Misstrauisch blickt der durchsichtige Albert Einstein in die Kamera, als hätte er schon damals fest damit gerechnet, dass ihm selbst im 21. Jahrhundert noch jemand ein Rätsel aufgeben würde. Mit der Relativität von Raum und Zeit hat das falsche Geburtsdatum auf dem Betonklotz neben ihm aber nichts zu tun. Schuld ist viel mehr ein Zahlendreher des Künstlers Ralf Milde, der den Nobelpreisträger aus Acryl entworfen hat.
Einstein-Selfie-Point: Künstler unterläuft Zahlendreher
Als dieser kurz vor der offiziellen Einweihung des neuen Selfie-Points am Ulmer Weinhof nämlich noch ein paar letzte Handgriffe durchführen wollte und dabei auch das Geburtsdatum des weltbekannten Physikers auf dem Betonpfosten hinterließ, unterlief ihm tatsächlich ein Fehler. Aus dem wahrhaftigen Geburtsjahr von 1879 wurde ein 1897. „Ich wollte nur die Leute testen, wie aufmerksam sie die Info lesen“, witzelte Milde hinterher im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. „Nein, ich war einfach unaufmerksam und musste Tage darauf nochmal nachbessern.“
Seit dem vergangenen Samstag, dem 147. Geburtstag von Einstein, steht sie nun auf dem Weinhof, die über zwei Meter hohe Acrylglas-Skulptur des berühmten Sohnes der Stadt Ulm. Einheimische und Touristen können sich hier unweit des Museums „Die Einsteins“ künftig mit dem weltbekannten Physiker ablichten lassen. Die Idee für den sogenannten Selfie-Point stammt aus dem Ulmer Gemeinderat, realisiert worden ist dieser wiederum von Künstler und FDP-Stadtrat Ralf Milde. Der Acryl-Albert soll die Menschen in Ulm fortan daran erinnern, dass Einstein am 14. März 1879 tatsächlich in dieser Stadt das Licht der Welt erblickt hat.

SPD-Mann Martin Rivoir (zweiter von links) und Künstler Ralf Milde (dritter von rechts). (Foto: Stadtarchiv Ulm, Nadja Wollinsky)
Einstein in Ulm: „Wichtige Marke, genau wie das Münster“
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„Viele Menschen wissen gar nicht, dass Albert Einstein hier in Ulm geboren ist“, sagt Milde selbst. „Dabei ist der Mann für die Stadt eine wichtige Marke, genauso wie das Ulmer Münster. Es wird Zeit, darauf stärker aufmerksam zu machen“, bekräftigt er.
Der erste Anstoß für das Projekt kam bereits vor Jahren. Martin Rivoir, Ulmer SPD-Stadtrat und bis zuletzt Abgeordneter im Landtag, kämpfte nahezu ein Jahrzehnt für die Realisierung eines Einstein-Fotospots in dessen Geburtsstadt. „Was lange währt, wird endlich gut“, zeigte sich Rivoir nun begeistert von der Umsetzung. Selbstredend gehörte der langjährige Befürworter zu den Allerersten, die sich mit dem überlebensgroßen Einstein ablichten ließen. Ehrensache, befand Rivoir.
Warum Selfie-Einstein keine Zunge zeigt
Was die Darstellung des Acryl-Alberts betrifft, hat sich der Schöpfer des neuen Selfie-Points im Vorfeld reichlich Gedanken gemacht, wie Ralf Milde erzählt. Auf die berühmte herausgestreckte Zunge, mit der Einstein häufig dargestellt wird, habe er bewusst verzichtet. „Ich finde das total albern“, betonte der Künstler im Gespräch. „Der Albert, den wir hier zeigen, sitzt mit einer gewissen Würde da.“ Freilich stehe es künftig jedem Hobby-Fotografen frei, die eigene Zunge für ein Selfie mit dem Nobelpreisträger in die Kamera zu strecken. „Meins ist es aber nicht. Und ich bin froh, darauf verzichtet zu haben. Es passt einfach nicht.“
Auch die Größe der Skulptur sei Milde bei seiner Schöpfung wichtig gewesen. „Das hat ebenfalls etwas mit Würde zu tun“, bekräftigt er. Zwar präsentiert der Künstler seinen Albert Einstein in einer sitzenden Position, „einfach, damit man sich zu ihm setzen kann“, wie er erklärt. Aber: In der Vergangenheit sei Einstein häufig von Kunstschaffenden gar „verzwergt“ worden, kritisiert der Ulmer. „Das wird ihm nicht gerecht.“
Selfie-Spot: So ist der Acryl-Albert entstanden
Seine Zwei-Meter-Skulptur überragt nun die meisten Köpfe neben ihr und besteht aus massivem Acrylglas. Verwendet wurden zwei Platten mit jeweils drei Zentimetern Dicke, die gelasert wurden, und dadurch eine gewisse Transparenz haben, wie Ralf Milde erklärt. Insgesamt wiege die Installation mit ihren Betonfüßen etwa 600 Kilogramm und sei so konzipiert, dass sie nicht einfach verschoben werden könne.

Aktuell sitzt der transparente Albert Einstein noch am Ulmer Weinhof. Aber nicht mehr lange. (Foto: Stadtarchiv Ulm, Nadja Wollinsky)
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Lange stehen bleiben soll der durchsichtige Einstein am Weinhof allerdings nicht. Bereits in wenigen Wochen wird der Selfie-Spot stattdessen an die Ulmer Sedelhöfe umziehen. Dort, unweit des Hauptbahnhofes, wo Bahnreisende auf ihrem Weg in die Ulmer Innenstadt heute zwangsläufig vorbeikommen, befand sich einst das Geburtshaus der Familie Einstein. „Es geht darum, die Botschaft breit ankommen zu lassen“, meint der Künstler. „Dort werden sicher mehr Fotos entstehen, als am Weinhof.“
Die Kosten für die Skulptur belaufen sich laut dem Künstler auf etwa 15.000 Euro netto und wurden von der Stadt Ulm finanziert. „Das ist vergleichsweise günstig“, erklärt Milde. „Hätten wir den Entwurf ausgeschrieben, wären wir bei mindestens 100.000 Euro gelandet. So konnten wir es in einem überschaubaren Rahmen und auch schneller realisieren.“
Bekommt auch Hildegard Knef einen Selfie-Spot?
Das Konzept des Einstein-Selfie-Points könnte nach dem Empfinden von Ralf Milde im Übrigen auch auf weitere Persönlichkeiten der Stadt angewendet werden: So bringt der Künstler etwa den Gedanken ins Spiel, eine ähnliche Installation für die berühmte deutsche Schauspielerin Hildegard Knef zu entwickeln. Wie Einstein erblickte auch sie einst das Licht der Welt in Ulm. Passenderweise hatte sich in diesem Fall ebenfalls bereits der SPD-Mann Martin Rivoir dafür eingesetzt, Knef ein würdiges Denkmal in ihrer Geburtsstadt zu verschaffen. „Vor einigen Jahren wurde der Platz vor dem Kongresszentrum nach ihr benannt“, schreibt der Fraktionsvorsitzende dazu in einem Antrag. „Außer einem in die Jahre gekommenen Straßenschild erinnert an diesem tristen Platz nichts an Hildegard Knef.“ Vielleicht liegt die Lösung auch hier in einer überlebensgroßen Hildegard aus Acryl. Nur zur Sicherheit: sie wurde im Jahr 1925 geboren.