Eine Mutter gesteht, ihre drei Kinder getötet zu haben. Dennoch pocht sie auf ihre Unschuld – und viele US-Amerikaner empfinden Mitgefühl für sie. Der Prozess spaltet das Land.

Es ist ein Fall, der aktuell viele Menschen in den USA bewegt: Hat Lindsay Clancy den Mord an ihren Kindern geplant und ausgeführt – oder handelte sie in einer psychischen Ausnahmesituation?

Dass sie ihre Kinder getötet hat, ist unstrittig, obwohl sie selbst ihre Unschuld beteuert. Clancy hat in den USA viele Unterstützer, die jeden Prozesstag begleiten – aber auch Gegner.

Doch der Reihe nach: Was ist in dem Fall überhaupt passiert?

InhaltswarnungIn den folgenden drei Absätzen wird die Tat beschrieben, es geht auch um Suizid.Mann findet seine Familie tot und verletzt auf

Lindsay Clancy wohnt mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern in einem Haus in Duxbury im US-Bundesstaat Massachusetts. Am 24. Januar 2023 verlässt ihr Mann Patrick das Haus, um Besorgungen zu machen.

In der Zeit soll Lindsay Clancy ihre drei Kinder – Cora, fünf Jahre, Dawson, drei Jahre, und Callan, acht Monate alt – getötet haben. Die Kinder werden im Keller des Wohnhauses mit Fitness-Bändern erdrosselt.

Lindsay Clancy


Lindsay Clancy sitzt seit ihrem Suizidversuch im Rollstuhl.

© picture alliance / Greg Derr/Pool The Patriot Ledger via AP

Cora und Dawson sterben noch vor Ort, Callan einige Tage später im Krankenhaus. Nach der Tat will Clancy Suizid begehen, überlebt aber schwerverletzt. Sie ist seitdem querschnittsgelähmt und deshalb auch auf einen Rollstuhl angewiesen.

Der Mann findet seine Familie tot und verletzt zu Hause auf. Lindsay und Patrick Clancy sind mittlerweile geschieden.

Die Positionen vor Gericht

Seit Ende Juli 2026 läuft der Prozess gegen Clancy. Angeklagt ist sie wegen dreifachen Mordes ersten Grades, wie es in den USA heisst – ihr droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die Staatsanwaltschaft wirft der Krankenschwester vor, den Mord ihrer Kindern sorgfältig geplant und den Mann zu Besorgungen geschickt zu haben, um die Tat auszuführen. «Sie wusste genau, was sie tat», zitiert die «New York Times» Shanan Buckingham, stellvertretende Bezirksstaatsanwältin von Plymouth County.

Die Staatsanwaltschaft untermauerte ihre Sicht der Dinge unter anderem mit Aussagen eines forensischen Psychiaters, der Lindsay Clancy begutachtet hatte. Er bescheinigte ihr Zurechnungsfähigkeit im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Kinder.

Anders sieht den Fall die Verteidigung. Die Anwälte räumten die Taten zwar zu Beginn des Prozesses vollumfänglich ein: Lindsay Clancy habe ihre Kinder getötet. Dennoch plädiert die Verteidigung auf «nicht schuldig» wegen psychischer Probleme: Sie sei bei der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen und deswegen schuldunfähig.

Vor Gericht schilderten Ärzte Clancys medizinische Vorgeschichte: Sie beschrieben laut «New York Times» monatelange schwere Symptome einer postpartalen Depression nach der Geburt ihres dritten Kindes. Bereits nach den Geburten der ersten beiden Kinder habe sie unter Angstzuständen gelitten.

Postpartale Depression

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S

von Stefanie Unbehauen (RiffReporter)


Psychischer Zustand im Vorfeld der Tat erheblich verschlechtert

Vor dem Tod ihrer Kinder habe sie zweimal eine Suizidpräventions-Hotline angerufen. Zudem sagten ein forensischer Psychologe sowie ein Krankenhausseelsorger aus, dass sie wiederholt von einer Stimme berichtet habe, die ihr offenbar befahl, die Kinder und sich selbst zu töten. Ihr psychischer Zustand habe sich im Vorfeld der Tat erheblich verschlechtert. Ihr nunmehriger Ex-Ehemann erzählte, dass sie einen Psychiater und mehrere Ärzte aufgesucht habe, die ihr mehr als ein Dutzend Medikamente verschrieben hätten.

Susan Clancy, die Mutter des Ex-Ehemanns, sagte aus, dass ihre ehemalige Schwiegertochter in den Monaten vor der Tat «um Hilfe gebettelt habe» und die Familie «besorgt» gewesen sei.

Laut der Verteidigung nahm Lindsay Clancy zum Zeitpunkt der Tat zu viele Psychopharmaka ein und litt an einer postpartalen Psychose, einer schweren und seltenen psychischen Erkrankung nach der Geburt eines Kindes. Ihre Ärzte hätten sie nicht gründlich genug betreut.

Was ist eine postpartale Psychose?Eine postpartale Psychose tritt nur bei ein bis drei von 1.000 Frauen auf. Es handelt sich um einen medizinischen Notfall, wie Thorsten Mikoteit, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, auf dem Portal «Periparto» schreibt. Die Erkrankung tritt plötzlich auf. Zu den Symptomen gehören etwa Angstgefühle, Wahnvorstellungen und Halluzinationen, aber auch manische Symptome wie Unruhe, Reizbarkeit und aggressives Verhalten können auftreten. «Die postpartale Psychose erfordert eine schnelle Diagnose und in den meisten Fällen eine stationäre Behandlung, da sie das Wohl der Mutter, die Bindung zum Kind und die frühkindliche Entwicklung des Kindes erheblich beeinträchtigen kann», so Mikoteit.

Aufsehen erregte Ex-Ehemann Patrick Clancy, als er eine persönliche Botschaft auf einer «GoFundMe»-Spendenseite veröffentlichte: Darin schrieb er zum einen über die Trauer um seine Kinder, nahm aber auch seine Ex-Ehefrau in Schutz. «Unsere Ehe war wunderbar und wurde gerade dann umso stärker, als sich ihr Zustand rapide verschlechterte. Ich war genauso stolz darauf, ihr Ehemann zu sein, wie darauf, Vater zu sein, und empfand es stets als grosses Glück, sie in meinem Leben zu haben», schrieb er über Lindsay. «Ich möchte euch alle bitten, tief in euch selbst die Kraft zu finden, Lindsay zu vergeben, so wie ich es getan habe. Die wahre Lindsay war gegenüber jedem grosszügig, liebevoll und fürsorglich – mir gegenüber, unseren Kindern, der Familie, Freunden und ihren Patienten. Jede Faser ihrer Seele ist von Liebe durchdrungen. Alles, was ich mir jetzt für sie wünsche, ist, dass sie irgendwie Frieden finden kann.»

Viel Anteilnahme und viel Unverständnis in den USA

Wie häufig in den USA wird der Prozess live im Fernsehen übertragen, auf YouTube kann man etwa auch live darüber chatten. In sozialen Medien hat der Prozess viele Diskussionen ausgelöst – die USA sind in dem Fall gespalten.

Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender PBS berichtet von Hunderten Unterstützern Lindsay Clancys, die sich zu jedem Prozesstag meist in pinkfarbener Kleidung vor und im Gerichtsgebäude versammeln. Sie tragen Schilder mit Aufschriften wie «Frieden für Lindsay» und «Sie brauchte Hilfe». Ähnliche Nachrichten lassen sich auch im Live-Chat der Prozesstage nachlesen.

Gegenüber PBS erklärten einige Unterstützer, die Geschichte berühre sie und sie wollten auf eine unzureichende Behandlung von Frauen mit psychischen Erkrankungen im US-Gesundheitssystem aufmerksam machen. Eine Krankenschwester, die an einer Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude teilnahm, sagte, sie hoffe, der Fall trage dazu bei, das Bewusstsein für Gesundheit nach einer Geburt zu schärfen. «Ich hoffe, dass Lindsay die Betreuung bekommt, die sie braucht und verdient, und dass andere Frauen sich so zusammenschliessen wie wir heute», sagte sie dem Sender.

Kritiker werfen den Unterstützern jedoch vor, die Tötung der drei Kinder zu verharmlosen und zu entschuldigen. Das Mitgefühl sollte nicht der Mutter gelten, sondern den Kindern und der restlichen Familie, allen voran dem Ex-Ehemann, argumentieren sie in den sozialen Medien. «Liberale weisse Frauen stehen vor dem Gerichtsgebäude und unterstützen Lindsay Clancy, die ihre drei Kinder erdrosselt hat. In unserer Gesellschaft läuft etwas ganz und gar schief», heisst es etwa in einem Post auf X.

Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?

Die Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung sind für diesen Donnerstag angesetzt. Danach zieht sich die Jury zur Beratung zurück. Das Urteil wird für Ende August oder Anfang September erwartet.

Empfehlungen der Redaktion

Sollte Lindsay Clancy für schuldig befunden werden, droht ihr eine lebenslange Haftstrafe. Sollte die Jury sie nicht schuldig sprechen wegen Unzurechnungsfähigkeit, wird sie laut «ABC News» in eine staatliche geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

HilfsangeboteWenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizid-Gedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Telefonnummer 0800/1110-111 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz).Anlaufstellen für verschiedene Krisensituationen im Überblick finden Sie hier.Verwendete Quellen

Teaserbild: © picture alliance / AP Photo/Josh Reynolds