Heute sind Karten vor allem als digitale Wegweiser auf dem Handy präsent. Dabei hat dieses Medium eine reiche Kultur- und Kunstgeschichte. Eine Ausstellung in Venedig zeigt nun, wie die Welt zum Bild wird
Karten sind faszinierende Denkmaschinen. Sie verwandeln drei in zwei Dimensionen und die Komplexität der Welt in ein System aus Linien und Flächen. Sie trainieren das Gehirn, sie lehren, vom lebendigen Detail zu abstrahieren und befeuern umgekehrt die Fantasie, wenn sie uns in fremde Welten entführen.
«A Necessary Fiction», eine notwendige Fiktion, heißt eine Ausstellung, die sich gerade in Venedig kulturhistorisch wie künstlerisch dem Thema Karten widmet. Kuratiert wurde sie von Sara Almutlaq aus Riad, gemeinsam mit der Italienerin Aurora Fonda. Der Ausstellungsort, die Abbazia di San Gregorio, ist ein ehemaliges Benediktinerkloster mit Wurzeln im zehnten Jahrhundert. Bei der vom saudischen Kulturministerium initiierten Schau geht es auch um Karten als Katalysatoren des kulturellen Austauschs und der Auseinandersetzung mit dem Fremden. Die Botschaft: Man kommt in freundlicher Absicht.
Es beginnt mit einem frühen Beispiel östlich-westlicher Zusammenarbeit, der «Tabula Rogeriana», mit der der arabischstämmige Gelehrte Muhammad al-Idrisi 1154 für den sizilianischen König Roger II. das geografische Wissen seiner Zeit in einer Zeichnung zusammenfasste, basierend auf den Zeugnissen von Reisenden und der islamischen Wissenstradition. Blau strahlt das Meer auf der Karte, die Bergketten auf dem namenlosen Riesenkontinent im Norden sehen aus wie fröhliche Sonnenschirme. «Das Buch der angenehmen Reisen in ferne Länder» hat al-Idrisi sein Werk betitelt – ein frühes Monument des lustvollen Fernwehs.
Das Paradies dahinter
Zum Teppich vergrößert, komplettiert eine zweite Karte den historischen Auftakt: Ein monumentales Werk der Benediktinernonnen aus Ebstorf, gefertigt um 1300, versammelt über 2300 gezeichnete Elemente, die mal realer Geografie, mal Fantasie und Spiritualismus entstammen. Und natürlich gehört neben einigen wertvollen historischen Büchern aus der arabischen Welt und frühen Globen auch eine Karte in diese Ausstellung, die in der Seefahrernation Venedig gezeichnet wurde. Die «Mappa Mundi» von Giovanni Lardo, entstanden 1448 in der Lagunenstadt, ist auf Jerusalem zentriert und zeigt neben den damals bekannten Kontinenten Asien, Europa und Afrika auch ein Paradies dahinter.
Mithilfe von Karten erzählt sich eine Kultur die Welt – und bei diesem halb fiktionalen, halb faktischen Unterfangen kommt auch die zeitgenössische Kunst ins Spiel. Wenn Künstler Karten erstellen, untergraben sie nicht selten ihre eigenen Kategorien. Ahmed Mater beispielsweise verzeichnet in seiner Karte der 100 gefundenen Objekte nicht nur die Kaaba als wichtigstes Fundstück Saudi-Arabiens, sondern auch das erste Handy von 1973, eine 1930 entdeckte Taschenuhr oder den Mord an König Faisal im Jahr 1975.
Der südafrikanische Künstler Nolan Oswald Dennis zieht in seiner skizzenhaften Karte der blackness Verbindungen zwischen der Sklaverei, der Unterwerfung des Planeten unter die Gesetze der Ware, der Angst vor einem schwarzen Planeten und der Genesis: «Im Anfang war die Erde wüst und leer, und Finsternis lag über der Tiefe.» Wie wenig die reale Kartografie eines Staates mit den Vorstellungen seiner Bewohner zu tun hat, zeigt dagegen die Arbeit der indischen Künstlerin Shilpa Gupta. Sie hat Italienerinnen und Italiener gebeten, die Umrisse ihres Landes zu zeichnen – das Ergebnis zeigt, dass offenbar jeder in einem etwas anderen Territorium zu Hause ist.
Die Erde als Donut
Poetisch-konzeptionell arbeitet auch die US-Amerikanerin Agnes Denes, die in ihrer Serie «Map Projections» in den späten 70er-Jahren die Kontinente der Erde in feinen Zeichnungen auf andere Formen als die Kugel projizierte: unser Heimatplanet als Donut. Und Yoko Ono hatte 1964 bereits die perfekte Karte gefunden: «Draw a map to get lost» heißt es in ihrer Textarbeit «Map Piece».
Über zwei Etagen und den großzügigen Innenhof der Klosteranlage erstreckt sich die Ausstellung, die ihr Thema fein und assoziativ abschreitet. Draußen, zum Canal Grande, grüßen Figuren von Monira Al Qadiri die Vaporetto-Passagiere. Sie zeigen wundersame Tierfiguren, wie sie arabische Gelehrte des Mittelalters auf ihre Karten malten.
Die Begegnung mit anderen Kulturen ist von Anfang an von Projektionen und viel Fantasie geprägt. Das weiß man gerade in den verwinkelten Gassen Venedigs nur zu gut, wo seit der Erfindung von Google Maps jedes Ziel erreichbar scheint – und man sich doch immer noch verläuft.