Die 83-jährige Frau aus Görlitz erinnert sich genau an den Tag, als das kleine Paket vor ihrer Tür lag. «Ich habe nichts bestellt», sagt sie. Und doch lag darin ein Fläschchen mit Vitaminkapseln, ohne Rechnung, ohne Erklärung. Nur wenige Tage später folgte der eigentliche Schock: 39,95 Euro waren vom Konto abgebucht worden und dann folgte eine Inkassoforderung über 650 Euro.
Die Seniorin ist nicht allein. In Ostsachsen melden sich mehrere Menschen, die nach ihrer Darstellung ungefragt Nahrungsergänzungsmittel der Firmen Naturnah oder 2N‑Naturprodukte GmbH erhalten und anschließend Rechnungen für angebliche Abo-Verträge, die sie nie abgeschlossen haben. Das berichtet die Verbraucherzentrale Sachsen in Görlitz.
Inkasso-Trick: Ratenangebote können teuer werden
Die angebliche Forderung landet unmittelbar beim Inkassodienst Quatripay GmbH. Trotz Widerspruchs folgen weitere Mahnungen, oft verbunden mit Angeboten zur Ratenzahlung. Doch davor warnt die Verbraucherschützerin Kamila Kempfert ausdrücklich, denn dadurch würden Betroffene die Schulden anerkennen. Zudem habe die Firma Quatripay keine rechtliche Erlaubnis als Inkassounternehmen zu handeln, so Kamila Kempfert.
Wer darauf eingeht, riskiert, dass dies rechtlich als Schuldanerkenntnis gewertet wird.
Kamila Kempfert
Verbraucherzentrale Sachsen I Beratungsstelle Görlitz
80‑Jähriger im Visier: Abbuchung, Abo, Inkasso
Auch ein 80-jähriger Mann aus dem Zittauer Gebirge schildert dasselbe Muster. Er bekam einen Anruf von dem Unternehmen Naturnah. «Ich sollte ganz unverbindlich Vitaminkapseln testen», erzählt der Mann. Dann wurde auch bei ihm Geld abgebucht, mit der Begründung, es sei ein Abo abgeschlossen worden. Auch hier folgten Inkassoforderungen.
Ich habe nie ein Abo bei diesem Unternehmen abgeschlossen. Aber dann ging es auch schon los mit den Inkassoforderungen. 690 Euro sollte ich zahlen.
Betroffener aus dem Zittauer Gebirge
Die beiden Betroffenen haben Anzeige bei der Polizei erstattet und sich Hilfe bei der Verbraucherzentrale in Görlitz gesucht. In ihrem Namen haben die Verbraucherschützer Belege für angeblich abgeschlossene Abos angefragt und Widerspruch gegen die Inkassoforderungen eingelegt.
Zweites Inkassounternehmen erhöht den Druck
Statt die geforderten Nachweise vorzulegen, wandert die Forderung laut Verbraucherzentrale weiter zum nächsten Inkassounternehmen, Media Finanz. Dort steigen die Summen weiter an, zusätzlich zu neuen Gebühren, so Verbraucherschützerin Kamila Kempfert. «Ein typisches Inkasso-Karussell. Hier soll vor allem Druck aufgebaut werden, obwohl die rechtlichen Voraussetzungen fehlen», erklärt sie.
Die 2N-Naturprodukte GmbH und die Firma Quatripay teilten MDR SACHSEN auf Anfrage mit, dass man die Vorwürfe zurückweise. Es würden keine unbestellten Waren geliefert und auch keine unautorisierten Abbuchungen vorgenommen. Es gebe nur rechtlich einwandfreie Vertragsabschlüsse mit allen Details sowie die gesetzliche Widerrufsbelehrung.
Das sehen Betroffene, die bei der Verbraucherzentrale in Görlitz um Hilfe gebeten haben, ganz anders. Von ihnen sei keine Bestellung ausgelöst und auch kein Abo abgeschlossen worden, bestätigt Verbraucherschützerin Kamila Kempfert.
In dem Fall des 80-Jährigen aus dem Zittauer Gebirge stellten die Inkassounternehmen die Forderung nach einem Widerspruch der Verbraucherzentrale sofort ein. Die Fälle anderer Betroffener sind dagegen weiterhin ungelöst.