Wie agieren Liebesbetrüger im Internet? Dieser Frage geht Carlos Barragán nach, nachdem seine Mutter Opfer eines Love-Scams wurde – und entlarvt in «Hi Honey» ihre Maschen.

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Sven Ahnert

Romance-Scamming funktioniert überall gleich: Ein gefälschtes Profil täuscht eine Beziehung vor, um Geld zu ergaunern. In Nigeria aber ist daraus ein eigener Wirtschaftszweig und eine bedeutende Erwerbsmöglichkeit für junge Männer geworden – begünstigt durch Englischkenntnisse, eine junge, digital sozialisierte Bevölkerung und den Mangel an einträglicher Arbeit.

Drehbuch des Liebesbetrugs

Der Investigativjournalist Carlos Barragán begleitete ein Jahr lang vier junge sogenannte «Yahoo-Boys» – benannt nach den Yahoo-Mailadressen, mit denen sie einst erste Profile anlegten – in Lagos bei ihrer Arbeit als Romance-Scammer.

Wie das Geschäft aufgebaut wird, zeigt das Playbook, ein Drehbuch für Einsteiger: «Das Playbook für Romance-Scamming sieht vor, dass man zunächst einen Social-Media-Account einrichtet, kauft oder hackt, damit man vortäuschen kann, eine andere Person zu sein, normalerweise eine attraktive weisse Amerikanerin. Es ist von Vorteil, wenn es den Fake-Account schon eine Weile gibt, weil es dann echter wirkt.»

Eine Person hält ein Smartphone über einem Tisch mit einer Tasse Kaffee.

Legende:

Der erste Schritt im Romance-Scam ist oft ein Fake-Account – damit kann man mögliche Opfer ködern.

Getty Images/Oscar Wong

Das Muster funktioniert in beide Richtungen – auch als falscher Mann für ein weibliches Opfer, wie im Fall von Chibuike. Er gibt sich monatelang als Wrestler Cody Rhodes aus und baut zu einer Irin namens Theresa eine Beziehung auf.

Was wie plumpe Täuschung klingt, ist sorgfältige psychologische Arbeit: Geduld, Empathie, Gedächtnis für private Details. Ausgezahlt wird das Ganze über das sogenannte Billing, erfundene Notlagen, für die das Opfer zahlen soll.

Seine wirksamste Masche beschreibt Barragán so: «Chibuikes erfolgreichste Taktik aber war das ‹Komme vorbei›-Billing: Er brachte Theresa dazu, Geld für Cody Rhodes’ fiktiven Flug nach Irland zu schicken. Diese Strategie war sowohl äusserst lukrativ als auch besonders grausam, weil die Opfer grosse Summen für Flüge überwiesen, damit das lange Warten endlich ein Ende hatte. In den ersten drei Jahren der Beziehung musste Theresa 25 fehlgeschlagene Besuche von Cody Rhodes ertragen.»

Tröpfchenweise in die Falle

Dass Theresa trotz der geplatzten Besuche weiterzahlte, zeigt die Lukrativität des Geschäfts. Einzelne Überweisungen bleiben klein, dafür fliesst fast täglich Geld – Giftcards, die Chibuike über Bitcoin in Naira umtauscht. Solche Beträge erklären, weshalb ganze Stadtviertel in Lagos vom Scamming leben.

Person mit grünem Pullover schaut zur Seite vor weisser Wand.

Legende:

Carlos Barragán arbeitet als Reporter für die New York Times. Aufgewachsen in Madrid, absolvierte er einen Master in Kreativem Schreiben an der Columbia University in New York. «Hi Honey» ist sein erstes Buch.

Ana Andrade/Suhrkamp Verlag

Über vier Jahre kommen so knapp 80’000 Euro zusammen: «Über die nächsten vier Jahre zockte Chibuike rund 78’000 Euro von Theresa ab – ein Betrag, für den ein Arzt in Nigeria mehrere Jahre arbeiten müsste. Das Geld floss tröpfchenweise, Giftcard für Giftcard, nie mehr als 600 Euro auf einmal.»

Nah dran an der Betrugspraxis

Wir lernen ein Geschäftsmodell kennen, das Netzkultur und Armut verknüpft. Die Stärke der Recherche liegt in ihrer Genauigkeit – im Playbook, im sogenannten Billing und in den ernüchternden Zahlen. Schwächer wird die Reportage dort, wo Carlos Barragán seinen Protagonisten sehr nahekommt: Denn die Opfer, wie Theresa, bleiben dagegen blass und anonym.

Das Buch vermittelt eine scharfe Momentaufnahme davon, wie in Nigeria ein globales Betrugsgeschäft entstehen konnte – das alte Spiel vorgetäuschter Zuneigung, neu beobachtet im sterilen Umfeld der impulsgesteuerten Netzwelt.

Buchhinweis

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Carlos Barragán: «Hi Honey. Nigerias Romance-Scam-Industrie und die Einsamkeit im Westen». Aus dem Englischen von Matthias Strobel. Suhrkamp Nova, 2026.