Foto: © 2025 Eleven Film Ltd. All Rights Reserved.
Der „Adolescence“-Schöpfer hat den Klassiker „Herr der Fliegen“ (im Original: „Lord of the Flies“) als Serie adaptiert. Das Ergebnis ist im besten Sinne albtraumhaft.
Erwachen in einem Albtraum. Zu Beginn von „Lord of the Flies“ tastet eine Hand zwischen Gestein und Palmenblättern nach einer Brille. Hat der Junge sie erst einmal aufgesetzt, bleibt die Sicht auf die Welt dennoch getrübt. Allein schon die Farben sind in dieser Serie unbehaglich. Das Grün der Blätter wirkt immer ein wenig zu grün. Das Sonnenlicht erscheint immer ein wenig zu grell. Die gespenstischen Nachtaufnahmen scheinen die Grenzen zwischen Leben und Tod aufzulösen. Aus der Natur erklingen furchterregende Geräusche.
Dazu setzt Kameramann Mark Wolf immer wieder auf Fischaugeneffekte in den Aufnahmen. Bilder erscheinen dadurch gedehnt, verzerrt. Sie krümmen sich an den Rändern. Die Kamera darf hier Subjekt, Mitspieler sein. Wenn sie durch den Urwald schwankt, schlagen Blätter und Geäst gegen sie. Als sei dort ein Feldforscher mit den Hauptfiguren in der Wildnis gestrandet, um deren Alltag hautnah zu dokumentieren. Bei einer Jagdszene nimmt die Kamera wiederholt die Sicht des gehetzten Tieres ein. Speere werden brüllend und drohend in ihre Richtung gehalten. Dann der Todesstoß. Blut befleckt die Bilder.
„Lord of the Flies“ versucht sich damit an einem sehr sinnlich gedachten, unheimlichen und körperlichen Zugang zu dem berühmten literarischen Stoff aus dem Jahr 1954. Mehrfach wurde der Roman Herr der Fliegen von William Golding schon verfilmt. Die Parabel über ein paar Kinder, die nach einem Flugzeugabsturz auf einer Insel stranden und schließlich der Gewalt verfallen, bleibt zeitlos erschütternd. Mit der neuen, vierteiligen BBC-Serie, die hierzulande bei Sky laufen wird, bekommt nun eine neue Generation eine sehenswerte, packende Adaption serviert. Auf der Berlinale wurden die ersten zwei Folgen erstmals in Deutschland der Öffentlichkeit präsentiert.
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Die neue Serie von „Adolescence“-Autor Jack Thorne
Schon die Personalie ließ im Vorfeld aufhorchen. Für die Drehbücher der Serie zeichnet sich nämlich Jack Thorne verantwortlich, der unter anderem den Netflix-Erfolg Adolescence gemeinsam mit Stephen Graham geschrieben hat. Thorne spaltet nun erneut die Perspektiven. Jede der vier Episoden rückt eine andere Figur ins Zentrum: Piggy, Jack, Simon, Ralph. Wieder geht es um einen Keil zwischen den Generationen, die einander beeinflussen und trotzdem kaum begreifen können. Jugend, (A)Moral, Geschlecht; das setzt sich hier vor einer Kulisse der Gewalt zusammen. In dem 50er-Jahre-Setting scheint am Horizont der Krieg zu toben. Ein Dröhnen. Grelle Explosionen leuchten am fernen Himmel in den Wolken.
Thornes eigene Handschrift und sein gegenwärtiger Standpunkt in der Bearbeitung des Literaturklassikers geraten manchmal ein wenig schwammig, weil gerade die Rückblenden in die Zivilisation etwas verloren in die Handlung geworfen anmuten. Doch dieser „Lord of the Flies“ konzentriert sich am Ende ohnehin hauptsächlich auf das Parabelhafte und Überzeitliche. Die unbehagliche Abkopplung und Wiederanknüpfung an eine Autorität, auch die Autorität zivilisatorischer Gesetze und Normen; das birgt so viel Zünd- und Diskussionsstoff wie eh und je.
Und was für ein grauenerregendes Spektakel diese Neuverfilmung daraus macht! Regisseur Marc Munden lässt sich voll und ganz auf den Horror ein, der in dieser Geschichte lauert, ohne dabei je auf allzu simple Effekthascherei zu setzen. Seine Inszenierung lebt von einem schleichenden, sich immer weiter hochschaukelnden Gefühl der Ohnmacht. Alles erliegt der Überwältigung. Alles befindet sich in der Auflösung. Sobald die Gewalt losbricht, scheinen die Figuren jeder greifbaren Realität und jeder Klarsicht entrückt zu sein.
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Eine albtraumhafte Verfilmung von „Lord of the Flies“
Der verspielte musikalische Score, für den unter anderem Hans Zimmer mitverantwortlich ist, setzt dabei immer wieder auf atonale Klänge und Kakophonien, manchmal eine einzelne schräge Flöte. Dann werden bedrohliche Chorgesänge eingeflochten oder die Tonspur setzt einfach nur auf das nervtötende Geschrei und Gejohle der Kinder. Einmal wird dazu eine verstörende Aufnahme, vielleicht gefilmt mit einem Smartphone oder einem Camcorder, eingespielt, in der eine Raupe von Ameisen überfallen wird.
Überhaupt stechen die vielen Großaufnahmen hervor: verfaultes, matschiges Obst, Krabben und anderes Getier und immer wieder die Gesichter der Kinder, die als lebendige Porträts in die Kamera starren.
„Lord of the Flies“ präsentiert sich immer wieder als audiovisuelle Attacke für das Publikum. Ästhetisch bleibt die Serie in ihren Spielereien mit Kamera und Montage unberechenbar. Gerade die letzte Episode ist ein erzählerisches Glanzstück, das sowohl die ruhigen, intimen Charaktermomente meistert als auch den ganzen apokalyptischen Wahn, der in dieser wilden Kulisse losbricht. „Lord of the Flies“ ist damit die bislang albtraumhafteste, fiebrigste und vielleicht intensivste Verfilmung des Stoffes.
„Lord of the Flies“ feierte seine Deutschlandpremiere auf der Berlinale. Die ersten beiden Episoden erscheinen am 24. Februar bei Sky und Wow. Die dritte und vierte Folge sind ab dem 3. März verfügbar.
„Lord of the Flies | Offizieller Trailer | Sky & WOW“ von YouTube anzeigen
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