mit Epilepsie und Hörverlust, die Hörgeräte verwendeten, wiesen ein um 23 % geringeres Demenzrisiko auf als vergleichbare Patienten ohne Hörgeräte.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren entsprach dies einer absoluten Risikoreduktion von 2,7 Prozentpunkten. Rechnerisch trat ein Demenzfall weniger pro 37 Patienten auf, die Hörgeräte nutzten. Die Richtung des Effekts blieb in sämtlichen durchgeführten Analysen konsistent.

Studienleiterin Dr. Carolina Ferreira-Atuesta bezeichnete insbesondere die Spezifität des Ergebnisses als überraschend. Während die Forscher einen moderaten Nutzen in mehreren Hochrisikogruppen erwartet hatten, zeigte sich die Assoziation ausschließlich bei Epilepsiepatienten.

Kognitive Reserve als mögliche Erklärung

Als mögliche Ursache diskutieren die Autoren Unterschiede in der sogenannten kognitiven Reserve. Sie beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, altersbedingte Veränderungen oder krankheitsbedingte Schädigungen funktionell auszugleichen.

Bei vielen Menschen mit Hörverlust könnte die kognitive Reserve ausreichend sein, um die zusätzliche kognitive Belastung durch die eingeschränkte Hörleistung zu kompensieren. Eine Hörgeräteversorgung würde dann nur einen begrenzten Einfluss auf das Demenzrisiko haben.

Bei Epilepsiepatienten könnte die Situation anders sein. Da die kognitive Reserve durch die Grunderkrankung häufig bereits reduziert ist, könnte die Beseitigung einer zusätzlichen Belastung durch unbehandelten Hörverlust einen größeren Effekt auf die langfristige kognitive Gesundheit entfalten.

Darüber hinaus verweisen die Autoren auf weitere biologisch plausible Mechanismen. Epilepsie ist mit einem beschleunigten kognitiven Abbau assoziiert. Insbesondere die Temporallappenepilepsie betrifft Hirnregionen, die auch an der auditorischen Verarbeitung beteiligt sind. Zusätzlich können bestimmte Antiepileptika das Hörvermögen beeinträchtigen.

Konsequenzen für die klinische Versorgung

Nach Ansicht der Forscher könnten die Ergebnisse praktische Auswirkungen für die Versorgung von Menschen mit Epilepsie haben. Da diese Patienten regelmäßig neurologisch betreut werden, ließen sich Hörscreenings vergleichsweise unkompliziert in die Routineversorgung integrieren.

Hörverlust zählt zu den wenigen potenziell beeinflussbaren Demenzrisikofaktoren. Zudem ist er einfach zu diagnostizieren und durch etablierte Hilfsmittel behandelbar.

Die Autoren betonen jedoch, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Hörgerätenutzung und reduziertem Demenzrisiko kann daher nicht nachgewiesen werden. Weitere prospektive Studien sollen nun klären, ob die Behandlung eines Hörverlusts tatsächlich dazu beitragen kann, die langfristige Gehirngesundheit von Patienten mit Epilepsie zu schützen.

Unabhängig von einem möglichen Einfluss auf das Demenzrisiko sprechen die bekannten Vorteile einer Hörgeräteversorgung laut den Forschern bereits heute für eine konsequente Diagnostik und Behandlung von Hörstörungen. Dazu zählen eine bessere Kommunikation, eine höhere soziale Teilhabe sowie positive Effekte auf Stimmung und Lebensqualität.