Die Rückkehr des Entertainers auf den Bildschirm ist für RTL bisher ein einziges Desaster. Nun versucht er sich an einer neuen Quizshow. Wenn die nicht endlich Erfolg bringt, wird es eng – und nicht nur für ihn.

Es wirkt im Nachhinein geradezu prophetisch, dass Stefan Raab am 14. September 2024 zur Rückkehr auf den Bildschirm nach fast zehn Jahren kompletter Abstinenz ein schwarzes T-Shirt trug, auf dem in gelben Lettern „Pa aufs Maul“ stand. Die bekam er an diesem Abend tatsächlich, er verlor zum insgesamt dritten Mal gegen die ehemalige Boxweltmeisterin Regina Halmich. Sechs Runden lang gab es Prügel, aber immerhin, muss man aus heutiger Sicht sagen: Raab ging nicht K.o. 

Niemand hätte an diesem Abend im September 2024, der Raabs neuem TV-Partner RTL mehr als 50 Prozent Marktanteil in der vom Sender umworbenen jungen Zielgruppe (14 bis 49 Jahre) brachte, gedacht, dass es der einzige Triumph für den Showhelden von gestern nach seiner Rückkehr bleiben würde. Bis jetzt.

An den kommenden beiden Samstagabenden zur besten Sendezeit von 20.15 Uhr startet RTL nämlich den nächsten Versuch, den „Return on Investment“ (ROI) für den teuren Einkauf etwas weniger desaströs zu gestalten. Diesmal soll es ein „Generationen-Quiz“ sein. Es trägt einen (Raab-typisch kaum merkbaren) Titel namens „Wer weiß wie wann was war?“, drei Generationen sollen dabei mit- und gegeneinander antreten.

Der Modus klingt kompliziert, die Aufzeichnung geriet bereits zur halben Panne, weil zur Karnevalszeit, in der sie stattfand, kaum Zuschauer und Kandidaten ins Studio kommen konnten oder wollten. Raab wird nicht allein auf die Generationen losgelassen, an seiner Seite als gleichberechtigte Moderatorin stellt RTL eine Frau, die sich mit der Pflege rüstiger Showsenioren (Gottschalk, Jauch) auskennt: Barbara Schöneberger. Raab und Schöneberger kennen sich vom ESC-Vorentscheid 2024, den die ARD einmalig gemeinsam mit RTL und Raab als Chefjuror („Chefsache ESC“) veranstaltete.

Für Raab, den RTL in der günstigsten Schätzung für fünf Jahre mit einem Gesamtbudget von 90 Millionen Euro (für Produktionen und exklusive Rechte) verpflichtete, geht es längst um seinen Ruf als Entertainer und TV-Macher. Und für RTLs Inhaltechefin, die Österreicherin Inga Leschek („Chief Content Officer“), die Raabs Comeback groß feierte, geht es mittlerweile auch um ihren Job. Die beklagte sich schon, dass RTL zu sehr auf Raab reduziert werde. Das mag sein, aber wenn Raab nicht langsam etwas mehr liefert als schlechte Quoten und miese Schlagzeilen (etwa, wenn in seiner „Stefan Raab Show“ ein Filmchen über das „Betrüger-Gen“ eines erfundenen jüdischen Onkels von Gil Ofarim fabuliert wird), dann dürfte die Geduld mit Leschek bei Bertelsmann, deren Cashcow RTL Deutschland viele Jahre war, enden.

Im November hatte Leschek im „Spiegel“ bereits eine neue Argumentationskette für den Wert von und Umgang mit Raab bemüht. Sie argumentierte, es käme bei Raab gar nicht rein auf die Quote an – was bei einem Mainstream-Privatsender schon abenteuerlich wirkt –, sondern: „Man braucht Menschen wie Raab, die für Gesprächsstoff sorgen, besonders jetzt, da der Fernseh- und Streamingmarkt so fragmentiert ist wie noch nie“, behauptete Leschek und verwies auf Tausende Artikel über Raab, zu denen hiermit ein weiterer hinzukommt.

RTL-Chef Stephan Schmitter beklagte in etwa zur gleichen Zeit, dass die Werbeerlöse im klassischen Fernsehen seit 2019 um 20 Prozent gesunken seien. Kurz darauf verkündete der Sender, 600 Vollzeitstellen abbauen zu müssen.

Was aber genau ist so schiefgelaufen, seit Regina Halmich die einstige „Killerplauze“ quotenträchtig ein letztes Mal vermöbelte? Was hat dazu geführt, dass Shows wie „Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab“ bereits nach weniger als einem Jahr wieder eingestellt wurden, und wirklich kein einziges Showformat bisher die Erwartungen erfüllen konnte. Nicht die Erwartungen der Zuschauer an innovatives oder zumindest halbwegs interessantes Fernsehen; nicht die von RTL, die – auch wenn sie es kaum zugeben wollen – mit Sicherheit Quoten erwartet haben, die oberhalb des Senderschnitts liegen. Und nicht, wie meist bei Raabs Shows, eher darunter.

Was wohl niemand erwartet hat, nicht die Zuschauer, nicht die Kritiker, vermutlich nicht einmal RTL: Dass da jemand zurückkommt, der einfach exakt das Gleiche macht wie „vor 2015“ – und ganz offenbar keinerlei Ambition und Neugierde mehr hat, irgendetwas daran zu ändern. In jeder Hinsicht.

Es begann direkt nach dem Boxkampf mit einer Show, die „Du gewinnst hier nicht die Million (bei Stefan Raab)“ (DGHNDM) hieß und eine Mischung aus „TV Total“ (Stand-up-Comedy, Einspieler) und „Schlag den Raab“ (Spiele um eine hohe Geldsumme) war. Sie lief zunächst exklusiv auf dem Streamingportal von RTL, um Abonnenten zu gewinnen, ab Februar 2025 dann im linearen Fernsehen (bis Juni).

Es folgten das Schlag-den-Raab-in-Altersteilzeit-Format „Stefan und Bully gegen irgendson Schnulli“, nachts spielt Raab bei RTL auch wieder Poker. Mittlerweile gibt es die RTL-Version von „TV Total“, die natürlich nicht so heißen darf, sondern „Die Stefan Raab Show“. Sie funktionierte bisher aber auch nur während des Dschungelcamps als ganz spätes Betthupferl recht gut (vier Sondersendungen, siehe Grafik). Fehlt zur Komplettierung eigentlich nur noch „Wok-WM“ und „Stock Car Challenge“ – powered by RTL. 

Aber nicht nur formal ist Raab für immer in 2015 hängen geblieben, auch personell. Raab produziert(e) nicht nur eine Show, die „Eltons 12“ hieß und bis Juni 2025 viermal ausgestrahlt wurde (seitdem herrscht Schweigen).

Der ehemalige Showpraktikant, über den Frank Elstner kürzlich erfrischend offen sagte: „Er kann nichts“, ist natürlich wie zu „Schlag den Raab“-Zeiten auch bei der RTL-Version „Stefan und Bully gegen …“ dabei.

Dort gibt es auch wieder den Spiele-Kommentator Frank Buschmann. Und auch die Heavytones mit Bandleader Manfred sind mit gewechselt und in der „Stefan Raab Show“ wieder aktiv. Ja selbst die überdrehte Ansagerstimme von „Mannix“ Winkens muss niemand vermissen, der gern ProSieben schaute und die letzten zehn Jahre auf einer einsamen Insel ohne TV und WLAN verbrachte. „Beim RTL“, wie es im Dschungelcamp immer so schön heißt, wird alles, aber absolut alles Raab-artige, das beim noch stärker lädierten Konkurrenten in München aufzutreiben war, aufgetragen. Wenig erfolgreich. 

Vielleicht erkennt RTL, ein Sender, der Dieter Bohlen bis zur Mumifizierung auf junge Menschen loslässt, wenn selbst Barbara Schöneberger nächsten Samstag nichts retten kann, dass es nicht reicht, eine uralte Deko in Köln-Hürth in ein Studio zu stellen (inklusive altem Ford Taunus) und einen feist grinsenden Showmethusalem in den immer noch gleichen schlabbrigen, blauen Hemden überm weißen T-Shirt seine gleichen, immer noch vor allem hämischen und leicht bräsigen Witze machen zu lassen.

„Wer weiß wie wann was war?“, 14. und 21. März jeweils ab 20.15 Uhr auf RTL und RTL+