Lindsay Clancy steht in Plymouth, Massachusetts, vor Gericht, weil sie 2023 ihre drei Kinder mit einem Fitnessband erwürgt hat.Obwohl sie die Taten gestand, verdächtigen Tiktok-Nutzer nun ihren Ehemann Patrick als eigentlichen Täter.Kriminologin Casey Jordan macht den True-Crime-Hype für die Vorwürfe verantwortlich.

Jahre, nachdem eine US-Amerikanerin in Boston ihre drei Kinder erwürgt hat, sorgt der Gerichtsprozess auf Tiktok für Aufsehen. Die Tat ereignete sich am 24. Januar 2023, als die damals 33-jährige Lindsay Clancy ihre Kinder im Alter von fünf und drei Jahren sowie den acht Monate alten Callan mit einem Fitnessband tötete.

Ihr Ehemann Patrick Clancy war zum Tatzeitpunkt laut Lindsay nicht zu Hause – wird nun aber von zahlreichen Tiktok-Usern als Hauptverdächtiger gehandelt, obwohl seine Frau die Tötungen gestanden hat.

«Ich glaube nicht, dass Lindsay Clancy diese Verbrechen begangen hat. Ich bin felsenfest überzeugt, dass Patrick sie überredet hat, dass sie es war.» So lautet nur einer von diversen Kommentaren, die derzeit auf der Plattform kursieren. Andere berichten, dass sie keinerlei Zweifel am Verfahren gehabt hätten, «bis dieser Mann seinen Mund aufgemacht hat». Doch woher stammen die Vorwürfe?

Kriminologin: «Jeder will Hobbydetektiv sein»

Kriminologin Casey Jordan sieht zu einem grossen Teil den seit Jahren andauernden True-Crime-Hype als verantwortlich für die Anschuldigungen gegen den Ehemann, für die die Tiktok-Detektive keinerlei Beweise anführen. «Jeder will gerne ein Hobbydetektiv sein», sagt die Anwältin, die an der Western Connecticut State University doziert, gegenüber «CT Insider». «Dabei geht es nicht um Genauigkeit oder die Legitimität der Theorien.» In Einzelfällen könnten diese Hobbydetektive zwar hilfreich sein, sie würden die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden und der Justiz in vielen anderen Fällen aber auch erschweren.

Auf Tiktok werden immer mehr Stimmen laut, die ihren Ehemann Patrick verdächtigen, die Kinder ermordet zu haben.Auf Tiktok werden immer mehr Stimmen laut, die ihren Ehemann Patrick verdächtigen, die Kinder ermordet zu haben.Screenshot Youtube/Law&Crime Network

Vor Gericht hat Clancy die Tötung ihrer drei Kinder zwar eingeräumt, plädiert aber auf nicht schuldig. Denn zum Tatzeitpunkt litt sie nach eigenen Angaben an einer Wochenbettpsychose und suchte sich mehrmals psychische Unterstützung. Dies bestätigt auch ihr Ehemann Patrick, zudem belegen diverse Dokumente die Behandlungen. Der Fall hat in den USA auch eine Diskussion zur fehlenden psychischen Unterstützung für Frauen und Mütter angestossen.

Lindsay schickte Ehemann Patrick zum Einkaufen

Dass ihr Ehemann Patrick die Kinder getötet und danach seine Ehefrau dazu verleitet hat, die Schuld dafür zu übernehmen, gilt als höchst unwahrscheinlich: Gemäss Clancys eigenen Aussagen hatte sie ihren Mann am Tag der Tat aus dem Haus geschickt, um ein Medikament für eines der Kinder zu besorgen. Während seiner rund 25-minütigen Abwesenheit erwürgte sie ihre drei Kinder und sprang anschliessend aus dem dritten Stock.

Dabei erlitt sie schwere Verletzungen an der Wirbelsäule und ist seither von der Hüfte abwärts gelähmt. Auf Gofundme hat ein Spendenaufruf mit einem 2-Millionen-Dollar-Ziel für die Familie bereits mehr als die Hälfte erreicht. Mit dem Geld sollen nach Angaben der Verantwortlichen hinter dem Aufruf die Eltern von Clancy unterstützt werden, die durch den Gerichtsprozess und die Lähmung ihrer Tochter in den letzten Jahren einer massiven finanziellen Belastung ausgesetzt gewesen seien.

Diese Strafe droht

Lindsay Clancy droht im Falle einer Verurteilung wegen Mordes ersten Grades eine lebenslange Freiheitsstrafe. Wenn das Gericht entscheidet, dass sie nicht schuldfähig ist, dürfte die Strafe deutlich milder ausfallen oder durch eine therapierende Massnahme ersetzt werden. Die Schlussplädoyers sollen am 25. August gehalten werden, das finale Urteil könnte noch am selben Tag verkündet werden.

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Benedikt Hollenstein

Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.