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Hamburg – Es war nur ein kleiner Schnitt am Mittelfinger der rechten Hand, der Stephan Schäfer (51) fast das Leben kostete. Der Auslöser: eine Blutvergiftung! „Ich habe den Schnitt kaum bemerkt, in den ersten Tagen war da noch nicht mal ein Pflaster drauf. Doch ein paar Tage später fing es an zu pochen“, sagt der Bestsellerautor zu BILD. Erst bildete sich ein Bläschen am Finger, dann wurde er rot und innerhalb weniger Stunden plötzlich dick und schwarz. „Ich habe mich an dem Tag topfit gefühlt, dann hatte ich plötzlich Fieber, Schüttelfrost und Schmerzen.“ Um zwei Uhr nachts wurde der Schmerz so schlimm, dass der Hamburger zu Fuß ins 400 Meter entfernte Krankenhaus lief: „Ich habe erst versucht, den Schmerz mit Ibuprofen zu betäuben, irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin doch in die Klinik.“
Vor Ort diagnostizierten die Ärzte eine sogenannte nekrotisierende Fasziitis, also eine seltene, extrem schnell fortschreitende und lebensbedrohliche bakterielle Weichteilinfektion. Verursacht durch Streptokokken. Eine Not-OP, um die Entzündung aus dem Finger zu bekommen, und eine Antibiotikatherapie retteten ihm das Leben. Denn: Laut den Ärzten lag seine Überlebenschance bei 50 Prozent. „Ich lag eine Woche im Krankenhaus, musste dann aber über sechs Monate alle zwei Tage wieder hin, weil die Entzündung so stark war, dass die Wunde nicht zuwachsen wollte“, sagt Schäfer zu BILD. In dieser Zeit stand eine Amputation des Fingers immer wieder im Raum.

Stephan Schäfer erkrankte im Sommer 2022 an einer Blutvergiftung
Foto: picture alliance/dpa
„Es ist erschreckend, wie schnell man richtig schwer krank sein kann“, sagt der Bestsellerautor zu BILD. Seine Erfahrung hat er nun in einem neuen Roman „Jetzt gerade ist alles gut“ (176 Seiten, Ullstein-Verlag) verarbeitet. Das Buch soll Hoffnung geben und aufklären. Schäfer zu BILD: „Durch die Sepsis habe ich einen neuen Blick auf das Leben gewonnen: Heute finde ich die Schönheit in den kleinen Momenten.“
Schäfer ist nur einer von etwa 500.000 Sepsis-Fällen, die jährlich in Deutschland auftreten. Mehr als 140.000 Menschen sterben nach aktuellen Schätzungen jedes Jahr in Deutschland an einer Sepsis – über 380 Menschen täglich. Damit ist es die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Erschreckend: Laut der Sepsis-Stiftung könnten mindestens 190 der täglichen Todesfälle vermieden werden. Prof. Konrad Reinhart, Vorsitzender der Sepsis-Stiftung: „Zu viele Patienten versterben derzeit, weil die Diagnose zu spät gestellt wird.“ Denn: Jede Stunde Verzögerung einer Antibiotikatherapie erhöhe laut einer Studie die Sterblichkeit um 0,5 Prozent. Experten fordern deshalb einen nationalen Sepsis-Plan, der zur Qualitätssicherung im gesamten Gesundheitssystem beitragen würde.
Was ist eine Sepsis?
Das ist eine außer Kontrolle geratene Reaktion des Körpers auf eine Infektion, ausgelöst von Bakterien, Pilzen, Viren oder Parasiten. Hauptursache für eine Sepsis sei eine Lungenentzündung, gefolgt von Harnwegs- und Bauchinfektionen. „Normalerweise helfen bei einer Wunde oder Entzündung Botenstoffe im Körper, Erreger in den Griff zu bekommen. Bei einer Sepsis richten sich diese Botenstoffe aber nicht nur gegen die Erreger, sondern gegen alle Zellen. Folge: Es kommt zu Organversagen, Schock und Tod“, sagt Dr. Matthias Gründling von der Universitätsmedizin Greifswald.
Was passiert bei einer Blutvergiftung?
Sind die gefährlichen Erreger einmal im Körper, wird das Immunsystem auf ein Maximum hochgefahren, um die Eindringlinge zu bekämpfen. Bei der völlig überschießenden Abwehrreaktion werden aber fatalerweise auch gesunde Zellen und Organe zerstört. So kann es zu Hirnschäden, aber auch zum Absterben des Gewebes in den Gliedmaßen kommen.
Deshalb ist Früherkennung bei einer Blutvergiftung das A und O: Werden Patienten in der ersten Stunde behandelt, überleben 90 Prozent. Nach fünf Stunden sind es um 60 Prozent, nach 36 Stunden erholt sich nur noch jeder Fünfte wieder.
Wie kann ich eine Sepsis erkennen?
► Verdachtszeichen einer Infektion: Fieber oder Schüttelfrost, Husten, Kurzatmigkeit oder Atembeschwerden, Halsschmerzen, Bauchschmerzen, druckschmerzhafter Bauch, häufiges/schmerzhaftes Wasserlassen, trüber Urin, Schmerzen seitlich am Rücken, Ohrenschmerzen, steifer Nacken, starke Kopfschmerzen, gerötete oder erwärmte Haut, Eiteransammlung (Abszess), Schmerzen im Mund oder am Kiefer, Wirbelsäulenschmerzen.
► Zusätzliche Anzeichen, die eine Sepsis sehr wahrscheinlich machen: Verwirrtheit, Wesensänderung, Apathie, mehr als 20 Atemzüge pro Minute, oberer Blutdruckwert ist kleiner als 100.
►Zusätzliche Anzeichen akuter Lebensgefahr: ein nie gekanntes Krankheitsgefühl, veränderter Puls (unter 50 oder über 120 pro Minute), feucht-kalte oder marmoriert aussehende Haut, extreme Schmerzen.
Wichtig: Wenn eines oder mehrere dieser Anzeichen auftreten, sollten Patienten das dem Arzt bzw. Notarzt sagen „und am besten auch das Wort ‚Sepsis‘ nennen, um ihn dafür zu sensibilisieren“, rät Dr. Gründling.
Zu den Personen:
Prof. Konrad Reinhart ist Vorstandsvorsitzender der Sepsis-Stiftung und Senior-Professor an der Charité in Berlin. Er war von 1993 bis 2016 Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum der Friedrich‑Schiller‑Universität Jena.Dr. Matthias Gründling arbeitet als Intensivmediziner an der Universitätsmedizin Greifswald. Er leitet das Qualitätsmanagementprojekt SepsisDialog und ist Leiter der Arbeitsgruppe Klinische Sepsisforschung.Wer erkrankt daran?
Es kann jeden treffen, aber Sepsis sei vor allem eine Krankheit des Alters. „Je älter ein Mensch ist, desto schlechter funktioniert seine Immunabwehr und desto mehr Risikofaktoren bringt er mit, wie Vorerkrankungen oder Medikamente, die die Immunabwehr schwächen“, so der Experte. Auch Säuglinge seien stärker gefährdet, weil ihr Immunsystem noch nicht stark entwickelt sei. Viele, die eine Sepsis überleben, leiden unter Folgen wie u.a. Müdigkeit, kognitive Einschränkungen, Depressionen, chronische Schmerzen. Berufs- und Leistungsfähigkeit können stark eingeschränkt sein. Ein Drittel der Patienten wird pflegebedürftig. Nicht selten kommt es im Krankheitsverlauf zur Amputation von Gliedmaßen.
Mehr zum ThemaKann ich mich schützen?
Prof. Reinhart: „Der beste Weg ist die Verhinderung von Infektionen bzw. deren konsequente Behandlung. Impfungen helfen dabei besonders kleinen Kindern, Älteren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem.“ Auch die Desinfektion von Wunden kann helfen, Infektionen zu vermeiden.
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