12. März 2026

Christian Bartels

Der Kampf zwischen Paramount und Netflix mit zwei Superhelden-Figuren illustriertf zweiter

Ki-generierte Grafik: Shutterstock.com

Der Deal bündelt Hollywood, Streaming und CNN unter der Ellison-Familie. Ein Medienimperium entsteht – bezahlt womöglich vom Rest der Welt.

Auch typisch in Zeiten der Informationsflut: Was erst als «Übernahmeschlacht» voller klangvoller Namen viel Beachtung erfährt, rutscht am durchaus überraschenden Ende kaum beachtet durch.

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Hollywoods großer Deal

Das monatelange Ringen um den Traditionskonzern Warner Bros., dessen Kino-Vorspann kaum ein Zeitgenosse nicht vor Augen (und in den Ohren) hat, ist entschieden. Der beliebte Streamingdienst Netflix hat doch noch das Nachsehen – und bekommt Entschädigung. Die ähnlich ikonische Kino- und Medien-Marke Paramount bietet mehr und bekommt das Streitobjekt Warner Bros. Discovery (WBD).

So wichtig die starken Warner-Marken wie «Harry Potter» und «Batman» sind, noch zukunftsweisender dürfte das Streaming-Geschäft mit der in Deutschland gerade erst gestarteten Marke «HBO Max» sein. In den USA wichtig ist CNN.

CNN, TikTok und die Macht der Ellisons

Das 1980 gegründete Vorbild aller Nachrichtensender gilt als einer von immer weniger Gegnern der US-amerikanischen Trump-Regierung. Nun gerät CNN unter den Einfluss von Paramount Skydance und damit des Trump-nahen Milliardärs Larry Ellison und seines Sohns David.

Larry Ellison, den die «The Real-Time Billionaires»-Charts von forbes.com auf Rang 6 führen, wurde vor allem als Gründer des Software-Konzerns Oracle reich, der von boomenden (oder überkochenden?) Geschäftsbereichen wie Cloud und KI profitiert.

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Kürzlich auch in internationale Schlagzeilen kam er als wesentlicher Anteilseigner des in einer komplexen Operation teilweise vom chinesischen Eigentümer getrennten, rund 170 Millionen Nutzer starken US-amerikanischen TikTok-Geschäfts. Was bedeutet diese noch verschärfte Medienmacht-Konzentration nun?

«Eine Familie steht kurz davor, CBS, CNN, HBO und TikTok zu kontrollieren. Sie werden WBD mit 24 Milliarden Dollar aus Saudi-Arabien, Katar und Abu Dhabi kaufen …», alarmierte der Ex-Vorsitzende der US-amerikanischen Handelskommission FTC, Alvaro Bedoya auf X.

Sein Nachsatz «Block this rotten deal» dürfte verhallen.

Warum der Mega-Deal wohl nicht gestoppt wird

Dass Behörden noch eingreifen, scheint unwahrscheinlich. Schließlich hebelt Präsident Trump alle «Checks & balances» zielgerichtet aus, und globale Größe US-amerikanischer Digital- und Medienkonzerne haben die Kartellbehörden ohnehin stets wohlwollend begleitet.

«Ein Medienimperium, das die globale Unterhaltungsindustrie, die Nachrichtenlandschaft der Vereinigten Staaten und wahrscheinlich auch Teile der Machtarchitektur in Washington von Grund auf neu ordnet», antizipiert das Handelsblatt.

Wobei sich die Entscheidung pro Paramount auch positiv sehen lässt, zumindest, wenn man am Kino als traditionsreichen Ort kollektiver Seh-Erfahrungen hängt. Hätte Netflix Paramount bekommen, hätte es sich dann noch lange bemüht, regelmäßig teure Einzelfilme auszustoßen, damit kontinuierlich Publikum in die Kinos in aller Welt strömt, obwohl es im verschärften Wettbewerb der Streamingdienste immer stärker auf Sehdauer vor Displays ankommt?

Zumindest hatte es im monatelangen Überbietungs-Wettbewerb Proteste von Filmschaffenden und Schlagzeilen wie «Macht Netflix jetzt Hollywood kaputt?» (Süddeutsche) gegeben. Nun können sich Kinofans vielleicht freuen, bloß Trump-kritisches US-amerikanisches Publikum nicht. «Bei CNN herrscht die nackte Panik», titelte die FAZ kürzlich.

Anlass für solche Befürchtungen geben Änderungen, die David Ellison vornahm, als sein Unternehmen Skydance erst im Sommer 2025 Paramount und damit den Sender CBS übernommen hatte. Dort verschwanden nicht alle, aber allerhand Trump-kritische Töne aus dem Programm. Im Mai wird die «Late Show» des Trump-kritischen Talkmasters Stephen Colbert auslaufen.

Zu den zahlreichen Wendungen der Übernahmeschlacht gehörte außer etwa dem Aspekt, dass Netflix CNN nicht mit-kaufen, sondern in eine Unabhängigkeit entlassen wollte, auch die bei den Ellisons geplante, von Bedoya erwähnte Beteiligung von Staatsfonds aus dem Nahen Osten.

Milliarden aus dem Nahen Osten – und Netflix zieht sich zurück

Seit Start des Krieges gegen den Iran dürfte es Scheichs noch sinnvoller erscheinen, fossile Milliardengewinne nicht nur in Wolkenkratzer an arabischen Standorten, sondern in globale Mediengeschäfte zu investieren.

Netflix, der kalifornische Streaming-Gigant mit inzwischen gut 325 Millionen Abonnenten in aller Welt, hatte Ende 2025 zwar schon die Zusage des WBD-Verwaltungsrats, mochte aber die allerletzte Ellisons-Offerte nicht mehr nochmals überbieten. Dann wäre das Geschäft «finanziell nicht mehr attraktiv» gewesen.

Überdies hätte der Streamingdienst sich den Unwillen US-amerikanischer Regierungsbehörden zugezogen, die offen die Ellisons bevorzugten. Stattdessen bekam er eine zuvor vertraglich vereinbarte Ausfallgebühr von 2,8 Milliarden US-Dollar ausbezahlt. Netflix hat sich also kein riskantes Kino-Geschäft ans Bein gebunden und Missgunst des Trump-Umfelds vermieden – und bekommt dafür noch viel Geld.

Alle sehen sich als Gewinner

Die größten Gewinner aber seien die Aktionäre des Objekts der Begierde, meint das Handelsblatt: «WBD-Chef David Zaslav verlässt die Verhandlungen als strategischer Sieger. Der Manager … spielte Paramount und Netflix meisterhaft gegeneinander aus», «zwang die Bieter zu insgesamt acht Preiserhöhungen … » und sicherte sich dabei selbst «über 700 Millionen Dollar».

Heißt: Alle sehen sich als Gewinner. Weil sie viel mehr Geld als erhofft für ihre Aktien bekommen, beziehungsweise, weil sie dafür, dass sie kein übertrieben teures Geschäft eingehen, ersatzweise Milliarden bekommen, beziehungsweise, weil sie mittelfristig erst recht weitere Milliarden zu verdienen glauben.

Win-win-win also? Woher soll das Geld fließen?

Europas Markt als Wachstumsquelle

Die Antwort liegt auf der Hand: aus dem Rest der Welt, zumal aus Europa, wo viele Regierungen und jede Menge Aufsichtsbehörden sich traditionell schwertun, US-amerikanische Geschäfte zu regulieren.

Ganz besonders im Bereich der Digital- und Medienkonzerne, und erst recht seit Präsident Trump persönlich Profit-Spielräume seiner befreundeten Wahlkampf-Spender freirammt. Erwartungsgemäß kündigte David Ellison an, die Streamingdienste von Warner und Paramount, also HBO Max und Paramount+, zusammenzulegen (dwdl.de).

In Deutschland werden die hierzulande spät gestarteten, noch nicht besonders starken Dienste gerade in Paketen der Deutschen Telekom («Paramount+ by Telekom») und von RTL offeriert. «RTL+ und HBO Max – das ist eine tolle Kombination von zwei grandiosen Contentwelten», die «alle Streamingherzen höher schlagen lässt!», jubelt das Bertelsmann-Unternehmen.

Im sich weiter verschärfenden globalen Wettbewerb der Streamingdienste wird das neue Paramount von Anfang an über mehr als 210 Millionen Kunden verfügen. Und die Zahl stark ausbauen.

Harry Potter und Champions League

2027 soll die bereits entstehende erste Serie zum Warner-Magneten «Harry Potter» starten. «Sieben Staffeln sollen innerhalb von zehn Jahren erscheinen», heißt es in einem der Fans-dürfen-sich-freuen-Berichte, mit denen redaktionelle Medien immer gerne die PR für US-amerikanische Konzerne übernehmen.

Und bei der Rechteauktion von Europas wohl teuerstem Medieninhalt, der Fußball-Champions-League, war im November zum einen weiterhin, nicht überraschend, Amazon als Gewinner hervorgegangen, zum anderen (in Europas größten Fußball-Märkten Großbritannien und Deutschland) durchaus überraschend, Paramount, das bislang mit Fußball nichts am Hut hatte.

US-Popkultur gegen Europas Medienhäuser

Künftig wird sich also Bayern München mit seinen internationalen Spielen neben Harry Potter und Batman zu den Aushängeschildern des Paramount-Warner-Konzerns gesellen. Insofern absolut denkbar, dass die Renditewünsche der Ellisons und ihrer arabischen Co-Investoren aufgehen. Zwar wird ihr Streamingdienst kaum Netflix und erst recht nicht Amazon (für das Streaming ja nur ein Beiboot der Lieferdienste sind …) vom Markt verdrängen können.

Aber werden kleinere europäische Wettbewerber wie RTL, das ab 2027 keinen europäischen Vereinsfußball mehr bieten kann, und der Berlusconi-Konzern, zu dem inzwischen ProSiebenSat.1 gehört, den Rivalen lange standhalten können?

Eher unwahrscheinlich, schon weil, bei aller scharfen Kritik am Gebaren Trumps, seiner Regierung und seines Umfelds, praktisch keine Anzeichen auf ein Zurückgehen oder auch nur Stagnieren der popkulturellen Hegemonie der USA deuten.