Es geht ums Geld. Wann immer Geschichten, beliebte Fantasy-Figuren, Roman-Reihen ihren Weg vom Buch auf die Leinwand oder in die Streamingdienste finden, wittern Produktionsfirmen, Verlage und alle anderen Beteiligten eine Goldgrube.
25 Jahre ist es her, dass der erste Harry-Potter-Film ins Kino kam, nur vier Jahre nach Erscheinen des entsprechenden Buches. Sieben weitere Filme sollten folgen. Die Reihe wurde eine der erfolgreichsten aller Zeiten.
Damit endet der Siegeszug noch nicht. Es wurden Filme gedreht, die die Vorgeschichte der Welt der Zauberkünstler und Muggels zeigten. Mit „Harry Potter und das verwunschene Kind“ entstand aus der Feder J. K. Rowlings ein Theaterstück, auch veröffentlichte die Autorin mehrere Begleitbände, die das „Harry Potter“-Universum erklären sollten. Abseits von Leinwänden und Buchseiten hat sich inzwischen außerdem eine ganze Industrie entwickelt; Musicals, Videospiele, Lego-Sets, Vergnügungsparks und Hogwarts-Express-Pauschalreisen inklusive.
Nun folgt der nächste Streich: Harry Potter wird zur Serie. 40.000 Kinder und Jugendliche hatten sich für die Rollen von Harry, Hermine, Ron und Co. beworben, die Dreharbeiten begannen im Juli 2025, im Dezember dieses Jahres soll die erste Staffel starten. Und das ist nur der Anfang: Nach Auskunft der Produktionsfirma sollen sich die Dreharbeiten über einen Zeitraum von zehn Jahren erstrecken.
Es bleibt die leise Frage: Warum das Ganze?
Nun ist es nicht neu, dass erfolgreiche Geschichten zum Franchise aufgepumpt werden; gerade in der Jugend- und Science-Fiction-Literatur gibt es dafür zahlreiche Beispiele: „Der Herr der Ringe“, „Star Wars“, „Star Trek“ – vom Mega-Franchise Marvel Cinematic Universe, das Filmproduktionen von „Avengers“ bis „Spider-Man“ verantwortet, ganz zu schweigen.
„Star Trek“ zeigt, dass Serien-Franchise funktionieren kann
Die Umsetzung der Neu- und Folgeauflagen ist mal besser, mal schlechter gelungen: Im Fall von „Star Trek“ fügt sich fast jede neue Serien-Welt elegant in die bestehende ein. Figuren und Handlungsstränge aus dem Captain-Kirk-Universum wurden in „Star Trek The Next Generation“ überführt; „Deep Space Nine“ und „Voyager“ nahmen die Fäden auf und spannen sie weiter; „Star Trek: Enterprise“ wiederum erzählte ab 2001 als Prequel die Vorgeschichte aller anderen Star-Trek-Serien. Und wie das alles zusammengefügt werden kann, zeigte von 2020 bis 2023 die Serie „Picard“, in der – neben dem gealterten TNG-Captain – nach und nach lieb gewonnene Charaktere aus den wichtigsten „Star Trek“-Welten wieder auftauchten.
Im Fall der neuen „Harry Potter“-Serie wird ein ähnlicher Effekt kaum zu erwarten sein, zumal eine Weiterentwicklung des Inhalts ja gar nicht gewünscht ist: Die Serienhandlung soll sich eng an der Buchvorlage orientieren. Das war schon bei den Filmen so, die ziemlich genau die visuelle Vorstellung der Autorin widerspiegelten – war selbige doch am Produktionsprozess maßgeblich beteiligt. Auch bei der neuen Serie tritt J. K. Rowling als eine der Executive Producer auf.
Riesige Gruppe potenzieller Merchandise-Konsumenten
Insofern liegt der Schluss nahe, dass hier vor allem monetäre Interessen im Spiel sind – zumal sich mit jeder neuen Generation „Harry Potter“-liebender Kinder eine riesige Gruppe potenzieller Merchandise-Konsumentinnen und -Konsumenten auftut.
Das Franchise-System als schnödes Gelddrucksystem zu verdammen, wäre trotzdem zu kurz gegriffen. Schließlich funktioniert auch die Unterhaltungsindustrie nach einer der Ur-Regeln des Kapitalismus: Angebot und Nachfrage. Damit die gleiche oder zumindest ähnliche Geschichte immer wieder erfolgreich ist, muss sie gewollt werden; man könnte auch sagen: geliebt.
Dass Fantasie-Welten als Serie oder schier endlose Filmfortsetzung funktionieren, hat nur zum Teil damit zu tun, dass durch das Angebot das Interesse an der Geschichte wachgehalten wird. Bei aller Kritik, die seiner Erschafferin wegen ihrer transfeindlichen Äußerungen inzwischen entgegenschlägt, hat der „Harry Potter“-Kosmos selbst wenig von seinem ursprünglichen Zauber verloren. Heute Zwölfjährige lesen die Bücher mit der gleichen Begeisterung, wie es Zwölfjährige (und deutlich Ältere) vor knapp 30 Jahren taten. Die Themen – Freundschaft, Loyalität, Coming of Age, der Sieg des Guten über das Böse – sind zeitlose Klassiker des Storytellings, und außerdem sind die Bücher so spannend geschrieben, dass es auch Erwachsenen nicht schwerfällt, sich im Zauber der Hogwartswelt zu verlieren, im Gegenteil: Eine ganze Generation ist immerhin bereits mit Harry erwachsen geworden – und freut sich nun darauf, den alten Freundinnen und Freunden in der Serie wieder oder vielmehr: noch einmal zu begegnen, vielleicht sogar schon gemeinsam mit den eigenen Kindern.
Rory, Lorelai und Co. – Serien-Charaktere, mit denen wir erwachsen wurden
Noch stärker ist dieser Wiedersehenseffekt bei Serien-Charakteren, die man tatsächlich ein Stück Weges begleitet hat, die einem über viele Herbstabende hinweg auf der Couch Gesellschaft leisteten, wenn in der realen Welt niemand Zeit hatte, mit denen man gemeinsam älter und die zu Vertrauten geworden sind.
Dass bei dieser Fortsetzung den Drehbuchschreibern nach Folge zwei ganz offensichtlich die Puste ausging, viele gute Ideen verpufften oder ins Leere führten und wichtige Figuren (Jess! Dean!) nur noch eine Nebenrolle spielten, trübte das Wiedersehen mit den Girls erheblich. Doch gerade die Teilenttäuschung darüber, dass sich die Film-Freundschaft nicht dort wieder aufnehmen ließ, wo sie damals endete, zeigt, wie sehr wir uns mitunter mit den Menschen (oder Fantasiewesen) auf dem Bildschirm identifizieren.
Man könnte das Realitätsflucht nennen. Oder einfach anerkennen, dass gute Geschichten immer auch einen Teil der eigenen Lebenserfahrung widerspiegeln, dass Leinwandfiguren uns ans Herz wachsen, gerade weil sie einen Teil von uns selbst repräsentieren und uns deshalb immer wieder aufs Neue tief berühren können. Kein Videospiel oder Lego-Set könnte daran etwas ändern.