Was Regisseur Jonathan Demme damals mit Das Schweigen der Lämmer aufgetischt hat, ist einfach einer der stimmungsvollsten Psycho-Thriller überhaupt. Damit erzähle ich euch nichts Neues. Der Film räumte nicht nur mehrere Oscars ab, sondern ist bis heute bestens auf Bestenlisten vertreten. Anders sieht das beim direkten Sequel Hannibal aus, dessen Buchvorlage bereits Jodie Foster abschreckte, als FBI-Agentin Clarice Starling zurückzukehren. Nach durchwachsenen Reviews zu seiner Zeit ist der Film heute fast in Vergessenheit geraten. Zum Vergleich:

Dabei hat die verhasste Fortsetzung

von Ridley Scott einiges zu bieten, auf das man zum 35. Jubiläum von Das Schweigen der Lämmer (US-Start: 14. Februar 1991) beziehungsweise 25. Jubiläum von Hannibal (14. Februar 2001) ruhig mal hinweisen kann. Genug vom Apéritif, kommen wir zum Hauptgang.

Thriller-Plädoyer: Die Schweigen der Lämmer-Fortsetzung Hannibal ist viel besser, als alle sagen

Während der kultivierte Kannibale Hannibal Lecter in Das Schweigen der Lämmer lediglich eine Nebenrolle spielt, ist er Dreh- und Angelpunkt im Sequel. Was schon mal eine Extraportion Antony Hopkins bedeutet, zu der wohl niemand Nö sagen würde. Seit er im ersten Film fliehen konnte, hat er sich nach Italien abgesetzt, wo er schon vor Jahren als Serienkiller Il Mostro sein mörderisches Unwesen trieb. Im beschaulichen Florenz gibt Lecter sich kompetent als Kurator Dr. Fell aus, doch wollen mehrere Parteien seinem la dolce vita ein jähes Ende bereiten.

Zum einen Agent Starling, für die man mit Julianne Moore eine angemessen abgebrüht auftretende Alternative gefunden hat. Zum anderen der italienische Inspector Pazzi (Giancarlo Giannini), der jedoch nicht in offizieller Kapazität Jagd auf Lecter macht. Er will die Belohnung des wohlhabenden Sadisten Mason Verger einheimsen, der sich auf einem persönlichen Rachefeldzug befindet, nachdem der Psycho-Psychiater ihn dazu brachte, sich selbst zu verstümmeln. Falls ihr ihn nicht erkennt: Unter der verstörenden Make-up-Arbeit von Greg Cannom befindet sich tatsächlich Gary Oldman, der ohne Credit im Film mitwirkte und wirklich beeindruckend entstellt aussieht.

Hannibal ist aber ein komplettes Scheußlichkeiten-Menü, an dem man sich mit Grausamkeiten nur so vollstopfen kann. So fängt der Film schon damit an, dass Clarice während einer verpatzten Mission auf eine Gangster-Chefin mit Baby auf dem Arm schießen muss. Richtig «lecker» wird es aber erst im Showdown während der verstörenden Dinner-Szene, die damals sogar international Schlagzeilen machte. Spoiler: Dr. Lecter sägt dem sexistischen FBI-Agenten Paul (Ray Liotta) bei Bewusstsein den Schädel auf, schneidet ihm ein Stück Gehirn heraus, brät es an und lässt den Patienten kosten. Nicht drüber nachdenken, einfach schmecken lassen. Bon appé-tête!

Kontrastiert wird diese köstliche Abscheulichkeit durch die Schönheit des hauptsächlichen Schauplatzes Florenz, wo Vorlagenautor

Thomas Harris selbst einst wohnte. Scott und Second-Unit-Regisseur Alexander Witt haben dem Italien-Image wirklich einen Dienst erwiesen, anders kann man das nicht sagen. Dankbar ist aber nicht nur die Tourismus-Branche, sondern auch ein großer Teil der Fan-Gemeinde – dafür, dass man auf das kontroverse Ende aus dem Roman verzichtet hat, aus dem Lecter und Starling als kannibalisches Liebespaar hervorgehen. Der Shipping-Name dazu lautet Clannigram, falls das euren Tag irgendwie bereichert.

Horror-Feinschmecker Stephen King hatte damals zwar viel Lob für das Hannibal-Buch übrig und verglich es sogar mit Der Exorzist. Andere fanden eher vernichtende Worte für Lecters letzten Lunch. So kann ich euch einen Satz aus der Review des britischen Autors Martin Amis auf keinen Fall vorenthalten: «Harris ist zu einem Serienmörder englischer Sätze geworden und Hannibal ist eine Nekropole der Prosa.» Ahia, wie man in Italien sagt.

Wo kann man die beiden Thriller-Meisterwerke streamen?

Wer Das Schweigen der Lämmer und Hannibal zur Feier des Doppeljubiläums streamen möchte, findet den Film von Jonathan Demme bei HBO Max und Netflix im Abo. Die Fortsetzung von Ridley Scott gibt es gratis (aber nur auf Deutsch) bei Joyn oder als Leih- und Kauftitel bei Amazon, Apple TV und Co.

Wer danach immer noch Appetit hat, kann sich auf Arthaus+ gleich noch die drei Staffeln der fast noch besseren Hannibal-Serie von Bryan Fuller gönnen, für die man einen ebenso starken Magen braucht. Guten Hunger!