Eigentlich, wird Karoline am Ende sagen, habe sie ja nur eine Wurst essen wollen: „Aber dann ist der Zeppelin vorbeigeflogen und ich bin mit der Achterbahn gefahren.“ Danach war die Welt eine andere, die Zeit aus den Fugen, das Leben gekippt.

Ödön von Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“ spielt laut Regieanweisung des Autors nicht nur auf dem Münchener Oktoberfest, sondern vor allem „in unserer Zeit“. Das kann man historisch verstehen: also zu seiner Entstehungszeit mitten in der Weltwirtschaftskrise 1929. Es lässt sich aber auch prophetisch interpretieren. Was diesem jungen Paar widerfährt, wird immer in unserer Zeit spielen, immer aktuell bleiben. Weil sich der Mensch ständig irgendwelche Luftschiffe baut, die dann seine Verhältnisse durcheinander wirbeln.

Am Theater Basel glaubt man sich mittendrin in einem solchen Gefährt. Wie eine Zeppelinhülle oder besser noch ein Raumschiff aus ferner Zukunft umschließen die mit leuchtenden Neonröhren ausgestatteten Wände von links und rechts die Szenerie (Bühne: Thilo Reuter). Dazwischen versuchen nicht nur der gerade arbeitslos gewordene Kasimir und seine Freundin Karoline, sich mit der neuen Zeit zu arrangieren: Auch Elisabeth taucht auf, die unglückliche Sinnsucherin aus Horváths anderem großen Sozialdrama aus dieser Zeit, „Glaube Liebe Hoffnung“.

Regisseurin Karin Henkel hat die beiden Stücke zusammenmontiert. Tatsächlich gibt es zwischen ihnen vielfache Bezüge, der Autor selbst wollte sie ursprünglich im Doppelpack publizieren. An eine Symbiose aber, an die Verschmelzung zu einem einzigen großen Theaterabend hat bislang noch niemand gedacht. Dreieinhalb Stunden lang lässt Henkel diese verlorenen Seelen durch ihre kalte, dunkle Science-Fiction-Landschaft irren. Die Frage ist, ob das gut gehen kann.

Karoline (Marie Löcker) hat sich gerade von ihrem schlecht gelaunten Freund Kasimir (Sven Schelker) losgerissen, um sich auf dem Oktoberfest nach fescheren, erfolgreicheren Männern umzuschauen. Da sehen wir auch schon Elisabeth (Gala Othero Winter) beim Leichenpräparator (Martin Wuttke) vorstellig werden. Ob er wohl vorab ihre künftige Leiche kaufen würde, so für 150 Mark?

Es sind unwürdige Zustände, in die Horváth seine Figuren schickt, das bedeutet aber nicht, dass diese auch zu unwürdigen Menschen werden. Henkel stattet manche von ihnen mit Halbmaske aus, teilt das Gesicht in eine helle und eine dunkle Hälfte: Zwei Seelen wohnen, ach, in ihrer Brust. Der Mensch wäre ja gerne gut, aber manchmal muss er sich halt fürs Schlechte entscheiden.

Düstere Welt: Blick auf die Bühne in „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“.

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Düstere Welt: Blick auf die Bühne in „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“.
Foto: Ingo Höhn / Theater Basel

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Düstere Welt: Blick auf die Bühne in „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“.
Foto: Ingo Höhn / Theater Basel

Der Präparator zum Beispiel will der armen Frau durchaus helfen, zahlt ihr die 150 Mark bar auf die Hand. Auch ohne Leiche. Und der Schutzpolizist (Jörg Pohl) nimmt sie sogar zur Freundin. Trotz ihrer Armut. Weil: „Ich schätze eine Frau höher ein, die von mir abhängt, als wie umgekehrt.“ Als dann aber diese Männer von Elisabeths Vorstrafe erfahren – eingehandelt wegen eines fehlenden Gewerbescheins -, ist‘s auch schon vorbei mit dem Mitleid. Mit der Justiz sollte man sich als anständiger Bürger keinen Ärger einhandeln!

Wenn die ökonomischen Verhältnisse den Menschen seiner Existenzgrundlage berauben, werden die großen Wertedebatten zur Karikatur ihrer selbst. „Ohne Glaube, Liebe, Hoffnung kann man gar nicht leben“, redet Karolines Oktoberfest-Bekanntschaft Schürzinger (Fabian Demmich) geschwollen daher: „Das resultiert alles voneinander!“ Ja, mei, erwidert die junge Frau nur achselzuckend: „Das sind so Sprüch.“

Als „Stück in unserer Zeit“ gelesen, sind es die vermeintlichen Fortschrittstechnologien wie digitale Medien und Künstliche Intelligenz, die sich wie ein Schraubstock um diese kleine Welt der kleinen Leute schließen. Und unter deren Druck jedes hoffnungsfrohe Wort, jedes große Versprechen so lange ausgepresst wird, bis nur mehr seine leere Hülle übrig bleibt. Das wirkt so überzeugend, wie es schnell verstanden ist.

Der Abend aber geht weiter, immer weiter. Auf Elisabeths Demütigung folgt die des armen Kasimir. Auch der stolze Schürzinger entpuppt sich bloß als kleines Rädchen im großen Getriebe des Systems. Wer noch? Karoline natürlich! Und der Schutzpolizist! „Ich habe genug“, singt Elisabeth irgendwann in Anlehnung an Bachs berühmte Kirchenkantate. Das sagt sich auch mancher Zuschauer: Nach der Pause sind die Reihen merklich gelichtet.

Szene aus „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“: Karin Henkel montiert in Basel zwei Klassiker zu einem Dreineinhalb-Stunden-Abend.

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Szene aus „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“: Karin Henkel montiert in Basel zwei Klassiker zu einem Dreineinhalb-Stunden-Abend.
Foto: Ingo Höhn / Theater Basel

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Szene aus „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“: Karin Henkel montiert in Basel zwei Klassiker zu einem Dreineinhalb-Stunden-Abend.
Foto: Ingo Höhn / Theater Basel

Diese Inszenierung scheitert gleich auf mehreren Ebenen. Horváths anekdotisch verknappte Volksstücke eignen sich einfach nicht zum Dreieinhalb-Stunden-Epos in der Dimension einer Shakespeare-Tragödie. Sie lassen sich auch kaum unbeschadet in ein statisches Gerüst zwängen, mag dieses noch so sinnhaft begründet sein. Und Material von anderen Autoren – Henkel und ihre Dramaturgin Inga Schonlau schneiden unter anderem Texte von Thomas Bernhard und Gottfried Benn hinein – bleibt darin ein Fremdkörper.

Darstellerisch überzeugen vor allem die weiblichen Charaktere: Gala Othero Winters fatalistischer Elisabeth stellt Marie Löcker eine sich gegen die Zumutungen ihrer Zeit trotzig aufbäumende Karoline entgegen. Martin Wuttke als Stargast dieser Produktion hingegen liefert zwar den erwartet wuchtigen Auftritt ab, wirkt damit aber phasenweise überdreht. Gerade weil dieser Abend über eine so lange Strecke so uniform, so statisch anmutet, wäre weniger mehr gewesen. Mehr Zurückhaltung, mehr Nachdenklichkeit, mehr Zwischentöne.

Mag sein, dass beide Werke Ödön von Horváths demselben Gedanken entsprungen sind, dass sie ähnlichen Regeln folgen, miteinander zentrale Motive teilen. Es bleiben trotzdem autonome Stücke, aus guten Gründen. Nicht immer wächst auf deutschsprachigen Bühnen zusammen, was auch zusammengehört.

Kommende Vorstellungen: am 4., 16. und 19. März. Weitere Informationen: www.theater-basel.ch

Der Zeppelin

Zur Zeit Ödön von Horváths (1901-1938) galten Luftschiffe noch als Verkehrstechnologie der Zukunft. Ein Zeppelin taucht sowohl in „Kasimir und Karoline“ als auch in „Glaube Liebe Hoffnung“ auf. 2017 hat der Regisseur Herbert Fritsch ein ganzes Stück zu diesem Motiv geschrieben: „Zeppelin“ basierte ganz auf Texten Ödön von Horváths. (brg)

Johannes Bruggaier

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