Ob auf dem Weg zur Arbeit, in einem wichtigen Termin oder auf Reisen – Menschen mit Reizdarmsyndrom kennen das unangenehme Gefühl, wenn sich plötzlich alles nur um die nächstgelegene Toilette dreht. Lara von Gadenstedt ist Ernährungstherapeutin und ehemalige Betroffene. Wir haben mit ihr gesprochen.

Stuhlgang ist für viele Menschen ein Tabuthema. Was aber, wenn der Darm das Kommando über den Alltag übernimmt? Betroffene des Reizdarmsyndroms (RDS) haben oftmals das Gefühl, «vom eigenen Körper ferngesteuert zu werden», schreibt Lara von Gadenstedt in ihrem Buch «1-Minuten-Strategie Reizdarm».

Im Interview spricht die ehemalige RDS-Patientin über typische Symptome und Mythen rund um die Erkrankung, die sich hartnäckig halten. Darüber hinaus ordnet sie ein, welche Rolle Stress spielt und warum sich viele Betroffene von ihren Ärztinnen und Ärzten nicht ernst genommen fühlen.

Frau von Gadenstedt, wie lässt sich ein Reizdarmsyndrom diagnostizieren?

Lara von Gadenstedt: Das Reizdarmsyndrom ist eine reine Ausschlussdiagnose. Betroffene müssen also über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten Beschwerden haben, die die Lebensqualität entsprechend beeinflussen. Im Zuge der Diagnostik geht es dann unter anderem darum, eine Zöliakie oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen auszuschliessen. Manchmal stecken auch harmlosere Faktoren, etwa ein noch nicht vollständig auskurierter Magen-Darm-Infekt, hinter den Beschwerden. Die Ausschlussdiagnose kann nur von Fachärztinnen oder Fachärzten gestellt werden.

Was sind typische Reizdarm-Symptome?

Das wohl typischste Symptom ist der Blähbauch. Grundsätzlich können die Symptome sehr unterschiedlich sein. Es gibt Betroffene, die stark mit Verstopfung zu tun haben, während andere an Durchfall leiden. Dann gibt es die Mischtypen, die sowohl Verstopfung als auch Durchfall im Wechsel haben. Das ist eine grosse Herausforderung, weil die Betroffenen nie wirklich wissen können, was sie konkret erwartet, wenn sie in den Tag starten.

Fakten zum ReizdarmsyndromDas Reizdarmsyndrom (RDS, engl. Irritable Bowel Syndrome, IBS) ist eine der häufigsten Magen-Darm-Erkrankungen und äussert sich durch wiederkehrende Bauchschmerzen in Verbindung mit Durchfall, Verstopfung oder einer Kombination der Symptome.Als häufigste Ursachen gelten eine gestörte Darm-Hirn-Kommunikation mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit des Darms, vorausgegangene Magen-Darm-Infektionen, die das Risiko einer späteren Erkrankung deutlich erhöhen können, sowie Veränderungen der Darmflora, eine gesteigerte Durchlässigkeit der Darmwand, Nahrungsmittelunverträglichkeiten (etwa gegenüber FODMAPs) und psychische Faktoren wie Stress, Angst oder Depressionen.FODMAP ist die Abkürzung für eine Gruppe von kurzkettigen Kohlenhydraten und Zuckeralkoholen, die im Dünndarm schlecht aufgenommen werden und dadurch weitgehend unverdaut in den Dickdarm gelangen. Bei gesunden Menschen verursacht das meist keine Beschwerden, bei Menschen mit Reizdarmsyndrom reagiert der Darm jedoch oft stark.Die Behandlung richtet sich individuell nach den Symptomen und umfasst Massnahmen wie Ernährungsanpassungen (etwa eine Low-FODMAP-Diät), Bewegung und Stressreduktion, medikamentöse Therapien gegen mögliche Schmerzen, Durchfall oder Verstopfung sowie bei Bedarf psychotherapeutische Verfahren. Eine ursächliche Heilung ist bislang nicht möglich, die Symptome können aber gut gelindert werden.Schätzungen gehen davon aus, dass etwa elf Prozent der Weltbevölkerung betroffen sind.

Wie sieht der Alltag betroffener Menschen aus?

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Der Begriff Alltag impliziert, dass jeder Tag nach einem ähnlichen Muster abläuft. Menschen mit RDS haben einen solchen Alltag nicht, weil vieles schlichtweg unvorhersehbar ist. Trotzdem spielt die Erwartung eine elementare Rolle: Gehen Betroffene mit einer negativen Haltung in den Tag und malen sich diverse Horrorszenarien aus, kann eine Verstärkung der Symptome auftreten.

Viele Betroffene wachen morgens ohne Symptome auf. Erst im Lauf des Tages bauen sich, häufig stressbedingt, Beschwerden auf. In der Folge nehmen sie starkes Spannen im Bauch wahr oder suchen mehrfach und lange eine Toilette auf. Häufig treten die meisten Symptome in den Nachmittags- oder Abendstunden auf. Denn zu dieser Tageszeit fährt der Körper runter und geht in die Entspannung.

Das klingt nach einer herausfordernden Ungewissheit für die Betroffenen …

So ist es. Wir Menschen brauchen das Gefühl, Kontrolle zu haben oder in etwa zu wissen, was auf uns zukommt. RDS-Betroffenen fehlt diese Kontrolle leider häufig, was ihre Situation entsprechend erschwert.

Wer schon einmal Magen-Darm-Probleme hatte, wird die Reaktion «Das liegt sicher am Stress» kennen. Ist RDS auch nur etwas zu viel Stress?

Viele Betroffene fühlen sich von Ärztinnen und Ärzten mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen, weil Stress häufig als Grund für jegliche Beschwerden genannt wird. Der Ratschlag, Stress zu reduzieren, ist sicher nicht verkehrt – nur hilft er Betroffenen mit akutem Leidensdruck nicht wirklich. Trotzdem wäre es nicht richtig zu behaupten, Stress oder die Psyche spiele überhaupt keine Rolle. Reizdarm kommt nicht von heute auf morgen, sondern entsteht häufig über viele Jahre. Insofern gibt es durchaus Verbindungen. Letztlich ist Reizdarm eine chronische Darmerkrankung, bei der die Darm-Hirn-Achse gestört ist. In der Folge entstehen Probleme im Gehirn, im Darm oder in der Kommunikation zwischen beiden.

Welche hartnäckigen Mythen rund um das Reizdarmsyndrom begegnen Ihnen immer wieder?


Lara von Gadenstedt gibt in ihrem Buch Tipps für den Alltag von Reizdarm-Betroffenen.

© Gräfe und Unzer Verlag/Lara von Gadenstedt

Ein typischer Mythos ist, dass Reizdarm ausschliesslich mit der Ernährung zusammenhängt. Als Ernährungswissenschaftlerin erlebe ich es häufig, dass Betroffene von ihren Ärztinnen und Ärzten zu mir geschickt werden – in der Annahme, dass durch die richtige Ernährung alles wieder gut wird. Doch das RDS verschwindet nicht, weil die Betroffenen etwas mehr Ballaststoffe zu sich nehmen. An dieser Stelle muss ich in meiner Arbeit an mehreren Punkten ansetzen: Denn neben einer ausgewogenen Ernährung spielen nun mal Faktoren wie Stress und auch die innere Einstellung eine Rolle.

Ein weiterer Mythos ist die Annahme, es würde ausreichen, das eigene Mikrobiom zu analysieren, um dem Reizdarmsyndrom auf die Schliche zu kommen. Natürlich ist es spannend zu erfahren, wie das eigene Mikrobiom aufgebaut ist. Trotzdem ist es meiner Meinung nach nicht der richtige Ansatz, das RDS ausschliesslich mit dem Mikrobiom in Verbindung zu bringen. Denn das Mikrobiom verändert sich jeden Tag – insofern macht es keinen Sinn, mithilfe eines Tests einen langfristigen Therapieplan zu erstellen.

RDS gilt grundsätzlich als nicht heilbar. Trotzdem bezeichnen Sie sich selbst als ehemalige Reizdarm-Patientin.

Richtig. Nur in den seltensten Fällen sind Reizdarm-Betroffene in Remission (vorübergehendes oder dauerhaftes Nachlassen der Symptome; Anm. d. Red.). Ich für meinen Teil habe meine Symptome und Beschwerden inzwischen so sehr im Griff, dass ich mich heute selbst als ehemalige Patientin bezeichne. Denn das RDS beeinträchtigt – anders als noch vor etwa zehn Jahren – meine Lebensqualität nicht mehr. Der Weg zu meinem heutigen Status quo war lang und beschwerlich und auch heute durchlebe ich noch immer Phasen der Beschwerden, keine Frage.

«Reizdarm ist eine sehr komplexe und individuelle Erkrankung.»

Lara von Gadenstedt, Psychologin und Ernährungswissenschaftlerin

Meiner Meinung nach liegt der Dreh- und Angelpunkt darin, genau zu benennen, wie sehr die Erkrankung Betroffene in ihrer Lebensqualität einschränkt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es Betroffene gibt, die über Jahrzehnte mit schweren Beschwerden leben müssen – ohne dass Massnahmen greifen oder Linderung verschaffen. Je länger der Zeitraum der Symptome, umso schlechter sind häufig die Aussichten auf eine Verbesserung dieses Zustands. Reizdarm ist eine sehr komplexe und individuelle Erkrankung.

Können durch RDS auch Folgeerkrankungen entstehen?

Ja, 60 bis 70 Prozent der RDS-Betroffenen haben mit psychischen Erkrankungen zu tun. Mit Blick auf körperliche Erkrankungen scheint Reizdarm – nach jetzigem Forschungsstand – aber keinen Einfluss auf mögliche Darmkrebserkrankungen zu haben.

In Ihrem Buch widmen Sie sich schnell umsetzbaren Methoden, um RDS zu lindern. Welchen Ratschlag geben Sie Betroffenen bei akuten Beschwerden?

Ein Geheimrezept gibt es leider nicht, zumal damit die Komplexität der Erkrankung falsch und zu klein dargestellt werden würde. RDS beinhaltet, an diversen Symptomen zu leiden – das macht den Umgang damit auch so herausfordernd. Trotzdem denke ich, dass die Frage danach, was Betroffene brauchen, um sich wohl und sicher zu fühlen, im Fokus stehen sollte. Betroffenen ist es wichtig, die Kontrolle zu behalten. Insofern gilt es, das Nervensystem zu beruhigen, ehe Unruhe oder Panik sich in Form von Darmsymptomen zeigt. Idealerweise gelingt es den Betroffenen also, mögliche Horrorszenarien im Kopf durchzuspielen und abzuwägen, wie man im Fall der Fälle auf sie reagieren könnte. Somit kann eine akute Situation entsprechend entschärft werden.

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Was raten Sie Menschen, die aus Angst vor Beschwerden Probleme damit haben, das Haus zu verlassen und soziale Kontakte zu pflegen?

Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass die Dinge nicht perfekt laufen. Betroffene sollten sich meiner Meinung nach von Perfektionismus oder der vermeintlich 100-prozentigen Kontrolle über die Erkrankung lösen. Neben einer ausgewogenen Ernährung geht es also darum, sich den Themen zu widmen, die die Menschen im Alltag beschäftigen – das kann Stress im Job oder eine Herausforderung innerhalb der Familie sein. In der Folge muss das Problem häufig auch auf psychologischer und ganzheitlicher Ebene betrachtet werden.

Über die GesprächspartnerinLara von Gadenstedt ist Psychologin und Ernährungswissenschaftlerin, die Menschen mit Magen-Darm-Erkrankungen begleitet. Dabei verbindet sie Ernährungstherapie mit psychologischen Strategien. Darüber hinaus berät sie die Basketball Löwen Braunschweig im Bereich Ernährung.