Paris – Welcher Zusammenhang besteht zwischen Asthma und Arthrose? Lange Zeit spielte diese Frage in Forschung und Klinik kaum eine Rolle, denn beide Erkrankungen galten als weitgehend unabhängig voneinander. Inzwischen gibt es jedoch Hinweise, dass zwischen chronischen Atemwegserkrankungen und degenerativen Gelenkveränderungen eine engere Verbindung bestehen könnte als bislang angenommen. 

Neue wissenschaftliche Arbeiten, die Mitte Dezember 2025 auf dem 38. Französischen Rheumatologiekongress präsentiert worden sind, deuten darauf hin, dass insbesondere atopische Erkrankungen wie Asthma nicht nur das Risiko für eine Arthrose erhöhen, sondern möglicherweise auch deren Entstehung und Verlauf maßgeblich beeinflussen.

Atopische Entzündung als möglicher Treiber der Arthrose

Bereits im Jahr 2023 lieferte eine große retrospektive US-amerikanische Studie erste Hinweise darauf, dass atopische Erkrankungen das Risiko für die Entwicklung einer Arthrose deutlich erhöhen. Insgesamt war das Arthrose-Risiko bei Patienten mit atopischen Erkrankungen um den Faktor 1,58 höher als bei Kontrollen. Besonders deutlich war die Assoziation bei Patienten, die sowohl an Asthma als auch an atopischer Dermatitis litten: In dieser Gruppe war das Risiko sogar mehr als doppelt so hoch. Es lag beim 2,15-Fachen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung [1].

Diese epidemiologischen Beobachtungen passen zum wachsenden biologischen Verständnis der Krankheitsmechanismen. Bereits frühere experimentelle und histologische Untersuchungen haben gezeigt, dass Mastzellen – Zellen des atopischen Entzündungsprozesses – in arthrotisch veränderten Gelenken nachweisbar sind [2]. 

„Diese Zellen sind vermutlich eher selten, aber sie sind hochaktiv“, erklärt Dr. Augustin Latourte vom Hôpital Lariboisière in Paris. Mastzellen setzen eine Reihe von Botenstoffen und Enzymen frei, darunter Tryptase. Sie tragen vermutlich zur Zerstörung des Gelenkknorpels und zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Arthroseschmerzen bei. Damit rückt der atopische Entzündungsprozess als möglicher Mitverursacher struktureller Gelenkschäden ins Zentrum der Arthrose-Forschung.

ATOPOA-Studie: Hinweise auf eine beschleunigte Krankheitsprogression

Neue Daten sprechen dafür, dass der Zusammenhang zwischen atopischen Erkrankungen und Arthrose über ein lediglich erhöhtes Erkrankungsrisiko hinausgeht und auch die Schwere sowie die Progressionsgeschwindigkeit beeinflusst. Beim Kongress hat Dr. Kimberley Dolium, Rheumatologin am Hôpital Saint-Antoine in Paris, Ergebnisse der die ATOPOA-Studie vorgestellt.

Untersucht wurden 717 Patienten mit Knie- oder Hüftarthrose (Gonarthrose bzw. Coxarthrose). Die Auswertung zeigt deutliche Unterschiede: Von 66 Studienteilnehmern mit atopischer Erkrankung wiesen 42,2% eine radiologisch schwere Arthrose auf, definiert als Kellgren-Lawrence-Score Grad 4. In der Kontrollgruppe ohne Atopie lag dieser Anteil bei lediglich 24%. Nach Adjustierung für relevante Störfaktoren entsprach dies einem um den Faktor 2,46 erhöhten Risiko für eine schwere Arthrose. 

Auch im Langzeitverlauf bestätigte sich der Zusammenhang. Über einen Beobachtungszeitraum von 7 Jahren hinweg hatten Patienten mit atopischer Erkrankung ein um den Faktor 2,02 erhöhtes Risiko, eine Knie- oder Hüftendoprothese zu benötigen. Diese Daten sprechen für eine beschleunigte strukturelle Progression der Arthrose bei Vorliegen einer Atopie. 

Warum ist der Zusammenhang so lange unentdeckt geblieben? 

Angesichts der hohen Verbreitung von Asthma und Arthrose überrascht, dass ein möglicher Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen so lange kaum Beachtung gefunden hat. Nach Einschätzung von Latourte liegt dies vor allem an der unterschiedlichen Altersstruktur der Patienten. Während Asthma häufig bereits in jüngeren Lebensjahren auftritt, gilt Arthrose als Erkrankung des höheren Alters. „Es handelt sich um 2 recht unterschiedliche Populationen“, erläutert Latourte.

Hinzu kommt, dass Hinweise auf ein bestehendes oder früheres Asthma bei Patienten mit Arthrose im klinischen Alltag nicht immer systematisch erfasst werden. Gleichzeitig erwähnen Patienten Vorerkrankungen nicht in allen Fällen. Und durch Umweltbelastungen wie die Luftverschmutzung beobachten Pneumologen zunehmend Asthmaformen mit spätem Krankheitsbeginn.

Diese Einschätzung wird durch Auswertungen der französischen KHOALA-Kohorte (Knee and Hip Osteoarthritis Long term Assessment) gestützt. Auch dort fanden sich Hinweise darauf, dass Arthrose bei Patienten mit Asthma schneller fortschreiten kann.

Atopie als eigenständiger Progressionsfaktor – und als therapeutische Perspektiven

Latourte rät jedoch zu einer differenzierten Bewertung der Daten: „Es geht nicht darum, zu sagen, dass Asthma die gesamte Arthrose erklärt“, betont er. Vielmehr müsse der atopische Entzündungsprozess als eigenständiger Risikofaktor für die Progression der Arthrose verstanden werden – vergleichbar mit der bekannten Rolle von Adipositas. 

Dieser Vergleich ist naheliegend. Forscher untersuchen mehrere GLP-1-Rezeptoragonisten, die ursprünglich zur Behandlung der Adipositas entwickelt worden sind, derzeit auch bei Arthrose. Die Wirkstoffe kommen systemisch bei adipösen Arthrosepatienten, aber auch lokal in Form intraartikulärer Injektionen bei Kniearthrose zum Einsatz [3-4]. Als Frage bleibt: Könnten auch moderne Asthma-Therapien – insbesondere gezielt immunmodulierende Behandlungsansätze – den Verlauf von Arthrose beeinflussen?

Biologika aus der Asthma-Therapie als möglicher Ansatz gegen Arthrose

„Genau diese Frage rückt nun in den Fokus“, erklärt Latourte. Biologika, die bei schwerem Asthma oder bei atopischer Dermatitis erfolgreich eingesetzt werden, greifen gezielt in immunologische Signalwege ein und modulieren den zugrunde liegenden Entzündungsprozess. Ob diese Therapien auch einen schützenden Effekt auf Gelenkstrukturen haben, ist noch unklar.

Derzeit werden erste Daten ausgewertet, um zu untersuchen, ob Asthma-Patienten unter einer Biologika-Therapie ein geringeres Risiko für die Entwicklung oder Progression einer Arthrose haben als Kontrollen. „In einem nächsten Schritt wären interventionelle Studien denkbar, etwa mit Patienten, die gleichzeitig an Asthma und Arthrose leiden“, so Latourte.

Sollte sich dieser Ansatz bestätigen, könnte es zu einem Paradigmenwechsel in der Arthrose-Forschung kommen: weg von einer primär mechanischen Betrachtung der Erkrankung hin zu einem stärker immunologisch geprägten Krankheitsverständnis – und hin zu neuen, gezielten Therapien.

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Mediquality.net