Kunstbetrachtung ist ja auch eine intime Angelegenheit. Bei der politischen Eröffnung des in ganz Rom mit der traurigen blauen Velázquez-Infantin plakatierten Gastauftritts des Kunsthistorischen Museums im Palazzo Cipolla durch Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen und Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella Mittwochabend waren die Medien jedenfalls nicht erwünscht. Die vom KHM mitgenommenen Journalisten, darunter von der „Presse“, mussten also am Tag danach beim Presserundgang erfragen, wie es Mattarella denn so gefallen habe. Er sei sehr beeindruckt gewesen, weiß KHM-Generaldirektor Jonathan Fine zu berichten. „Vor allem von den Italienern.“ Sehr italienisch.

Tatsächlich sind einige der Hauptwerke der italienischen Meister aus der Gemäldegalerie unter den 50 Exponaten, tatsächlich hat man sie teils noch nie derart schön präsentiert gesehen. Durch Herausleuchten in relativem Dunkel und durch intensive Wandfarben wird ihr Eindruck stark gesteigert. Die niederen Räume, nicht mit den hohen Galerieräumen in Wien zu vergleichen, tun ihr Übriges zum direkteren Erleben. Davon profitiert weniger die Venezianische Schule (Veroneses sanfte Judith etwa hält mehr zufällig ein abgeschlagenes Holofernes-Haupt in Händen) als die auf Hell-Dunkel-Effekte ausgerichtete römische, wenn etwa Guido Cagnaccis Händeballett um den hell erstrahlenden Körper der an Schlangengift sterbenden Cleopatra fast filmisch zu tanzen anhebt. Und natürlich bei Caravaggio.

Nicht einmal in Rom hat man wie das KHM gleich drei Caravaggio-Werke in einem einzigen Museum versammelt. Nur eines der drei Wiener Bilder aber darf überhaupt reisen: Die brachiale Dornenkrönung Christi (1603) bildet das fulminante abschließende Solo der Ausstellung „Von Wien nach Rom“. Allein hängt es in einem schmalen Raum, der wie ein Guckkasten zu funktionieren beginnt, in dem man sich wie ein direkter Zeuge der Folter wiederzufinden scheint, die sich da in dramatischer dreidimensionaler Augentäuschung vor einem abspielt. Ein Soldat in delikat glänzendem Harnisch beobachtet, lässig mit der Hand abgestützt, ebenfalls die Szene, in der zwei halbnackte Gesellen mit Stäben auf den ebenfalls halbnackten Christus einwirken, damit die Dornenkrone sich noch tiefer in den Kopf bohrt. Die gedehnte rechte Halspartie leuchtet nur so vor Schmerz. Der Körper wirkt schwach, „ganz ohne Sixpack wie sonst üblich“, sagt Fine.

Vor dem Caravaggio aus Wien staut es sich, auch bei den Präsidenten: Sergio Mattarella und Alexander Van der Bellen am Mittwochabend in der Ausstellung des Kunsthistorischen Museums im Palazzo Cipolla.

Vor dem Caravaggio aus Wien staut es sich, auch bei den Präsidenten: Sergio Mattarella und Alexander Van der Bellen am Mittwochabend in der Ausstellung des Kunsthistorischen Museums im Palazzo Cipolla. Imago / Ammendola Press Office / Avalon

Ja, man habe hier bei der Gestaltung der Ausstellung einiges ausprobiert, erklärt der Direktor weiter, auf die Anregung hin, den Caravaggio doch bitte nie mehr anders als so auszustellen. Mal sehen, was sich davon nach Wien übertragen lässt. Für diesen Auftritt hat das KHM erstmals mit einem neapolitanischen Architekturbüro zusammengearbeitet, das Künstliche Intelligenz zu Rate zieht. Etwa, um die auffällig kräftigen Wandfarben zu erzielen, die man in Wien vor allem aus der Albertina unter Klaus Albrecht Schröder kennt. Man gab, erklärt Fine, alle Farben der in einem Raum befindlichen Gemälde ein, und daraus wurde eine Art Grundfarbe ermittelt. Tiefes Dunkelgrün etwa für den ersten Saal, das man am ehesten im Blumenstillleben Jan Brueghel d. Ä. entdeckt. Grau für die Flamen, was Frans Hals‘ Jungherren-Porträt eindeutig mehr Tiefe verleiht. Gewöhnungsbedürftiges Senfgelb für das Trompe-l’œil der zwei hängenden Fische von Sebastian Stoskopff, das dadurch ein bisschen wie ein Ikea-Poster wirkt. Und eben sattes Weinrot für die Italiener.

Der Hl. Josef im Tiefschlaf, Mutter Maria bei der Arbeit: Orazio Gentileschis „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“, 1622-28.

Der Hl. Josef im Tiefschlaf, Mutter Maria bei der Arbeit: Orazio Gentileschis „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“, 1622-28. KHM Verband

Hier macht man selbst als Wienerin noch eine Entdeckung, und sogar als (frischer) KHM-Generaldirektor, wie Fine zugibt: die fast panoramahaft über zwei Meter breite, nur rund 140 Zentimeter hohe Ansicht der Heiligen Familie, die sich auf der anstrengenden Flucht nach Ägypten kurz zur Ruhe gebettet hat (siehe Abb.). Josef scheint vor Erschöpfung bei der Eselsführung in sofortigen Tiefschlaf gefallen, während Maria munter ihren mütterlichen Pflichten nachzukommen hat, der Säugung, während das Riesenbaby sein Auge unablässig auf uns richtet. Seine Mission hat eindeutig begonnen.

Das lässt uns nicht kalt: So nahe fühlt man sich, auf Augenhöhe mit dieser (scheinbaren) Idylle. Aber üblicherweise hängt dieses malerische Meisterwerk (die Haare Mariens!) über dieser Augenhöhe, in der zweiten Reihe, sozusagen im Juche des Saals der Caravaggisten in Wien. Vermutung: Das wird Fine oder seine neue Gemäldegalerie-Direktorin Jennifer Sliwka demnächst ändern. Noch zwei weitere Gemälde des Vaters der heute viel berühmteren Artemisia Gentileschi verwahrt das KHM in seiner Sammlung. Wäre doch immerhin ein Aufhänger für eine Vater-Tochter-Ausstellung im Haus am Ring.

Um dieses Haus und dessen Architektur geht es recht ausführlich im Prolog der römischen Ausstellung. Man zieht eine Verbindung zwischen den historistischen Architekten Semper und Hasenauer zum Neorenaissance-Architekten des Palazzo Cipolla, Antonio Cipolla (1820-1874), der mit Hasenauer sogar befreundet war und wie Semper 1848 gegen die Monarchie kämpfte. Wie bei den Wandfarben bediente man sich auch hier der KI und arrangierte als große Videoprojektion einen fiktiven Dialog der drei Männer zu einem doch recht fragwürdigen ersten Auftakt dieser Schau.

Guido Cagnacci, Selbstmord der Cleopatra, 1661-62

Guido Cagnacci, Selbstmord der Cleopatra, 1661-62 KHM Verband

Doch die glückliche Architekten-Verbindung war ein Zufallsfund auf dem Weg zu dieser Kooperation des KHM mit der Fondazione Roma, die in diesem und dem gegenüberliegenden Palazzo ihre Kunstagenden bündelt. Die Stiftung geht auf eine römische Stadtbank zurück, man könnte also den Palazzo Cipolla in Wien mit dem ehemaligen BA Kunstforum vergleichen. Eingefädelt wurde die Ausstellung vom aktuellen Theatermuseums-Direktor Franz Pichorner, der für derartige internationale Auftritte des KHM viele Jahre zuständig war. Diese sind in der Regel mit einer Leihgebühr verbunden und für das Museum lukrativ. Wie viel in diesem Fall geflossen ist, darüber vereinbarte man allerdings Stillschweigen, so die Auskunft von KHM-Kaufmann Paul Frey.

In naher Zukunft seien jedenfalls keine weiteren internationalen Groß-Ausstellungen geplant, erklärt Fine. Die Umstände dafür hätten sich geändert. Die Kosten für die Transporte seien stark gestiegen, was für den asiatischen Markt ein Problem sei. Die politische Lage in den USA (die Unsicherheit der Einreise für die begleitenden Kuriere der Werke etwa) und im Nahen Osten kämen ihm nicht sicher genug vor. „Ich möchte nicht als der Generaldirektor in die Geschichte eingehen, dem eine Rakete in den Caravaggio gekracht ist.“

Da Vienna a Roma. Le Meraviglie degli Asburgo dal Kunsthistorisches Museum, Museo del Corso-Polo Museale, Palazzo Cipolla, bis 5. Juli.

Compliance: Dieser Artikel wurde durch die Übernahme der Reisekosten durch das KHM unterstützt.