Berns Politik sorgt für Schlagzeilen. Politanalyst Mark Balsiger spricht über den Fall Paradiesli, den Freisinnigen-Eklat und Alec von Graffenried.
Politanalyst Mark Balsiger. – Daniel Zaugg
Der Fall Paradiesli, ein Eklat bei den Freisinnigen und das grosse Rätsel um Alec von Graffenried: Politanalyst Mark Balsiger ordnet die Geschehnisse der letzten Wochen in Berns Politik ein.
BärnerBär: Mark Balsiger, es war Sommerzeit, und doch ist im politischen Bern einiges passiert. Zum einen sorgte der Fall Perriard für Aufsehen. Die Stadtberner FDP-Fraktion warf eine ihrer Stadträtinnen raus.
Mark Balsiger: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Dieses Sprichwort passt, weil es zu diesem Fall Vorgeschichten gibt. So ist Chantal Perriards Verhältnis zur Partei vorbelastet.
Anfang 2025 musste sie das Co-Präsidium, das sie damals mit René Lenzin innehatte, abgeben. Man kann es ruhig so sagen: Die FDP Stadt Bern ist seit Langem ein Intriganten-Stadl.
BärnerBär: Ein hartes Votum.
Balsiger: Einverstanden. Aber selbst FDP-Mitglieder teilen diese Ansicht. Nun liesse sich einwerfen, dass jede Partei eine Schlangengrube ist. Doch bei der FDP wird der Knatsch immer mal wieder nach aussen getragen.
Mark Balsiger: «Es wäre ein Segen für die Stadt, wenn Rot-Grün-Mitte RGM inhaltlich immer wieder herausgefordert würde.» – Daniel Zaugg
BärnerBär: Woran liegt es denn bei der FDP, dass solche Geschichten sich stets wiederholen?
Balsiger: Vielleicht an einer Kultur, die sich halten konnte. Ich erinnere an den Fall Stephan Hügli, der als amtierender Gemeinderat fallengelassen wurde, weil er während der «Schande von Bern», als Chaoten 2007 den SVP-Umzug durch die Stadt verhinderten, schlecht kommunizierte.
In die gleiche Kategorie gehören auch repetitive Dissonanzen rund um Claudine Esseiva.
BärnerBär: Trotzdem: Der Fall Hügli ist fast 20 Jahre her, mittlerweile sitzen bei der FDP ganz andere Personen an den Schalthebeln.
Balsiger: Natürlich müsste und möchte eine Partei wie die FDP ein starkes Gegengewicht zum rotgrünen Mehrheitsblock bilden.
Doch sie schwächt sich immer wieder selbst, wie aktuell – den Sitz, den sie im Herbst 2024 gewonnen hat, ist sie nach dem Fall Perriard wieder los. Es wäre ein Segen für die Stadt, wenn Rot-Grün-Mitte RGM inhaltlich immer wieder herausgefordert würde.
BärnerBär: Zur Kategorie «Sommerposse» gehört auch der «Fall Paradiesli» im Marzili. Wie gut hat Sozialdirektorin Ursina Anderegg aus Ihrer Sicht kommuniziert?
Balsiger: Ich bin erschrocken, als ich hörte, was sie sagte. Die Geschichte wurde deshalb noch grösser. Der Topf mit vielen Ingredienzen begann sofort zu kochen.
Die Berner Bildungsdirektorin Ursina Anderegg (GB). – Daniel Zaugg
In meinem persönlichen Umfeld kenne ich einige Frauen, die sich gerne im «Paradiesli» aufhalten, weil sie sich dort geschützt fühlen. Diese Gewähr ist nun infrage gestellt.
BärnerBär: Anderegg kritisierte das Personal öffentlich und deutlich – von den Marzili-Angestellten bis zu den Polizei-Einsatzkräften.
Balsiger: Ich war im Sommer 2021 als Badeaufsicht im Marzili tätig. Ich zweifle, ob Ursina Anderegg weiss, was dort an einem heissen Tag mit 15’000 Badegästen alles abgeht.
Anderegg hat früh kommuniziert und Angestellte kritisiert. Ich hätte ihr geraten, zuerst mit den Betroffenen zu reden und dann in den Medien den Topf herunterzukühlen. Das ist ihr nicht gelungen.
Alec von Graffenried (GFL), Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie. – keystone
BärnerBär: Wir bleiben bei den Gemeinderäten und kommen zu Alec von Graffenried. Was denken Sie: Wie geht es ihm als Polizeidirektor? Für manche ist er nach wie vor der abgewählte Stapi.
Balsiger: Seine Abwahl ist wie ein gut sichtbares Tattoo im Gesicht, das nicht mehr verschwindet. Manche grüssen ihn weiterhin als Stadtpräsidenten, was auch bei ihm etwas auslöst.
BärnerBär: Macht er seine Sache gut?
Balsiger: In einem Interview mit der «Hauptstadt» zu Beginn der neuen Legislatur holte er zu einem Rundumschlag aus – fürwahr kein gelungener Start für den neu zusammengesetzten Gemeinderat.
Während des Wahlkampfs hatte von Graffenried noch erklärt, die Sicherheits- und Umweltdirektion sei für ihn durchaus eine valable Möglichkeit, danach behauptete er das Gegenteil.
Mark Balsiger. – Daniel Zaugg
BärnerBär: Was heisst das unter dem Strich?
Balsiger: Ohne Kompass legt man in der Politik keine sichtbare Spur.
BärnerBär: Ohne Alec von Graffenried droht die GFL zu einer Kleinstpartei zu werden. Macht er daher früher Platz, um eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger aufzubauen?
Balsiger: Wenn er vor Ablauf der Legislatur abtritt, kann die GFL mit grosser Wahrscheinlichkeit dank der Unterstützung der RGM-Bündnispartner ihr Mandat halten. Es käme zu einer Ersatzwahl, fast sicher gegen Kandidierende der FDP und der Mitte.
BärnerBär: Und wenn von Graffenried durchzieht?
Balsiger: Die GFL brachte immer wieder starke Persönlichkeiten hervor, zum Beispiel den späteren Regierungsrat Bernhard Pulver oder Ueli Stückelberger.
Sollte die GFL den Sitz tatsächlich verlieren, besteht das Risiko, dass die Partei pulverisiert wird, sie existiert ja nur noch in der Stadt Bern. Die Konkurrenz ist gross. Liberale, die grün angehaucht sind, haben mit der GLP eine Alternative.
BärnerBär: Wer ist Kronfavorit für seine Nachfolge?
Balsiger: Brigitte Hilty wäre es gewesen, wenn von Graffenried 2024 zurückgetreten wäre. Herumgereicht werden überdies die Namen von Tanja Miljanović oder Janine Wicki, Generalsekretärin der Bildungsdirektion. Manuel C. Widmer seinerseits tobt sich vermutlich lieber in den Kommentarspalten aus.
BärnerBär: Wie lautet Ihr Urteil zu Stadtpräsidentin Marieke Kruit?
Balsiger: Sie weiss aus dem Effeff, wie das politische Meccano funktioniert und erreicht deshalb ihre Ziele. Gleichzeitig ist sie erpicht darauf, ja keinen Fehler zu machen. Das ist schade.
Berns Stadtpräsidentin Marieke Kruit (SP). – Daniel Zaugg
Ich bin überzeugt, dass sie in keiner Phase ihrer Lebensplanung vorhatte, Stadtpräsidentin zu werden. Sie wäre in der Tiefbaudirektion, ihrem vorherigen Amt, wohler gewesen.
Aber die Partei drängte sie wahrscheinlich dazu, als Stapi zu kandidieren und die Schmach von 2016 wettzumachen, als von Graffenried der SP dieses Amt entriss.
Kruit scheint das Bad in der Menge nicht viel zu bedeuten, im Gegensatz zu anderen Politisierenden. Die Herzen der Massen erobert sie nicht.
BärnerBär: Kommen wir zu Matthias Aebischer.
Balsiger: Er machte eine Wandlung durch. Als Journalist wie als Nationalrat konnte der Eindruck entstehen, ihm falle alles ziemlich leicht. In der neuen Rolle als Verkehrsdirektor ist er reifer geworden.
Matthias Aebischer ist jemand, der sich getraut, auch mal öffentlich einen Pflock einzuschlagen. Selbst wenn er mit dem lokalen Gewerbe oder gar dem Bund aneinandergerät. Er ist mutig und damit ein Gegenentwurf zu Marieke Kruit.
Matthias Aebischer (SP), Direktor für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün. – Stadt Bern
BärnerBär: Bleibt die einzige Gemeinderätin, die nicht dem RGM-Bündnis angehört: Melanie Mettler.
Balsiger: Mit dem Beschaffungswesen erlebte sie einen holprigen Start. Melanie Mettler ist fleissig. Sie kann es gut mit den Menschen und betrachtet diese nicht als Schachfiguren des eigenen Spiels.
Von ihr kommen meistens positive Emotionen, obschon sie sicher regelmässig zu beissen hat. Sie schafft Nähe, selbst zu jenen, die politisch anders ticken. Mein Eindruck ist: Sie geht auf in dem, was sie tut.
BärnerBär: Ende 2028 wird gewählt. Rechnen Sie mit Überraschungen?
Balsiger: Jene drei Neuen, die 2024 gewählt wurden, dürften allesamt wieder antreten – und ihren Sitz behalten. Ausser es kommt im Vorfeld zu einem handfesten Skandal.
Über den Sitz der GFL haben wir bereits gesprochen. Sollte er neu besetzt werden, werden sich wohl die Nicht-RGM-Kräfte wieder gleich formieren wie beim letzten Mal.
Zur Erinnerung: Mit einem faireren Wahlsystem, das die kleineren Parteien nicht benachteiligt, würde das Verhältnis jetzt drei zu zwei lauten, und die FDP hätte mit Florence Pärli Schmid wieder eine Gemeinderätin.
Melanie Mettler (GLP) ist seit 2025 Gemeinderätin der Stadt Bern und leitet die Direktion für Finanzen, Personal und Informatik. – zVg
BärnerBär: Sie beobachten die Berner Politik seit 24 Jahren – und so lange sind Sie selbstständig. Gibt es zuweilen Abnützungserscheinungen?
Balsiger: Die Haare werden immer grauer und dünner (lacht). Im Ernst: Velotouren, das ganzjährige Aareschwimmen und meine Kommunikationsfirma halten mich fit. Ich bin unendlich dankbar für alles, was ich in den letzten 24 Jahren erlebt habe.
Verfolgst du die Berner Politik regelmässig?
1Ja.
2Nein.
Der Schritt in die Selbstständigkeit war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich musste mich nie verschulden, habe fünf Bücher geschrieben und kann das tun, wofür ich brenne.
So habe ich die letzten viereinhalb Jahre die Allianz Pro Medienvielfalt mit 8000 Einzelpersonen und 35 Organisationen aufgebaut. Sie bekämpfte die SRG-Halbierungsinitiative und bleibt auch weiterhin aktiv.
Für dieses Projekt investierte ich bislang 3600 Arbeitsstunden, zwei Drittel davon unbezahlt. Aber der Aufwand hat sich gelohnt, Abstimmungen werden nicht in den letzten zwei Monaten gewonnen!