Alle lieben Gorillababys – dabei sind Frösche manchmal die grössere zoologische Sensation.
Kaum war «Gorillababy» Amata auf der Welt, war das mediale Interesse gross. Und ehrlich gesagt: völlig verständlich. Wer einmal ein Gorillajunges beobachtet hat, erkennt sofort, weshalb diese Tiere uns so faszinieren. Der Blick, die Mimik, die kleinen Hände, das Klammern an die Mutter: Vieles wirkt erstaunlich vertraut.
Menschen haben die bemerkenswerte Fähigkeit, Tiere zu vermenschlichen. Wir interpretieren Gesichtsausdrücke, schreiben Absichten und Charaktereigenschaften zu. Der Gorilla (Gorilla gorilla gorilla) schaut nicht einfach nachdenklich, er wirkt plötzlich philosophisch. Und ein Gorillajunges ist natürlich nicht einfach ein Jungtier, es ist ein Baby, ein kleiner, pelziger Nachwuchs mit ganz viel Persönlichkeit.
Vermenschlichung verzerrt
Diese Nähe hat etwas Schönes. Sie hilft uns, Empathie für Tiere zu entwickeln. Und das kann uns motivieren, uns für ihren Schutz einzusetzen. Gleichzeitig kann sie unseren Blick verzerren. Denn bei aller Begeisterung über Amata lohnt es sich, einen nüchternen biologischen Gedanken nicht zu vergessen: Die Geburt eines Gorillas ist zwar ein wunderbares Ereignis, aber Fortpflanzung an sich gehört bei Gorillas nicht zu den ganz grossen Herausforderungen.
Das klingt provokativ, ist aber gar nicht so gemeint. Schliesslich gilt etwas Ähnliches auch für uns Menschen. Die Zeugung eines Kindes ist oft der einfachere Teil der Geschichte. Die eigentliche Herausforderung beginnt danach: Die Aufzucht, die Fürsorge, die Entwicklung zu einem gesunden und sozial kompetenten Individuum. Genauso ist es bei Gorillas. Entscheidend ist, dass Mutter und Jungtier harmonieren, das Kleine wächst, lernt und seinen Platz in der Gruppe findet.

Orangeaugen-Laubfrosch in der Forschungsstation des Zoo Zürich. Foto: Zoo Zürich, Albert Schmidmeister.
Während «Gorillababys» Schlagzeilen machen, spielen sich anderswo zoologische Erfolgsgeschichten nahezu unbemerkt ab. Beispielsweise beim aus Costa Rica stammenden Orangeaugen-Laubfrosch (Agalychnis annae). Eine bedrohte Art für die wir hier im Zoo Zürich durch die erfolgreiche Zucht und Dokumentation den Grundstein für eine bislang fehlende Reservepopulation legen konnten. Aus Artenschutzsicht ein Meilenstein. Allerdings einer, der deutlich weniger Kamerateams anlockte.
Vielleicht liegt es daran, dass ein «Froschbaby» nicht dieselben Knöpfe bei uns drückt wie ein «Gorillababy». Es schaut uns nicht mit grossen Augen an, hält keine winzigen Hände in die Luft und erinnert uns nicht an unsere eigene Familie. Dabei ist die Leistung hinter einer solchen Nachzucht oft erheblich grösser. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wasserchemie, Lichtverhältnisse und Ernährung müssen bis ins Detail stimmen, damit überhaupt Fortpflanzung stattfindet und sich die Eier und Kaulquappen anschliessend gut entwickeln.
Während «Babyfrösche» bei den Medien und der breiten Öffentlichkeit meist wenig Chancen haben, sieht es bei unseren Zoogästen anders aus. Denn der Zoo Zürich steht mit seinen Lebensräumen auch für das Erleben der Underdogs. Sei es in unserem Masoala Regenwald, dem neuen Insektenwald oder zukünftig im Pantanal Feuchtgebiet. Es ist nicht der Jööö-Effekt des Tieres selbst, sondern das Eintauchen in den Lebensraum und das Entdecken der Tiere, was den Zoobesuch zu etwas Besonderem macht. Und so wird plötzlich aus einem unauffälligen, grünen Gecko oder einer langweiligen, braunen Ente etwas Faszinierendes.