Drohende Waldbrände im Kanton Bern | 27. August 2026
Christoph Blatter, Feuerwehrkommandant von Hasliberg, findet nach einem brenzligen Einsatz Mitte August deutliche Worte: Im Vergleich zu anderen Kantonen hätten die Feuerwehren in den Berner Bergregionen massiven Nachholbedarf. Erschwerend komme hinzu, dass sich die Wasserversorgung in höheren Lagen weiter verschärfen dürfte – in den kommenden Schweizer Sommern drohen immer häufiger Dürreperioden und trockene Wälder.
Flammen fressen sich durch die alte Scheune, schwarzer Rauch steigt über dem Haslital auf. Schnell erreicht das Feuer die trockenen Bäume hinter der kleinen Holzhütte. Zwischen den Stämmen beginnt es zu knistern, brennende Blätter werden in die Luft gewirbelt. Es habe ausgesehen «wie schwarze glühende Schneeflocken, die vom Himmel schweben», erzählt später der betroffene Bauer. Die Glutflocken landeten auf dem Heu, das in der Sonne trocknete.
«Wir hatten ganz einfach ein Riesenglück», sagt der Hasliberger Feuerwehrkommandant Christoph Blatter. Der 40-jährige Familienvater will sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn der Wald in der Unterfluh ebenfalls Feuer gefangen hätte. «Keiner, der an diesem Tag im Einsatz war, kann verstehen, wie es bei dem Scheunenbrand geblieben ist.» Das Gebäude brannte vollständig nieder. Menschen und Tiere kamen nicht zu Schaden. Warum es gebrannt hat, wird derzeit ermittelt. Der Einsatz sei «glimpflich ausgegangen», erklärt Blatter nachdenklich. Trotzdem sei dieser Vorfall eine Warnung.

Christoph Blatter, Feuerwehrkommandant von Hasliberg, blickt hinauf zur Brandruine in der Unterfluh …Fotos: Ben Abegglen

… Mitte August brannte eine Scheune nieder, nur durch grosses Glück konnte ein potenziell verheerender Waldbrand verhindert werden.Foto: Feuerwehr Hasliberg
Langsame Berner
Der derzeitige Sommer zeigt, wie schnell sich die Natur verändern kann. In der Schweiz herrschte seit dem Frühling eine ausgeprägte Trockenheit. Die Böden waren staubtrocken, die Temperaturen erreichten stellenweise neue Rekordwerte. Das Bundesamt für Umwelt sprach bald schweizweit von einer hohen bis sehr hohen Waldbrandgefahr. Es folgte unter anderem im Kanton Bern ein flächendeckendes Feuerverbot im Wald und in Waldesnähe.
Inzwischen ist die Lage etwas entspannter. Im Berner Oberland wurde das Feuerverbot wieder aufgehoben, die Gefahrenstufe liegt dort weiterhin bei «erheblich». Doch eines sei nicht mehr kleinzureden: Die Waldbrandgefahr werde nun auch für Regionen nördlich der Alpen zu einer ernsthaften Herausforderung. «Wir hinken im Vergleich um 30 Jahre hinterher», so Blatter.

Während des Scheunenbrandes sollen die Blätter der umliegenden Bäume ausgesehen haben «wie schwarze glühende Schneeflocken, die vom Himmel schweben».
Die Lehren des Südens
Feuerwehrkommandant Blatter spricht bei seinem Vergleich von den Einsatzkräften im Süden der Schweiz. «Wir müssen von den Profis im Tessin lernen.» Andere Kantone haben mit Waldbränden deutlich mehr Erfahrung als Bern. Im Wallis tobte 2003 beispielsweise der bis dahin grösste Waldbrand der letzten 100 Jahre. Oberhalb von Leuk und Susten vernichtete das Feuer rund 300 Hektar Wald und über 200’000 Bäume. Es folgten verheerende Brände in Visp 2011 und in Bitsch 2023. Entsprechend gross ist dort seither das Wissen.
Wir mussten rund 800 Meter Schlauch verlegen, um den nächsten Hydranten zu erreichen
Christoph Blatter Feuerwehrkommandant Hasliberg
Im Tessin wiederum sind Waldbrände seit Jahrzehnten Teil der Realität. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bezeichnet die Alpensüdseite als die Region der Schweiz, in der Wälder am häufigsten brennen. Dazu kommen lang anhaltende Trockenphasen, die in den vergangenen 30 Jahren häufiger geworden sind. Gemäss den offiziellen Klimaszenarien von Meteoschweiz und der ETH Zürich steuern wir zusätzlich auf massive Dürren zu, da künftig bis zu 25 Prozent weniger Regen fallen sollen.

Haslibergs Feuerwehrkommandant Blatter blickt besorgt in die Zukunft: Waldbrände dürften aufgrund der zunehmenden Trockenheit auch in den Berner Bergregionen ein grösseres Problem werden.
Fehlendes Löschwasser in den Bergen
Für die Feuerwehren macht es laut Blatter einen entscheidenden Unterschied, ob sie vor einem brennenden Gebäude stehen oder vor einem Feuer, das sich durch einen Wald frisst. Ein Gebäude hat Wände, Zugänge, definierte Brandabschnitte. Ein Wald hat das nicht. Das Feuer kann sich hangaufwärts bewegen, Funken können weit vorausfliegen, dichter Bewuchs und trockenes Material liefern zusätzlichen Brennstoff. Gleichzeitig ist das Gelände gerade im Berner Oberland vielerorts steil und unwegsam. «Wir mussten rund 800 Meter Schlauch verlegen, um den nächsten Hydranten zu erreichen», erzählt Blatter.
Tanklöschfahrzeuge kommen in den bergigen Regionen nicht überall hin. Wasser ist nicht automatisch dort verfügbar, wo es gebraucht wird. «Ein grosses Problem an vielen Orten ist das Löschwasser», bestätigt Blatter. «Wir haben den Vorteil, dass sich bei uns in der Nähe ein Skigebiet mit einem entsprechenden Verteilnetz befindet.» Trotzdem sei es unabdingbar, künftig kleine Flüsse und Bäche zu stauen. «Dies würde eine zusätzliche Sicherheit bieten.»

Die abgebrannte Scheune in Hasliberg hat eine weitere Herausforderung offengelegt: fehlendes Löschwasser in den Berggemeinden wie Hasliberg.
Vorbereitet auf langwierige Waldbrände?
Dass diese Infrastruktur entscheidend ist, zeigt erneut der Blick in jene Regionen, die schon länger mit Waldbränden kämpfen. Im Wallis, Tessin oder Graubünden wurde in den letzten Jahren gezielt in Waldbrandvorsorge investiert. Dazu gehören Löschwasserbecken für Helikopter oder auch die Ausbildung der Einsatzkräfte. Für das Berner Oberland stellt sich damit eine unangenehme Frage: Ist die Infrastruktur bereits auf einen Waldbrand vorbereitet, der über Stunden oder möglicherweise sogar über Tage bekämpft werden muss?
Ihnen sei diese Frage im Kleinen bereits vor Augen geführt worden, so Blatter. Der Löschhelikopter musste aufgeboten werden, bevor das Feuer auf den angrenzenden Wald übergreifen konnte. Die benachbarte Feuerwehr Meiringen sei ebenfalls schnell vor Ort gewesen. «Der Einsatz in Hasliberg zeigt, dass Feuerwehr, Forst und Luftunterstützung hervorragend zusammenspielen.» Und auch die Konsag AG aus Goldswil habe bei der Brandbekämpfung eine entscheidende Rolle gespielt.

Während des Löscheinsatzes ist auch ein neuartiges Sonderlöschfahrzeug einer Privatfirma zum Einsatz gekommen, mehr dazu in einem nachfolgenden Artikel.Foto: Feuerwehr Hasliberg
Zum ersten Mal sei ihr neuartiges Löschgerät zum Einsatz gekommen. Es könnte eine weitere Antwort auf die Frage sein, wie Feuer in schwierigem Gelände gezielter bekämpft werden kann. Mehr dazu in Kürze in einem nachfolgenden Artikel. Für Blatter ist es zudem wichtig, praktische Weiterbildungen für Feuerwehren voranzutreiben. «Theorie und Bücher sind das eine, die Realität ist etwas anderes.»
Anfang August trainierten 32 Feuerwehrkaderleute aus dem ganzen Kanton Bern während zwei Tagen im Eyholzwald oberhalb von Visp. Dort wurde unter möglichst realen Bedingungen der Ernstfall geprobt: Rauch im Wald, steiles Gelände, schwierige Zugänge und ein Löschhelikopter über den Baumkronen. Aufgrund des damals geltenden Feuerverbots fand die Übung jedoch ohne echtes Feuer statt. «Wir können noch sehr viel lernen», so Blatter. «Mein oberstes Ziel ist nach wie vor, dass niemand zu Schaden kommt, ob private Personen oder jemand, der im Einsatz ist. Es soll jeder wieder nach Hause kommen, und zwar gesund.»

Bei Einsätzen hat für Feuerwehrkommandant Blatter nach wie vor oberste Priorität: «Es soll jeder wieder nach Hause kommen, und zwar gesund».