Ein Gemälde der Ausstellung «Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet: Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller» im Neubau des Kunstmuseums Basel: «Laurette à la tasse de café» von Henri Matisse.

Wenn die Temperaturen sinken und die Tage kürzer werden, locken Museen von Zürich bis Basel mit spannenden neuen Ausstellungen. Fünf Favoriten der Redaktion.

«Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet: Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller» im Kunstmuseum Basel

Wer ist die Frau in dem rosa schillernden Kleid? Ihr dunkelbraunes Haar ist sorgfältig auf ihrem Kopf aufgetürmt; ihre Augen blicken irgendwo ins Abseits, aber irgendwie auch zu uns. Es ist Gertrud Müller. Sie wurde 1888 in eine wohlhabende Familie geboren und war die erste Frau in ihrer Heimatstadt Solothurn, die Auto fuhr. Nicht irgendeines, versteht sich, sondern ein Cabriolet der Genfer Marke Pic-Pic.

Gertrud Dübi-Müller in ihrem Automobil der Marke Pic-Pic, um 1911. Gertrud Dübi-Müller in ihrem Automobil der Marke Pic-Pic, um 1911.

Fotostiftung Schweiz, Winterthur / Gertrud Dübi-Müller (Umkreis)

Denn Müller, die auch fotografierte und ausgiebig reiste, hatte Geschmack. So machte sie das Sammeln von Kunst zu ihrer Lebensaufgabe und Künstler wie Cuno Amiet und Ferdinand Hodler zu Freunden. Diese erkoren sie im Gegenzug gerne zum Subjekt; Hodler nicht weniger als 17 Mal.

«Bildnis Trutti Müller» von Giovanni Giacometti, 1907. «Bildnis Trutti Müller» von Giovanni Giacometti, 1907.

Privatsammlung /
SIK-ISEA Zürich

«Bildnis Gertrud Müller» von Ferdinand Hodler, 1911. «Bildnis Gertrud Müller» von Ferdinand Hodler, 1911.

Kunstmuseum Solothurn / Dübi-Müller-Stiftung

Das Kunstmuseum Basel widmet Gertrud Dübi-Müller und ihrer Sammlung (auch internationale Künstler wie Vincent van Gogh, Paul Cézanne und Gustav Klimt sind dabei) nun eine erste umfassende Ausstellung. Dank Fotografien, Postkarten und bisher unveröffentlichten Briefen wird man mehr über die bemerkenswerte Frau erfahren, als man auf den vielen Bildnissen von ihr erahnen kann.

Die Ausstellung «Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet: Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller» ist vom 19. September 2026 bis zum 7. Februar 2027 im Neubau des Kunstmuseums Basel zu sehen.

Text: Jana Schibli

Fassadenspaziergang in der Kunsthalle Zürich

Seit Jahren ein Stadt-Happening: Das «Season Opening» im Zürcher Löwenbräukunst-Areal Ende September ist für mich immer ein besonders stimmungsvoller Anlass – einerseits, um mich leicht wehmütig vom seligen Sommertrott zu verabschieden, andererseits, um mich wieder einmal so richtig unter die Leute zu mischen. Während die internationale Modewelt am «First Monday of May» zur New Yorker Met-Gala zusammenkommt, trifft sich die Zürcher Kunstszene und gefühlsmässig «tout Zurich» an diesem «Last Friday of September».

Am Freitag, 25. September, ist es wieder so weit. Um 18 Uhr eröffnen die sechs Institutionen ihre neuen Ausstellungen. Bis 21 Uhr ist man dann unterwegs zwischen den Räumlichkeiten von Edition VFO, Hauser & Wirth, Kunsthalle Zürich, Luma Westbau, Migros Museum für Gegenwartskunst und Museum Haus Konstruktiv und verweilt danach noch etwas bei Drinks, Essen und Musik (bis 23 Uhr). Ein besonderes Highlight ist ein vierminütiger Kurzfilm in der Kunsthalle Zürich. Dort zeigen gleich zwei britische Künstler ihr Werk erstmals in einer institutionellen Einzelausstellung ausserhalb Grossbritanniens.

Filmstill aus Ayo Akingbades «Two Truths», 2026. Filmstill aus Ayo Akingbades «Two Truths», 2026.

© Ayo Akingbade

Ausstellungsansicht von Caspar Heinemanns «Sod All», Studio Voltaire, London, 2025. Ausstellungsansicht von Caspar Heinemanns «Sod All», Studio Voltaire, London, 2025.

Sarah Rainer / Courtesy Caspar Heinemann, Cabinet Gallery & Studio Voltaire

Seilschaften in der Kunsthalle Zürich: Szene aus Ayo Akingbades Kurzfilm «Two Truths», 2026, und Installation von Caspar Heinemann.

Neben Skulpturen, Installationen, Performances, Zeichnungen und Texten des in Glasgow lebenden Caspar Heinemann (* 1994) gibt es vier filmische Arbeiten der britisch-nigerianischen Künstlerin und Filmemacherin Ayo Akingbade (* 1994) zu sehen, darunter zwei Neuproduktionen. Im Zentrum stehen Architektur, Urbanismus und die Frage, wie sich der menschliche Körper zu gebauten Räumen und ihren sozialen Ordnungen verhält.

In Zürich gedreht: Filmstill aus Ayo Akingbades «Two Truths», 2026. In Zürich gedreht: Filmstill aus Ayo Akingbades «Two Truths», 2026.

© Ayo Akingbade

Pièce de Résistance ist «Two Truths», («zwei Wahrheiten»), der Film wird am 25. September Premiere feiern. Die Direktorin Fanny Hauser ist am Telefon hörbar begeistert, handelt es sich hierbei doch um ein von der Kunsthalle Zürich in Auftrag gegebenes Werk: «Der Kurzfilm zeigt die Begegnung zweier Frauen, die durch die Stadt Zürich gehen, wobei auch ein fiktives Element mitspielt, spaziert doch die eine auf Hausfassaden herunter.» Gefilmt wurde auf 35-Millimeter-Film in Zürich, mit einer lokalen Crew aus Stunt- und Filmschaffenden. Ein Werk von und für Zürich also.

«Crossing» von Ayo Akingbade und «Tempting Fate» von Caspar Heinemann , 26. September 2026 bis 10. Januar 2027, Kunsthalle Zürich, Limmatstrasse 270, 8005 Zürich.

Text: Kim Dang

«Roberto Burle Marx. Modernismo tropical» im Zentrum Paul Klee

Der Name Roberto Burle Marx dürfte hierzulande vielen kein Begriff sein. Das könnte sich diesen Herbst ändern: Das Zentrum Paul Klee widmet dem brasilianischen Künstler und Landschaftsarchitekten (1909–1994) vom 17. Oktober 2026 bis 7. Februar 2027 die erste grosse Ausstellung in der Schweiz.

Roberto Burle Marx 1974 während einer botanischen Expedition in Ecuador. Roberto Burle Marx 1974 während einer botanischen Expedition in Ecuador.

Luiz Knud Correia de Araújo, Archive of Luiz Antonio Correia de Araújo

Burle Marx, ein Hauptvertreter des Modernismo tropical und bekannt als «Erfinder des tropischen Gartens», behandelte Gärten nicht als Beiwerk zur Architektur, sondern als Kunstwerke an sich. Er übertrug Formen aus Malerei und Musik auf Parks und Stadträume, setzte auf die einheimische Flora Brasiliens und prägte damit die Landschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts. Eines seiner bekanntesten Werke kennen Millionen: die Copacabana in Rio de Janeiro mit ihrem Wellenmuster.

Die Copacabana in Rio de Janeiro, der Burle Marx seinen Stempel aufgedrückt hat. Die Copacabana in Rio de Janeiro, der Burle Marx seinen Stempel aufgedrückt hat.

Haruyoshi Ono, 1970–1971, Acervo Instituto Burle Marx

Doch Burle Marx war weit mehr als ein Landschaftsarchitekt: Er war auch Maler, Grafiker, Designer, Sammler und Umweltschützer. Entsprechend erfasst die Ausstellung sein gesamtes künstlerisches Universum: Das Zentrum Paul Klee zeigt handgemalte Pläne, Zeichnungen, Fotografien und Filme von fünfzehn seiner landschaftsarchitektonischen Projekte, hinzu kommen Gemälde, Tapisserien, Schmuck und Bühnenbilder.

Die Ausstellung «Roberto Burle Marx. Modernismo tropical» im Zentrum Paul Klee in Bern eröffnet am 17. Oktober 2026 und dauert bis zum 7. Februar 2027.

Text: Sonja Siegenthaler

«Verwoben, verflochten, verknüpft – Provenienzforschung zur Textilsammlung» im Museum der Kulturen Basel

Die Herkunft vieler Kunstwerke und Kunsthandwerksgegenstände ist, um es lapidar auszudrücken, nicht ganz sauber. Museen gehen unterschiedlich mit dieser Thematik um. Das Museum der Kulturen Basel (MKB) wagt mit der Pop-up-Ausstellung «Verwoben, verflochten, verknüpft – Provenienzforschung zur Textilsammlung» einen selbstreflexiven Blick auf das eigene, weltbekannte Archiv: Koloniale Macht war vielfach die Grundlage der ausgestellten Objekte. Ein Kriegshemd aus dem Sudan oder ein Tuch aus Kongo sind damit auch Zeugen einer komplexen Vergangenheit, in der auch die Schweiz ihre Rolle spielte.

Jede Stickerei auf diesen afghanischen Tüchern hat etwas zu erzählen. Jede Stickerei auf diesen afghanischen Tüchern hat etwas zu erzählen.

PD

Die Ausstellung blickt aber auch in die Zukunft: Was geschieht, wenn man aufhört, die Dinge nur zu katalogisieren und zu erforschen, und beginnt, den Menschen zuzuhören, deren Erbe sie sind? Indem das Museum neue Kontakte zu den Bezugsgruppen knüpft – etwa zur afghanischen Diaspora –, wird aus dem einstigen Forschungsobjekt wieder ein Kulturgut, das persönliche Erinnerungen weckt.

Eine Mütze und Fotos von einer Schweizer Kaukasus-Expedition, dazu Bändchen aus Georgien und aus Basel. Eine Mütze und Fotos von einer Schweizer Kaukasus-Expedition, dazu Bändchen aus Georgien und aus Basel.

PD

Zugleich entfalten die Exponate eine Kraft, die jenseits ihrer historischen Einordnung liegt. Man steht vor einer bunten Taufhaube aus dem Tessin, einem bestickten Gebetstuch aus Afghanistan und wird von ihrer technischen Meisterschaft und Ästhetik berührt. Ergänzt wird die Schau um historische Fotografien und Werkzeuge – Textil-Nerds und Geschichtskritische kommen hier gleichermassen auf ihre Kosten.

Die Pop-up-Ausstellung «Verwoben, verflochten, verknüpft – Provenienzforschung zur Textilsammlung» ist noch bis zum 29. September 2026 im Museum der Kulturen Basel zu sehen.

Text: Malena Ruder

«Beyond the Manosphere. Masculinities Today.» Kunstmuseum St. Gallen

Am 2. Oktober wird die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities Today.» im Kunstmuseum St. Gallen eröffnen. Vorab wurde die Ausstellung der Kuratorin Melanie Bühler im Amsterdamer Stedelijk Museum gezeigt, wo Bühler auch arbeitet. Die Ausstellung mit Vorfreude zu erwarten, das wäre in diesem Fall wohl unglücklich ausgedrückt, aber dennoch schaue ich mit Neugier und Spannung darauf, welche Fragen und Perspektiven hier «Beyond the Manosphere» verhandelt werden.

Über 36 Perspektiven und Ansätze von Künstlerinnen und Künstlern ab den 1960er Jahren werden gezeigt – ganz gegen den Strich der «Manosphere» gebürstet, aber von ihr ausgehend. So steht es in den Informationen zur Ausstellung.

Sara Sadiks Videoarbeit «Khtobtogone (Still)» aus dem Jahr 2021 erzählt die Geschichte des Uber-Fahrers Zine in der maghrebinischen Diaspora Marseilles und seiner ersten Liebe. Sara Sadiks Videoarbeit «Khtobtogone (Still)» aus dem Jahr 2021 erzählt die Geschichte des Uber-Fahrers Zine in der maghrebinischen Diaspora Marseilles und seiner ersten Liebe.

Courtesy of Sara Sadik

Vielleicht ist der Besuch im Kunstmuseum St. Gallen gerade deshalb gut: Denn neben Trump, Putin, Andrew Tate und Elon Musk gibt es andere, neuere und vielleicht auch überraschende und konstruktive Perspektiven und Tendenzen im Hinblick auf den Männlichkeitsbegriff. Hierfür braucht es Raum und Offenheit, die in dieser Ausstellung verhandelt werden.

Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities Today.» im Kunstmuseum St. Gallen eröffnet am 2. Oktober 2026 und läuft bis 24. Januar 2027. Infos finden sich hier.

Text: Ulrike Hug

Newsletter

Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.