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Bern/Zürich/Basel – Sie ist süß, weltberühmt – und spült Milliarden in die Kassen: Schweizer Schokolade ist nicht nur zartschmelzende Nascherei, sie ist ein vollnussiges Business. Jedes Jahr setzt die Branche laut ihrem Verband „Chocosuisse“ deutlich über zwei Milliarden Franken (2,4 Milliarden Euro) um. Und das meiste davon kommt aus dem Ausland. Zwei Drittel der Schoggi (Schwiizerdütsch für Schokolade) gehen auf Weltreise – von Berlin bis Tokio, von New York bis Dubai.

Der Grund: Schweizer Schokolade gilt als Luxus. Höchste Qualität, starke Marken, jahrzehntelange Tradition – die Westschweiz gilt als Wiege der Schokoladenindustrie im 19. Jahrhundert. Selbst steigende Kakao-Preise können dem Boom kaum etwas anhaben. Wer „Swiss Chocolate“ kauft, zahlt gern mehr – für das gute Gefühl, Premium im Mund zu haben.

Obwohl der Kakao aus Übersee kam, ermöglichten Automatisierung (Wasserkraft) und die Verbindung von Kakaoverarbeitung mit der Milchwirtschaft den Aufstieg der Schweizer Schokolade – heute ein geschützter Herkunftsbegriff wie in Deutschland die Thüringer Rostbratwurst

Obwohl der Kakao aus Übersee kam, ermöglichten Automatisierung (Wasserkraft) und die Verbindung von Kakaoverarbeitung mit der Milchwirtschaft den Aufstieg der Schweizer Schokolade – heute ein geschützter Herkunftsbegriff wie in Deutschland die Thüringer Rostbratwurst

Foto: Madlen Krippendorf

Schoggi-Erlebnisse locken Touristen ins Land

Doch die Schoggi wirkt nicht nur in den Regalen. Sie lockt auch Touristen in Scharen ins Land. Schokoladen-Reisen sind derzeit ein wachsender Trend, denn Urlauber suchen heute vermehrt Erlebnisse statt nur Sehenswürdigkeiten. Dazu gehört in diesem Falle, nicht einfach nur Schokolade zu essen, sondern hinter die Kulissen zu blicken:

Wie wird sie gemacht? Woher kommt der Kakao? Und wie schmeckt sie frisch vor Ort? Dazu kommen Workshops und Verkostungen. Diese Nachfrage befeuert ein wachsendes Marktsegment im Tourismus, ähnlich Wein- und Spirituosenreisen, Käse- und Kulinarik-Reisen, Literatur- und Buchreisen.

Ein Chocolatier leitet im „Maison Cailler“ einen Workshop an, der zum Ziel hat, eine individuelle Tafel Schokolade zu kreieren

Ein Chocolatier leitet im „Maison Cailler“ einen Workshop, der zum Ziel hat, eine individuelle Tafel Schokolade herzustellen

Foto: Madlen Krippendorf

Fast zwei Millionen Besucher

Laut Branchenberichten besuchten in den vergangenen Jahren fast zwei Millionen Menschen die fünf größten Schokoladen-Erlebniswelten in der Schweiz. Die Schoko-Touristen pilgern zu Schokoladen-Tempeln wie dem „Lindt Home of Chocolate“ bei Zürich, dem „Camille Bloch Besucherzentrum“ in Courtelary (Berner Jura) oder zur Schau-Schokoladenfabrik „Maison Cailler“ in Broc (Westschweiz). Dort gibt’s riesige Schoggi-Brunnen, Duft von Kakao in der Luft – und am Ende natürlich: Gratis-Kostproben!

Schokoladenunternehmer Daniel Bloch (62, in dritter Generation) im „Camille Bloch Besucherzentrum“ – knapp 200 Mitarbeiter stellen hier seit mehr als 80 Jahren u.a. den Schokoriegel „Ragusa“ her

Schokoladenunternehmer Daniel Bloch (62, in dritter Generation) im „Camille Bloch Besucherzentrum“ – knapp 200 Mitarbeiter stellen hier seit mehr als 80 Jahren u.a. den Schokoriegel „Ragusa“ her

Foto: Madlen Krippendorf

Beispiel Schoggi-Stadtrundgang: Auch deutschlandnah in Basel, dem einstigen Drehkreuz für Handel und Export von Schokolade (für den Schiffsverkehr praktisch gelegen am Rhein), findet man überall Schoggi. Wer hier geführt („Xoco Tour Basel“) durch die Innenstadt flaniert, landet u.a. bei „Schiesser“ auf eine heiße Schokolade im ältesten Kaffeehaus der Schweiz. Über 150 Jahre gibt es das Haus mit Backstube und handgefertigten Pralinen schon.

Einer, der sich schon sehr lange hält, heisst Schiesser. In vierter Generation führt Stephan Schieser die gleichnamige Confiserie mit dem dazugehörigen Tea Room am Marktplatz. Im Jahr 1870 gründete sein Urgrossvater die Confiserie, seither ist das Haus in Schiesser-Händen. Stephan Schiesser wuchs darin auf.

Schoggi kann man auch trinken: In vierter Generation führt Stephan Schiesser (69) die gleichnamige Confiserie in Basel – das älteste Kaffeehaus der Schweiz

Foto: Madlen Krippendorf

Fakt ist: Schokolade ist zum Tourismusmagneten geworden. Stadtführungen, Erlebniswelten, Workshops – überall heißt es: schauen, staunen, probieren. Für Hotels, Restaurants und Souvenir-Läden ein süßes Zusatzgeschäft.

Und die Strategie geht auf: Wer Schweizer Schokolade vor Ort erlebt, kauft sie später auch zu Hause. Tourismus wird Werbung, Schokolade wird Markenbotschafter.

Die kleine Geschichte der Schweizer Schokolade

Der Ursprung der Schoggi liegt im frühen 19. Jahrhundert, primär in der Genferseeregion (Vevey, Lausanne) und im Kanton Neuenburg, wo Pioniere wie François-Louis Cailler (1819) und Philippe Suchard (1826) die ersten mechanisierten Schokoladenmanufakturen gründeten. 1826 folgte Philippe Suchard in Serrières bei Neuchâtel, und 1836 eröffnete David Sprüngli in Zürich seine Confiserie.

Die Markennamen von Rodolphe Lindt und David Sprüngli sind fest mit der Schweizer Schokolade verbunden

Die Markennamen von Rodolphe Lindt und David Sprüngli sind fest mit der Schweizer Schokolade verbunden

Foto: Madlen Krippendorf

Diese Schlüsselinnovationen begründeten den Weltruf:

1826: Philippe Suchard erfand den „Mélangeur“, eine Maschine zur Vermengung von Zucker und Kakaopulver.

1875: Daniel Peter erfand nach langem Experimentieren mit Kondensmilch (von Henri Nestlé) die feste Milchschokolade.

1879: Rodolphe Lindt erfand in Bern das Conchierverfahren, das Schokolade zartschmelzend machte. Dieser Vorgang entfernt unerwünschte Feuchtigkeit und Bitterstoffe, umschließt Zucker- und Kakaopartikel mit Fett und sorgt so für den typischen zarten Schmelz und ein harmonisches Aroma.