Der virtuose Sprachkünstler folgte in seinen Texten den Spuren von Gewalt, Hass und menschlicher Niedertracht. Und auch seine Fotografien haben etwas Sezierendes an sich. Nun ist Péter Nádas im Alter von 83 Jahren verstorben.

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Franziska Hirsbrunner

Es gibt eine wahre Geschichte, die viel über Péter Nádas’ Fiktion erzählt: Nádas war acht Jahre alt, als er seiner Mutter verkündete, er hasse Juden. Sie stellte ihn daraufhin vor einen Spiegel und sagte: «Schau hin, da hast du einen Juden. Du kannst ihn ruhig hassen.»

 Péter Nádas

Legende:

Das Leben und die Erzählungen von Péter Nádas sind von den Gräueltaten geprägt, die er unter den Nationalsozialisten und später von der Zensur durch die Kommunisten erlebt.

Keystone / Alessandro della Bella

Es war ein Schock für den Jungen, aber auch ein Moment der Erkenntnis, der weit über das Persönliche hinausging. Mit dem Hass und den Opfern des Hasses setzte sich Péter Nádas in seinem Werk später immer wieder schonungslos auseinander. Sein Thema waren die europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – sein Credo war das Erinnern, mochte es noch so unbequem sein.

Nicht, dass man auch nur irgendetwas vergessen könnte.

«Buch der Erinnerung» heisst sein erster grosser Roman, mit dem sich Péter Nádas 1986 in die Riege der europäischen Erzähler schrieb. Zehn Jahre hatte er an dem über 1200-seitigen Buch gearbeitet. Akribisch hielt er die weitverzweigte Familiengeschichte, sein Aufwachsen, die Entdeckung seiner Homosexualität sowie die Verheerungen von Krieg und Diktatur fest. «Nicht, dass man auch nur irgendetwas vergessen könnte», heisst es gleich zu Beginn.

Péter Nádas schlägt dabei einen weiten Bogen. Von der Belagerung Budapests durch die sowjetische Armee 1944/45 geht er weit in die Geschichte zurück, nimmt dann den Ungarnaufstand von 1956 und schliesslich die DDR der 1970er-Jahre in den Blick. Wie ein Seismograf tastet er eigene und fremde Erinnerungen ab. Die Vergangenheit erspürt er in der Gegenwart.

Ein Leben im Schatten der Unterdrückung

Er kreist dabei um Unterdrückung und Gewalt, wie sie auch sein Leben früh bestimmten. Geboren 1942 in Budapest, überlebte Péter Nádas mit seiner Familie den Holocaust in Verstecken. Seine Eltern, Antifaschisten und überzeugte Kommunisten, machten nach dem Krieg Karriere in der Kommunistischen Partei Ungarns. In den 1950er-Jahren fielen sie in Ungnade.

Die gespenstische Stimmung von Denunziationen, Verhaftungen und Verhören beschrieb der Sohn später immer wieder. Als Nádas 13 Jahre alt war, starb seine Mutter. Der Vater, verzweifelt über den Verlust seiner Frau und zermürbt vom politischen Druck, nahm sich drei Jahre später das Leben.

Péter Nádas signiert ein Buch.

Legende:

Bis 1977 verhinderte die Zensur in Ungarn die Publikation seines ersten Werks «Ende eines Familienromans».

imago images / Depositphotos

Als Erwachsener geriet auch Peter Nádas ins Visier des Regimes. Er studierte zunächst Chemie, dann arbeitete er als Fotoreporter und Journalist. 1968 stieg er aus. Er hatte genug von den Propagandalügen und zog sich aufs Land zurück, um zu schreiben. Doch seine Texte wurden von der Zensur blockiert. Sein erster Roman, «Ende eines Familienromans», erschien erst 1977.

Ein skeptischer Humanist

Péter Nádas erzählte hart, manchmal brutal. Und auch seine Fotografien haben etwas Sezierendes. Sie blieben für Nádas zeitlebens eine Form, festzuhalten und gleichzeitig zu hinterfragen. Besonders schön zeigt sich dies im Band «Etwas Licht», der Fotografien zwischen 1958 und 1998 versammelt. Sein fotografisches Oeuvre schenkte Nádas 2012 dem Kunsthaus Zug.

Sternstunde Philosophie
Archiv: Péter Nádas über seine Schreibpassion

Kultur
Laufzeit 56 Minuten.

56 Minuten

Péter Nádas, der virtuose Erzähler und Sprachkünstler, galt als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. In all seinen Texten folgte er den Spuren von Gewalt, Hass, politischen Verheerungen und menschlicher Niedertracht. Dabei befragte er sich immer auch unerbittlich selbst. Und bei aller Skepsis blieb er Humanist.

Nun ist Péter Nádas im Alter von 83 Jahren gestorben.