Im Sommer 2024 wollte die ganze Welt „Brat“ sein. Das giftgrüne Cover des Albums von Charli xcx zierte die Mauern der hippsten Großstadtviertel, auf TikTok ging ihr „Apple Dance“ viral, und selbst Kamala Harris, damals noch hoffnungsfrohe Präsidentschaftskandidatin, sprang auf den „Brat“-Zug auf.

Charlotte Aitchison, wie Charli xcx mit bürgerlichem Namen heißt, bewegte sich mit dem Erscheinen ihres sechsten Albums plötzlich nicht mehr an der Grenze zwischen Underground-Darling und veritablem Popstar, wie all die Jahre davor. Sie hatte es geschafft.

Jeder andere Star hätte diesen prägenden Moment mit einer herkömmlichen Doku oder einem Konzertfilm gefeiert. Nicht aber Charli xcx. Die 33-Jährige hebt das Ganze eine Metaebene höher und spielt sich selbst als Popstar am Rande des Nervenzusammenbruchs in einer Mockumentary, die fragt, was passiert, wenn sich plötzlich alle Träume erfüllen – und wie leicht man sich im Hype selbst verlieren kann.

Gastauftritte von Rachel Sennott und Kylie Jenner

„The Moment“ feierte Weltpremiere in Sundance und ist nun auf der Berlinale erstmals in Europa zu sehen. Regie führte Aidan Zamiri, der bisher Musikvideos für Charli xcx, Billie Eilish oder FKA Twigs drehte und enger Vertrauter und Kreativberater von Timothée Chalamet ist. Dementsprechend cool sieht das Ganze auch aus, It-Girl-Freundinnen wie Rachel Sennott und Kylie Jenner haben Cameos.

Das Nachdenken über Ruhm und Pop hat die Karriere von Charli xcx seit jeher geprägt und sogar ein eigenes Genre inspiriert: Hyperpop, also Musik, die sich auf Mainstream-Pop bezieht, ohne es ganz zu sein, weil sie zu überzogen, zu selbstreferenziell daherkommt.

HANDOUT - 10.02.2026, ---: Charli xcx (r) als Charli xcx und Alexander Skarsgard als Johannes in einer Szene des Films "The Moment" (undatierte Filmszene). Der Film kommt am 19.02.2026 in die deutschen Kinos (zu dpa Kinostarts) Foto: -/Universal Pictures/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über den Film und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ Ins Korsett geschnürt: Charli xcx mit ihrem Stylisten, gespielt von Mel Ottenberg.

© dpa/-

„I’m famous but not quite“, singt Charli xcx auf „Brat“. In einem anderen Song denkt sie über ihre Unsicherheit einem weitaus berühmteren Popstar gegenüber nach – Gerüchten zufolge soll es sich dabei um Taylor Swift handeln. „Cause I couldn’t even be her if I tried / I’m opposite, I’m on the other side“, heißt es da.

In ihrem Film, für den sie am Drehbuch mitschrieb, stellt sie jetzt die Frage: Was, wenn sie doch so sein könnte wie sie; einen glitzernden Bodysuit tragen und am Ende ihrer Konzerte im Konfettiregen stehen?

Das zumindest will Konzertfilmregisseur Johannes Godwin (Alexander Skarsgård) von ihr und treibt damit Charlis Freundin Celeste (Hailey Benton Gates), mit der sie das Konzept für ihre „Brat“-Tour entwickelt hat, zur Weißglut. Charli xcx steht schließlich für Strobo-Lichter, Kokain und Club-Feeling, nicht für familienfreundliches Pop-Spektakel. Oder ist sie bereit, ihre Prinzipien über Bord zu werfen?

Panorama

„The Moment“ von Aidan Zamiri. USA 2026, 103 Minuten. Mit Charli xcx, Rosanna Arquette, Kate Berlant, Jamie Demetriou, Hailey Benton Gates.

14.2., 21.30 Uhr (Zoo Palast 1), 15.2., 22 Uhr (Uber Eats Music Hall), 16.2, 10.45 Uhr (Colosseum 1,), 17.2., 16 Uhr (Uber Eats Music Hall)

„The Moment“ ist Hyperop in Filmform. Und klug genug, nicht alles auf den Kapitalismus oder die böse Musikindustrie zu schieben. Ja, das Label macht Druck, und ja, es gibt eine Kooperation mit einer dubiosen Bank für eine giftgrüne „Brat“-Kreditkarte.

Die sei ausschließlich queeren Jugendlichen vorbehalten, versucht Charlis Manager Tim Potts (Jamie Demetriou) sie zu überzeugen. „Muss man beweisen, dass man homosexuell ist?“, fragt der da bereits vollkommen entnervte Popstar zurück – und lässt sich dann doch auf den Deal ein.

Charli xcx spielt sich selbst souverän und unteitel

Aber es ist nicht nur der Druck von außen, dem sich diese fiktive Version von Charli xcx schließlich beugt. Es ist auch die Künstlerin selbst, die den „Brat-Summer“, diesen eigentlich flüchtigen Moment, mit aller Macht erhalten will. Und dafür Freundschaften, Selbstachtung und ihre künstlerische Integrität aufs Spiel zu setzen droht.

Charli xcx spielt souverän und uneitel diese überzogene Version ihrer selbst, am stärksten aber ist sie in den leisen Momenten allein, wenn die Maske fällt.

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Nicht jedes Konzept in „The Moment“ geht komplett auf, zwischendurch fehlen die Lacher, und Alexander Skarsgård ist vielleicht eine Spur zu drüber als pseudo-hippiesker Konzertfilmregisseur. Aber „The Moment“ ist ein spannender Einblick in den Kopf dieses hyperreflektiven Popstars.