Frauen leiden oft länger unter Schmerzen als Männer. Eine Studie liefert nun eine biologische Erklärung: Demnach wird das Abklingen der Schmerzen aktiv von bestimmten Immunzellen, den sogenannten Monozyten gesteuert. Diese schütten den Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) aus und dämpfen auf diese Weise die Schmerzfasern. Bei Männern ist der IL-10-Spiegel jedoch deutlich höher als bei Frauen und ihre Zellen besitzen mehr Rezeptoren für das Anti-Schmerz-Signal. Versuche an Mäusen belegen, dass das männliche Geschlechtshormon Testosteron dafür eine wichtige Rolle spielt. Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, neuartige Therapien gegen akute und chronische Schmerzen zu entwickeln.

Wenn wir uns verletzen, schlagen unsere schmerzleitenden Nervenfasern Alarm: Sie senden Signale an unser Gehirn weiter, die dafür sorgen, dass wir Schmerzen empfinden und daraufhin das betroffene Körperteil schnell aus der Gefahrenzone bringen und während der Heilungsphase schonen. Der gleiche Mechanismus läuft auch bei Entzündungen ab und dient ebenfalls dazu, unseren Körper zu schützen. Doch nicht immer hört der Schmerz auf, wenn die Entzündung abgeklungen oder die Wunde verheilt ist. Bei vielen Menschen bleiben die Schmerzsensoren dauerhaft aktiv oder werden überempfindlich und sorgen für chronische Schmerzen. Frauen sind davon wesentlich häufiger betroffen als Männer.

Aktiver Prozess des Immunsystems

Ein Team um Jaewon Sim von der Michigan State University hat nun in Versuchen an Mäusen eine mögliche Erklärung für diese Geschlechterunterschiede gefunden. Für ihre Experimente lösten die Forschenden zunächst bei männlichen und weiblichen Mäusen Schmerzen aus, indem sie ihnen entweder mit einer Klinge ins Bein schnitten oder ihnen eine Substanz spritzten, die zu starken, schmerzhaften Entzündungen führt. In den Tagen nach dem Eingriff zuckten die Versuchstiere beider Geschlechter bereits bei leichten Berührungen des verletzten oder entzündeten Beins zurück – ein Hinweis auf deutliche Schmerzen. Doch nach etwa einer Woche wurden die Männchen langsam weniger empfindlich, während die Schmerzreaktion bei den Weibchen anhielt.

Weitere Analysen zeigten, dass die Männchen im betroffenen Gewebe einen deutlich höheren Spiegel des Botenstoffs Interleukin-10 (IL-10) aufwiesen, der von einer Gruppe von weißen Blutkörperchen, den sogenannten Monozyten, ausgeschüttet wird. IL-10 wirkt nicht nur entzündungshemmend, sondern bindet auch direkt an die Nervenfasern und signalisiert ihnen, dass es Zeit ist, den Schmerz abzuschalten. Blockierten die Forschenden die IL-10-Rezeptoren, litten auch die männlichen Versuchstiere länger unter Schmerzen. „Diese Studie zeigt, dass das Abklingen von Schmerzen kein passiver Prozess ist“, sagte Sims Kollege Geoffroy Laumet. „Es ist ein aktiver, immunologischer Prozess.“

Steuerung durch Testosteron

Doch warum produzieren die Monozyten bei Männchen mehr IL-10 als bei Weibchen? Welchen Einfluss haben die Geschlechtshormone? Um diese Frage zu klären, entfernten die Forschenden bei einigen weiblichen Mäusen die Eierstöcke und spritzten ihnen das männliche Geschlechtshormon Testosteron. Und tatsächlich: Bei diesen Tieren schütteten die Monozyten mehr IL-10 aus und ihre Schmerzen klangen schneller ab. Blockierten die Forschenden dagegen bei männlichen Mäusen die Testosteronrezeptoren ihrer Monozyten, blieb der IL-10-Spiegel niedrig und die Schmerzen hielten an.

Ergänzend analysierten Sim und sein Team Daten von 245 Menschen, die nach Unfällen unter Schmerzen litten. Auch bei ihnen zeigte sich das gleiche Muster: Bei Männern lagen die IL-10-Spiegel höher und ihre Schmerzen nahmen schneller ab. Während Betroffene beider Geschlechter ihre Schmerzintensität unmittelbar nach ihrem Unfall ähnlich einstuften, berichteten die Männer drei Monate später von deutlich weniger Schmerzen. „Der Unterschied zwischen Schmerzen bei Männern und Frauen hat also eine biologische Grundlage“, sagt Laumet. „Frauen bilden sich die Schmerzen nicht einfach ein und sie sind nicht wehleidig. Es liegt an ihrem Immunsystem.“

Die Ergebnisse könnten auch dazu beitragen, langfristig neue Ansätze für Schmerztherapien zu finden. Verabreichten die Forschenden den verletzten Mäusen eine Substanz namens Resolvin D1, die die Produktion der IL-10-ausschüttenden Monozyten fördert, klangen die Schmerzen bei beiden Geschlechtern schneller ab. „Das eröffnet neue Wege für nicht-opioide Therapien, die darauf abzielen, chronische Schmerzen zu verhindern, bevor sie sich etablieren“, sagt Laumet.

Quelle: Jaewon Sim (Michigan State University, East Lansing, USA) et al., Science Immunology, doi: 10.1126/sciimmunol.adx0292