
Moderate Hitze reicht aus, um bei Milchkühen Entzündungs- und Gerinnungssignale auszulösen.
Susanne Meier
Häufigere und intensivere Hitzewellen belasten Milchkühe physiologisch stark. Das hat der Sommer 2026 gezeigt.
Wichtiges Hitzemanagement
Wissenschaftler des Forschungsinstituts für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf (D) konnten nun nachweisen, dass bereits moderater Hitzestress messbare Veränderungen im Blut von Holstein-Kühen bewirkt. Dazu zählen Anzeichen für Entzündungsprozesse sowie eine Aktivierung der Blutgerinnung. Gleichzeitig werden bestimmte Abwehrwege in peripheren mononukleären Blutzellen (PBMC) gedämpft. Diese Effekte traten bereits nach sieben Tagen Wärmebelastung auf und liefern Tierärztinnen sowie Milchviehbetrieben konkrete Ansatzpunkte, um Hitzestress frühzeitig zu erkennen und ihm entgegenzuwirken.
«Wenn Kühe unter Hitze leiden, reagiert der gesamte Organismus», erklärt Franziska Koch vom FBN. «Veränderungen im Blut, eine geschwächte Immunabwehr und frühe Gerinnungssignale können die Leistungsfähigkeit der Tiere mindern und ihre Anfälligkeit für Erkrankungen erhöhen», führt sie aus. Da diese Prozesse bereits bei moderaten Temperaturen beginnen, zeige, wie wichtig ein konsequentes Hitzemanagement im Stall sei.
Entzündungsprozesse werden eingeleitt
Unter diesen Bedingungen fanden die Forschenden bakterielle Bestandteile (Endo-toxine gramnegativer Bakterien) im Blut, deren Konzentration mit zunehmender Wärmebelastung anstieg. Gleichzeitig reagierte die körpereigene Immunabwehr, indem sie Entzündungsprozesse in Gang setzte, um die fremden Bestandteile aus dem Blut zu entfernen. «Parallel dazu waren bestimmte Abwehrwege gedämpft, die üblicherweise für eine gezielte adaptive Immunantwort wichtig sind», halten die Forschenden fest. Zudem wiesen die Blutplättchen auf eine aktivierte Gerinnungskaskade hin – ein Befund, der bisher vor allem bei schwerem Hitzestress mit tödlichem Ausgang bekannt ist.
Milchkühe produzieren von Natur aus viel Wärme. Wenn es draussen warm ist, kann der Körper diese Wärme nur schwer abgeben und aktiviert Kühlprozesse. Dabei kann die Darmbarriere vorübergehend durchlässiger werden, sodass Endotoxine in den Kreislauf gelangen und Entzündungsprozesse auslösen. «Die neuen Daten zeigen, dass dieser Prozess bereits bei moderater Hitze beginnt», so das FBN.
Blutgerinnung überprüfen
Für den Alltag auf Milchviehbetrieben bedeutet das: früher gegensteuern, das Stallklima verbessern, Wasser- und Fütterungszeiten in kühlere Tageszeiten verlegen und die Wasser- und Futteraufnahme im Blick behalten. Für tierärztliche Eingriffe kann es wichtig sein, die Blutgerinnung im Einzelfall im Labor zu überprüfen, um den physiologischen Zustand des Tieres besser einschätzen zu können.
Untersucht wurden Holstein-Milchkühe unter kontrollierten Bedingungen mit moderatem Hitzestress (THI 76, etwa 28 °C) über einen Zeitraum von sieben Tagen. Aus den Blutproben wurden die Abwehrreaktionen und Gerinnungssignale im Zeitverlauf erfasst. «Die Ergebnisse liefern konkrete Ansatzpunkte für ein wirksames Hitzemanagement in Ställen sowie für die tierärztliche Praxis», schreiben die Forscher.
Was bedeutet THI?
Der Temperatur-Luftfeuchtigkeits-Index (THI) ist ein Kennwert, der Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit kombiniert. Er wird bei Milchkühen benutzt, um die Schwelle zur Hitzebelastung abzuschätzen.
Für laktierende Milchkühe gilt bereits ein THI von etwa 68 als Schwellenwert mit ersten negativen Anzeichen. Ein THI von 76 entspricht ungefähr 28 °C bei mittlerer Luftfeuchtigkeit und bedeutet moderaten Hitzestress. Ein THI >78 führt zu einer Steigerung der Hitzebelastung mit negativen Auswirkungen auf die Tiergesundheit und Milchleistung.