Berlin/Magdeburg – Herbert Grönemeyer hat mit „Bochum“, „Mensch“ oder „Männer“ wahrscheinlich für viele so etwas wie die inoffiziellen Hymen des Landes geschaffen. Jetzt reist er kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nach Magdeburg, um mit mehreren Chören aus der Region zu singen. Doch seine Botschaft ist anders als manche vielleicht zunächst denken würden: Statt der Alltagspolitik soll besonders die Gemeinschaft im Fokus stehen.
Der Sänger (70) will in erster Linie mit dem Verein Heimatbewegen und der Initiative „Gemeinsame Sache“ die Menschen zusammenbringen. Denn die Gesellschaft wieder zusammenzuführen, sieht er als eigentliche Grundlage für das demokratische Zusammenleben im Land, wie er es schon in seiner Dankesrede beim Deutschen Nationalpreis gesagt hatte. Damals betonte er, die Zivilgesellschaft brauche nicht unbedingt „eine Mutti oder einen Vati. Wir haben uns selbst“.
Grönemeyer: Menschen aus DDR wurden damals „überrannt“
Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagt er jetzt über die Gründe für sein Engagement: „Wir haben in Deutschland als Gesellschaft nach der Wiedervereinigung im Grunde nie angefangen, darüber nachzudenken: Wer sind wir eigentlich? Was sind unsere Träume, Gemeinsamkeiten oder Unterschiede, unsere Ziele als Gemeinschaft und so weiter?“ 36 Jahre nach der Wiedervereinigung solle man sich seiner Ansicht zufolge endlich gemeinsam die Fragen stellen: „Was verbindet uns – und wie wollen wir in den nächsten 30, 40 oder 50 Jahren miteinander leben?“
Die Menschen aus der ehemaligen DDR seien damals „überrannt worden“, Trauer über ihre Verluste von Sicherheit und Struktur habe keinen Raum bekommen. Stattdessen seien sie „im Schleudergang unbegleitet in ein fremdes System verpflanzt worden“, findet Grönemeyer, der im Westen Deutschlands in der Ruhrgebietsstadt Bochum aufgewachsen ist.
Er glaube, alle Menschen hätten Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung. In Deutschland engagierten sich viele Menschen ehrenamtlich, übernähmen Verantwortung und machten sich Gedanken darüber, wie eine Gemeinschaft stabil und fürsorglich entstehen könne. Was der Politik nicht gelinge, möge daher aus der Zivilgesellschaft kommen, die basierend auf dem Grundgesetz eine gemeinsame Identität entwickeln könne.
Als Beispiel dafür kann der geplante Abend im Magdeburger Dom stehen. Dort sollen verschiedene Chöre aus Sachsen-Anhalt, voraussichtlich rund 350 Menschen, Lieder wie „Mensch“ oder „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel singen. Es handle sich um ein nicht-öffentliches Konzert, die Chöre seien das erste Mal in der Konstellation zusammen und man wolle einen geschützten Rahmen schaffen, heißt es vonseiten der Organisatoren, zu denen auch Grönemeyer zählt.
In Chören kämen Menschen zusammen, die vielleicht unterschiedliche Geschichten, Erfahrungen und Ansichten hätten, sagt der Sänger. Jede Stimme habe zwar ihren eigenen Klang, dennoch entstehe etwas, das keine Stimme allein hervorbringen könne.
Wie ein Verein in Sachsen-Anhalt Menschen aus ihrer Blase holt
Für die Initiative „Gemeinsame Sache“, die von einzelnen Personen und verschiedenen Organisationen getragen wird, arbeitet Grönemeyer unter anderem mit dem Verein Heimatbewegen in der Kleinstadt Ballenstedt (Landkreis Harz) in Sachsen-Anhalt zusammen. Der Verein kämpft etwa gegen Leerstand und engagiert sich in der Stadt- und Regionalentwicklung.
Die Mitgründerinnen Anneke Richter und Nicole Müller wollen Menschen aus der eigenen Blase holen und sie mit ihren Ideen zusammenkommen lassen. Der Verein hat zum Beispiel zum Tag des Grundgesetzes im Mai eine Allee im Ort in eine Leinwand verwandelt, indem Kindergärten, Schulen, Nachbarn und Co. sie mit Kreide bemalen konnten.
Richter findet, es brauche Leute in den Kommunen, die mit solchen Aktionen wieder Verbindungen zwischen den Menschen herstellen. „Die Menschen bewegen sich oft in den gleichen Blasen. Es ist wichtig, dass man diese Blasen wieder miteinander in den Austausch bringt und Verbindungen herstellt, das stärkt das Gemeinschaftsgefühl.“
Ihre Kollegin Müller erzählt, wie sich durch Aktionen vor Ort die Herangehensweise der Menschen verändert habe und sie offener in Gespräche gingen. Der Sprung aus der Blase sei erst mal schwierig für viele, aber wenn sie das geschafft hätten, „sind sie beflügelt, sie strahlen, die wollen das wieder haben, und das ist das, was wir eigentlich brauchen“.
Grönemeyer hatte Ballenstedt und den Verein bei der Kunstaktion im Mai besucht, gemeinsam ein Gesprächsformat gestartet, wie er sagt. Bei einem Besuch des Jugendschulchors sei die Idee für den besagten Chorabend in Magdeburg gekommen. Es soll keine einmalige Aktion bleiben. Laut Mitinitiatorin Richter soll der Abend vor allem die Menschen einander näher bringen, es gehe gar nicht „so groß um die Politik“.
Wie Grönemeyer auf die Landtagswahl schaut
Dennoch: Wenige Tage später wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die AfD, die in dem Bundesland vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, liegt in Umfragen weit vorn. Mangels koalitionswilliger Partner hofft die Partei, eine absolute Mehrheit der Sitze zu erringen und dann allein regieren zu können.
Grönemeyer, der sich gegen Rechts engagiert, schaut von seinem Wohnort Berlin aus mit Sorge auf die Landtagswahl am 6. September, wenngleich er nicht in Sachsen-Anhalt lebe, sagt er. „Aber nur besorgt zuzuschauen, reicht auch nicht. Wir wollen nichts bagatellisieren. Für mich heißt das vielmehr, selbst etwas zu tun und Haltung zu beziehen, wo Menschen ausgegrenzt oder herabgewürdigt werden.“