Digitaler Facelift für Little Foot

Jetzt gibt es Abhilfe: Das Team um Beaudet hat den Schädel von Little Foot nach Großbritannien transportiert und dort im Röntgensynchrotron der Diamond Light Source einer hochauflösenden Mikro-Computertomografie unterzogen. Anschließend zerlegten die Forschenden das digitale Schädelmodell in seine Einzelteile und setzten die Gesichtsknochen des Australopithecus in der korrekten anatomischen Position wieder zusammen.

Dieser digitale „Facelift“ hat es Beaudet und ihrem Team ermöglicht, das Gesicht von Little Foot erstmals genau zu vermessen. Sie verglichen seine Anatomie mit der von zwei ostafrikanischen Australopithecus-Arten, dem 3,8 Millionen Jahre alten A. anamensis und einem drei Millionen Jahre alten A. afarensis. Als Vergleich aus Südafrika diente der 2,5 Millionen Jahre alte Schädel des Australopithecus-africanus-Fossils „Mrs. Ples“, das wie Little Foot in Sterkfontain gefunden wurde.
SchädelvergleichVergleich des digital rekonstruierten Schädels von Little Foot (StW 573) mit Mrs. Ples (Sts 5), Australopithecus afarensis (A.L. 444-2) und Australopithecus anamensis (MRD-VLP-1/1). © Beaudet et al./ Comptes Rendus Palevol, CC-by 4.0

Mehr Übereinstimmungen mit Vettern aus Ostafrika

Die Vergleiche enthüllten Überraschendes: Das Gesicht von Little Foot ähnelt stärker den ostafrikanischen Australopithecinen als seiner südafrikanischen „Nachbarin“ Mrs. Ples. Übereinstimmungen gibt es vor allem in der Breite seiner Stirn und der Anatomie von Augenpartie und Nase. In diesen Gesichtsmerkmalen gleicht Little Foot dem Australopithecus anamensis und afarensis – und unterscheidet sich der südafrikanischen Vormenschenart Australopithecus africanus. „Dies ist unerwartet, wenn man die geografische Herkunft von Little Foot betrachtet“, sagt Beaudet.

Doch was bedeutet dies für die Verwandtschaftsbeziehungen dieser Vormenschen? Nach Ansicht von Beaudet und ihren Kollegen unterstreichen die Ähnlichkeiten von Little Foot mit den ostafrikanischen Australopithecinen, dass ihre Evolution nicht lokal isoliert stattfand. „Unsere Studie stützt die Vorstellung von Afrika als einer verbundenen evolutionären Landschaft, in der Populationen durch gemeinsame Vorfahren verknüpft waren“, sagt Seniorautor Dominic Straford von der University of the Witwatersrand.

Was dies über die Australopithecus Evolution verrät

Konkret bedeutet dies: Little Foot könnte in vielen seiner Merkmale die Grundform der Australopithecinen repräsentieren – daher die Ähnlichkeiten zum älteren A. anamanesis aus Ostafrika. Möglicherweise wanderte der Urahn von Little Foot kurz nach Entstehung dieser Vormenschen nach Südafrika aus. Dort waren die prähistorischen Einwanderer einer anderen Umwelt und damit auch anderen Selektionsdrücken ausgesetzt, wie das Team erklärt.

Als Folge entwickelten Little Foot und seine südafrikanischen Zeitgenossen einige neue Merkmale, darunter eine auffallende Mittelrippe im Nasenbereich. „Die Populationen passten sich den ökologischen Selektionsdrücken an“, erklärt Stratford. Im Laufe der Zeit kamen dadurch in Südafrika weitere Neuentwicklungen hinzu und die Art Australopithecus africanus entstand – repräsentiert durch das Fossil von Mrs Ples.

In Ostafrika dagegen veränderten sich die Australopithecinen weniger schnell, weil ihre Umwelt weitgehend stabil blieb. Dadurch ähnelt der erst drei Millionen Jahre Schädel des Australopithecus afarensis aus Äthiopien noch immer dem von Little Foot.

Noch immer viele Fragezeichen

Auch wenn die aktuellen Ergebnisse ein mögliches Szenario aufzeigen, bleiben noch viele Fragen zur Evolution des Australopithecus und seiner Verbreitung über Afrika offen. Mehr Einblick könnten weitere Vergleiche auch von anderen Schädelpartien geben. Denn Beaudet und ihre Kollegen haben die digitale Rekonstruktion von Little Foots Schädel noch nicht abgeschlossen. Sie erhoffen sich daher in Zukunft weitere Erkenntnisse.

„Das Gesicht ist nur ein Teil der Geschichte“, sagt Beaudet. „Andere Teile des Schädels, vor allen die Hirnschale, sind noch immer stark deformiert und erfordern eine ähnliche digitale Rekonstruktion. Dies könnte helfen, die Hirngröße und -struktur dieses Vormenschen besser zu verstehen.“ (Comptes Rendus Palevol, 2026; doi: 10.5852/cr-palevol2026v25a3)

Quelle: University of the Witwatersrand, CNRS







9. März 2026

– Nadja Podbregar