«Wenn die Kirchenglocke 9-mal schlägt, kommst du nach Hause.» Für Leser Daniel war das als Kind der Neunziger eine normale Abmachung mit seinen Eltern. Er spielte im Bach, lief darin bis ins Nachbardorf und kam so dreckig nach Hause, dass seine Eltern wenig Freude daran hatten. Probleme mit anderen Kindern? «Macht das unter euch aus.»

Andere Leser und Leserinnen schwelgen in ähnlichen Erinnerungen. Lisa war stundenlang im Quartier unterwegs. Freunde klingelte sie an der Haustür heraus. «Wir konnten auch mal Seich machen, ohne Angst haben zu müssen, dass ein Video gemacht wird, das später im Internet landet.» Oder, wie es ein User zusammenfasst: «Wir erlebten Abenteuer, hatten Langeweile und dreckige Knie.»

Wie viel Freiheit hattest du als Kind in deiner Freizeit?

Millennial-Eltern wollen ihre Kindheit zurückholen

Solche Anekdoten sorgen auf Social Media gerade für Nostalgie. Das Ziel? Die eigenen Kinder sollen so aufwachsen, als wären es wieder die Neunziger. Unter Hashtags wie «Raising My Kids Like The 90s» zeigen Millennial-Eltern, was sie aus ihrer Kindheit zurückholen wollen.

Kinder sollen Langeweile aushalten, weniger Zeit am iPad verbringen,  draussen Abenteuer erleben und im Haushalt mithelfen. Eine offizielle Erziehungsmethode ist das natürlich nicht. Vielmehr fasst der Begriff verschiedene Vorstellungen zusammen, die wir heute mit einer Kindheit vor Smartphone, Social Media und permanenter Erreichbarkeit verbinden.

Psychologin rät: Kindern wieder mehr zutrauen

Steckt dahinter jedoch mehr als nur ein Social-Media-Trend? Zumindest beim Thema Selbstständigkeit stimmt Psychologin und Jugendcoach Melania Montanari zu. «Kinder sind heute viel weniger alleine unterwegs als früher. Wir Erwachsenen sind vorsichtiger geworden und der Alltag ist durchgetakteter.»

Dabei seien genau solche Erfahrungen wichtig: einen Streit selbst klären, einen unbekannten Weg gehen und sich zurechtfinden. «Das gibt ihnen das Gefühl, etwas selbst zu schaffen, und das lässt sich später schwer nachholen.» Heisst das also: Am Morgen das Kind vor die Tür schubsen und am Abend zum Znacht wieder reinlassen? Nein. «Die Verantwortung sollte in kleinen, altersgerechten Schritten übergeben werden, nicht indem man einfach komplett loslässt.»

Langeweile? Mehr davon!

Ein weiterer Punkt, dem Montanari etwas abgewinnen kann: Langeweile. «Sie ist wertvoll. Daraus entsteht oft Kreativität und die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen.» Das heisst nicht, dass Eltern sich zurückziehen sollen. «Es geht nicht darum, ständig zu unterhalten, sondern einfach da zu sein.»

Fabian aus der 20 Minuten-Community erinnert sich an einen besonderen Moment der Langeweile: Als er in den Neunzigern einmal den Zug verpasste, griff er nicht wie heute zum Handy, sondern beobachtete Spinnen beim Netzbauen. «Wie oft damals einfach nichts passierte und wir doch so viel erlebten, wird mir erst jetzt bewusst.»

Lachen statt Likes: Wer in den Neunzigerjahren was mit Freunden unternehmen wollte, klingelte sie an der Haustür heraus. Leserin Lisa erzählt: «Wir konnten auch mal Seich machen, ohne Angst haben zu müssen, dass ein Video gemacht wird, das später im Internet landet.» (Symbolbild)Lachen statt Likes: Wer in den Neunzigerjahren was mit Freunden unternehmen wollte, klingelte sie an der Haustür heraus. Leserin Lisa erzählt: «Wir konnten auch mal Seich machen, ohne Angst haben zu müssen, dass ein Video gemacht wird, das später im Internet landet.» (Symbolbild)Getty Images

Komplett ohne Screens waren die 90er nicht

Doch waren Kinder der Neunziger wirklich so analog unterwegs? Nicht unbedingt. Smartphones gab es zwar nicht, dafür Gameboys, Fernseher und die ersten Computer. US-Daten zeigen, dass Kinder bereits damals mehrere Stunden täglich fernsahen.

«Früher war Fernsehen ein klar begrenzter Moment», sagt Montanari. Man musste wissen, wann das Kinderprogramm läuft. Heute ist Unterhaltung jederzeit verfügbar. «Viele Apps sind darauf ausgelegt, dass wir dranbleiben.» Entscheidend sei deshalb nicht nur die Bildschirmzeit, sondern wofür der Screen genutzt wird. Und vor allem: «Geht dadurch etwas verloren, etwa Bewegung, Schlaf oder echter Kontakt?» Gemeinsam zu schauen und darüber zu sprechen, bringe häufig mehr als strikte Verbote.

«Kein Handy. Kein Airtag»

Viele aus unserer Community erinnern sich vor allem an eines: Freiheit. «Alles war langsamer, freier und weniger durchgetaktet», schreibt Sina. Hektik und Stress habe man kaum gekannt. «Heute sagen sogar meine eigenen Kinder, dass sie sich gestresst fühlen.»

Auch Laura durfte früh alleine «go Tschutte» und musste einfach um 18 Uhr wieder zu Hause sein: «Kein Handy, kein Airtag in Sicht.» Andrea erinnert sich an eine ähnlich simple Regel: «Wenn das Licht der Strassenlaternen angeht», musste sie zu Hause sein.

Leserin Andrea erinnert sich: «Das Beste war, den ganzen Tag draussen spielen zu können und dass man um solche Zeiten ‹wie wenn das Licht der Strassenlaternen angeht› zu Hause sein musste.»Leserin Andrea erinnert sich: «Das Beste war, den ganzen Tag draussen spielen zu können und dass man um solche Zeiten ‹wie wenn das Licht der Strassenlaternen angeht› zu Hause sein musste.»Privat

Gewalt und Umgang mit Gefühlen: Früher war nicht alles besser

Doch auch die Neunziger hatten ihre Schattenseiten. Userin Mona Lisa erinnert sich an Mobbing in der Schule und daran, dass Gefühle wie Wut und Traurigkeit weniger ernst genommen wurden. Heute arbeitet sie selbst an einer Schule und erlebt einen anderen Umgang mit Emotionen. Andere erwähnen Gewalt in der Erziehung oder Probleme, die innerhalb von Familien lieber nicht angesprochen wurden.

Für Montanari ist klar, dass Selbstständigkeit nicht mit emotionalem Alleinlassen verwechselt werden dürfe. (Symbolbild)Für Montanari ist klar, dass Selbstständigkeit nicht mit emotionalem Alleinlassen verwechselt werden dürfe. (Symbolbild)Getty Images

Genau hier wird die 90er-Nostalgie für Montanari problematisch. Gefühle seien oft mit Sätzen wie «Stell dich nicht so an» abgetan worden. Kinder mussten vieles alleine bewältigen – «nicht etwa aus pädagogischer Überzeugung, sondern weil Eltern schlicht weniger Zeit hatten».

Selbstständigkeit dürfe deshalb nicht mit emotionalem Alleinlassen verwechselt werden. Kinder können einen Streit selbst lösen oder alleine einen Weg gehen und trotzdem wissen, dass Erwachsene da sind, wenn sie sie brauchen. «Der Trend sollte sein: mehr Vertrauen in das, was Kinder selbst können», sagt Montanari, «kombiniert mit emotionaler Aufmerksamkeit.»

Was denkst du, hatten Kinder in den 90ern mehr Freiheit als heute? Was fandest du damals gut? Und was haben kleine Kinder heute besser als damals?

Carolina Lermann

Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.